Dem Bad Nauheimer Bahnhof kehrt man am liebsten den Rücken zu - wegen des Ausblicks. Die Zugstation ist Teil der mehr als 100 Jahre alten architektonischen Gesamtkonzeption der Kurstadt. Vom Bahnhofseingang sieht man zunächst auf die historische Kuranlage Sprudelhof. Deren Hauptweg mit dem Brunnen markiert die Blickachse zum Johannisberg mit seinem Hotel und Restaurant sowie der Sternwarte.
Ende des 19. Jahrhunderts zog der blühende Kurbetrieb verstärkt wohlhabendes und blaublütiges Publikum an. Der Sprudelhof entstand Anfang des 20. Jahrhunderts im opulenten Jugendstil. Wegen des erlauchten Kurpublikums, das auch mit der Eisenbahn anreiste, sollte der Bahnhof als korrespondierender Endpunkt der Blickachse architektonisch nicht zurückstehen.
Erreichbarkeit: gut, keine Wegweiser für Autos 3 Punkte
Wege: Treppen und Aufzüge 4 Punkte
Wartezeit: muss nicht sein 2 Punkte
Service: geht so 3 Punkte
Der Bahnhof: schön, aber... 3 Punkte
Barrieren: sind abgebaut 4 Punkte
Sicherheit & Sauberkeit: man muss nicht zittern 3 Punkte
Gesamturteil: Der Investor hat bestimmt noch was Gutes mit dem Gebäude vor. Doch vorerst ... 3 Punkte
Fahrgastaufkommen: mehr als 4000 Fahrgäste pro Tag
Zahl der Gleise: 4
Zahl der ausgewiesenen Parkplätze: rund 380
Zahl der Fahrradboxen: 10
Hat man genug von der Aussicht genossen und schreitet zu den Gleisen, zeigt sich schnell, dass der im Vorfeld der Landesgartenschau frisch und chic gestaltete und sanierte Vorplatz samt Bahnhofsallee im krassen Gegensatz zu dem steht, was im Innern des Gebäudes vorzufinden ist.
Die denkmalgeschützte Immobilie glänzt außen in neuer Farbe. Im Gebäude, das einem privaten Investor gehört, sieht es dagegen vergammelt bis wüst aus. Man ahnt, die frühere Besitzerin, die Deutsche Bahn, hat drei bis vier Jahrzehnte lang hier offenbar keinen Cent investiert, wenn es keine technische Notwendigkeit dafür gab. Dass an einigen Stellen im Foyer an den Wänden Putz und Zierverblendungen fehlen, fällt da kaum ins Gewicht.
Dabei könnte der Reisende im ebenfalls erkennbar vom Jugendstil geprägten Vestibül einen angenehmen Aufenthalt geboten bekommen - auch bei kühler Witterung, was nicht selbstverständlich ist. Die Schwingtüren an den Ein- und Ausgängen stoppen die Zugluft. Im Foyer zu warten heißt jedoch auch stehen. Die nächsten Sitzgelegenheiten befinden sich außerhalb des Gebäudes - am neu gebauten Bushalt, wo auch das Hightech-Toilettenhäuchen steht, oder auf den Bahnsteigen.
Das Vestibül ist damit zu einem Durchgang degradiert worden. Schade. Naja, früher war eben alles besser. Aus Sicht des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) gilt das auch für die Fahrradständer am Bahnhof. Die neuen Exemplare, erst vor wenigen Wochen montiert, seien unpraktischer als die alten. Die Vorderradführung sei zu eng, das Fahrad stehe darin nicht stabil. Mit einem Bügel- oder einem Seilschloss gewöhnlicher Länge lasse sich überdies nur das Vorderrad erfassen.
Der Reisende findet beim Aufenthalt in der Halle des Bahnhofs nur eine bescheidene Infrastruktur vor: ein Zeitungsladen mit einem kiosk-artigem Sortiment, eine provisorisch wirkende Blumenhandlung und die beiden Schalterfenster für den Fahrkartenverkauf.
Dass es einmal Gastronomie am Bahnhof gab - und das nicht nur zu der Zeit , als der Zar die Kurstadt besuchte - darauf deutet heute nurmehr wenig hin. Von einer Aufbruchstimmung im Sog der Landesgartenschau ist im Bahnhof nichts zu spüren. Der Schwung scheint dort vorbeigegangen zu sein - und damit auch an den über 4000 Menschen, die den Bahnhof täglich nutzen.
Das traurige Gesamtbild wird von den Schließfächern bestätigt: Alle Türchen tragen gelbe Aufkleber mit dem Hinweis "Außer Betrieb". Immerhin sind die Gleise nun barrierefrei mit dem Aufzug zu erreichen. Hiermit kommt die Bahn offenbar dem Bedürfnis einer nicht unbedeutenden Gästeklientel nach: Bad Nauheim hat sich von einer traditionellen Kurstadt zu einem Ort mit Spezialkliniken und Gesundheitszentren gewandelt.

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