"Ein Schandfleck für die Stadt", "der totale Verfall", "ein Ort der Düsternis", "ein echtes Dreckloch": Wenn sich Pendler und Planer über den Bad Homburger Bahnhof unterhalten, bleibt für die Wortwahl meist nur die nach unten offene Beschimpfungsskala. "Ich schäme mich richtig, wenn meine Besucher hier ankommen", sagt eine Bad Homburgerin, die den Bahnhof am Wochenende auch selbst nutzt. Die Schülermassen, die den S-Bahnen und der Taunusbahn hier allmorgendlich entströmen, nehmen es gelassen, wohl weil sie es kaum anders kennen. Wenigstens sind sie nach wenigen Metern Fußweg ruckzuck im Stadtbus, der sie direkt zu den weiterführenden Schulen der Stadt bringt.
Zerfallende historische Gebäude strahlen große Tristesse aus, manchmal mehr als ohnehin traurige Betonklötze. Man spürt am Bad Homburger Bahnhof in einigen Winkeln noch den Willen zu Schönheit und Funktionalität, der Kaiser Wilhelm II. einst antrieb, als er den Bau in Auftrag gab. 1907 war der Bahnhof fertig, mit einem eigenen Fürstenbahnhof an Gleis 1, einer repräsentativen Bahnhofshalle mit Jugendstilglasfenstern. Die Ankunft des Kaisers in der Sommerresidenz - damals ein gesellschaftliches Großereignis, "großer Bahnhof" sozusagen.
Erreichbarkeit: etwas außerhalb, aber noch nah genug an der Innenstadt 4 Punkte
Wege: viele Stufen, Aufzug vorhanden; Beschilderung vorhanden 3 Punkte
Warten: kann man nur an den Gleisen, gläserner Windschutz 2 Punkte
Service: man findet sich zurecht 3 Punkte
Sicherheit & Sauberkeit: Gruselfaktor 3 Punkte
Gebäude: runtergekommenes Wilhelminisches Prachtstück mit Brandnarben, außen hui, innen pfui 1 Punkt
Barrieren: Hilfe nur mit Reservierung 2 Punkte
Sonstiges: vielversprechende Zukunft 5 Punkte
Gesamtnote: Hier will man nur schnell weg. Das soll sich aber schon bald ändern, Pläne für einen "Kulturbahnhof" liegen vor. 3 Punkte
Fahrgastaufkomen: 19.000 Pendler pro Tag, viele Schüler
Zahl der Verbindungen: 300 Ankünfte und Abfahrten täglich Zahl der ausgewiesenen Park-plätze (inkl. P+R): 380
Zahl der Fahrradabstellplätze: rund 100, keine Boxen
Heute ist der Bahnhofszugang ganz klein. Pendler zwängen sich durch einen äußerst schmalen Gang zwischen DB-Reisezentrum und roher Sperrholzverkleidung, an der entlang die Fahrkartenautomaten und Fahrpläne aufgereiht sind. Schlimmer geht´s nimmer. Verweilen kann hier zu Stoßzeiten niemand ohne zum Verkehrshindernis zu werden, doch wer möchte das hier auch schon.
Dieser absolute Ausnahmezustand herrscht in Bad Homburg, seit ein jugendlicher Brandstifter in der Nacht zum 4. Juli 2009 in einem Back-Shop Feuer gelegt hat. Nur ein winziger Teil der Bahnhofshalle ist noch nutzbar, der Rest ist aus Sicherheitsgründen bis zur ohnehin fälligen, jetzt aber überfälligen Sanierung abgetrennt.
Seit fünf Jahren ist der Bahnhof Eigentum der Stadt, jahrelange Verhandlungen mit der Bahn gingen voraus. Doch nach dem Kauf herrschte Stillstand. Mit der Gründung einer Bahnhofs GmbH im vergangenen Dezember hat das Projekt "Kulturbahnhof" Fahrt aufgenommen. Architekten haben Entwürfe vorgelegt, Planverfahren sind ins Rollen gebracht. Das alte Gebäude soll nicht nur saniert, sondern in einen Ort mit Aufenthaltsqualitäten auch für die Freizeit des Kur-Stadtmenschen und Pendlers umgewandelt werden.
Ein modernes Restaurant mit wandelbaren Bühnen ist genauso vorgesehen wie eine Ausstellungsfläche unterm Dach, Theater, Konzerte und Kleinkunst drinnen und auch im Freien. Gastronomie, Kultur, helle und lichtdurchflutete Architektur: Aus diesen drei Elementen komponiert Geschäftsführer Ralf Wolter unter dem bisher ungebrochenen Beifall von Politik und Bürgern die Zukunftsmusik für den Bahnhof.
Darauf warten müssen Pendler und die Bad Homburger Bürger noch mindestens zwei Jahre. 15 Millionen Euro wollen dafür aufgebracht werden. Solange kann man sich belegte Brötchen, die Tageszeitung und den Kaffee nur an provisorischen Ständen vor dem Bahnhof kaufen, gibt es nur eine einzige Toilette ebenfalls außerhalb, ganz zu Schweigen von Schließfächern oder größeren Einkaufs- oder Aufenthaltsmöglichkeiten.

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