Mit beherztem Schritt hüpft die junge Frau drei Schritte über die Gleise, hievt sich die Mauer zum Bahnsteig hoch und spurtet mit entschlossenem Blick gerade noch rechtzeitig zur S-Bahn auf Gleis 2 der Station Dietzenbach Mitte. Das lebensgefährliche Spiel wiederholt sich täglich mehrfach. Das berichten Pendler. Vor allem Jugendliche nehmen den unversperrten Weg über die Gleise, statt treppab, treppauf durch die Unterführung zu rennen und das Risiko einzugehen, die Bahn zu verpassen.
Die Szenen haben auch die Mitarbeiter der Kreisverkehrsgesellschaft (KVG) von ihrem Schreibtisch aus im Blick. Die Einrichtung, die im öffentlichen Personennahverkehr die Interessen des Kreises wahrnimmt und beim Ausbau aller Stationen eingebunden ist, ist hier mit der Mobilitätszentrale des RMV direkt an der S-Bahnstation in einem Gebäude untergebracht. Das heißt, eigentlich ist sie "übergebracht". Denn wenn der Name "Kreisverkehrsgesellschaft" auch ein bisschen sperrig wirkt - die Unterkunft ist ziemlich abgefahren. Wie ein Raumschiff scheinen die Büroräume auf langen Säulen über dem Ensemble aus Station, Bahnhofsvorplatz und Dietzenbacher Busbahnhof zu schweben.
Erreichbarkeit: Ausschilderung könnte besser sein, sonst prima 4 Punkte
Wege: alles gut 5 Punkte
Warten: im Warmen kaum möglich, wenig Sitzplätze 2 Punkte
Service: Mobilitätszentrale an der Station 4 Punkte
Sicherheit & Sauberkeit: oben hui, nur unten ziemlich pfui 4 Punkte
Barrieren: Es fehlen Familienparkplätze und Aufzüge 3 Punkte
Gesamtnote: leicht überdurchschnittlicher Pendlerbahnhof 3 Punkte
Fahrgastaufkommen: gut 3000 Reisende pro Tag
Zahl der Gleise: 2
Zahl der ausgewiesenen Parkplätze (inkl. P+R) 155
Zahl der Fahrradboxen: 14
Ein klassisches Bahnhofsgebäude hat die Station nicht, aber die Mobilitätszentrale und die KVG sorgen zusammen mit dem Busbahnhof und den Geschäften für eine belebte Umgebung. "Die Kommunen können viel für die Stationen tun, indem sie für ein angenehmes Umfeld sorgen", sagt Jürgen Hoffmann, Leiter der KVG, "und Dietzenbach ist da recht engagiert."
Während die gesamte Station großzügig und einladend wirkt, ist die Unterführung zum Industriegebiet und zu den Park-&-Ride-Plätzen ungepflegt. Am Testtag mussten Radfahrer, die die langen, behindertengerechten Rampen entlangfuhren, umherrollenden Bierflaschen ausweichen. Und eine Grundreinigung stünde den Zu- und Abgängen gut an.
Doch für die Pendler hat die Station den Vorteil, dass sie in der Mobilitätszentrale fast alle Anliegen rund um den Nahverkehr erledigen können. Bei Ursula Schlosser können sie Fahrscheine kaufen, Verbindungen heraussuchen lassen und Beschwerden loswerden, "die wir dann weiterleiten". Sie tauscht aber auch die Fahrkarte des Schülers um, der sich im März für April ein Monatsticket gekauft hat, weil er die Osterferien vergessen hat. Und wenn ein paar Leute hier im Warmen auf die S-Bahn warten wollen, "habe ich überhaupt kein Problem damit".
Jürgen Hoffmann sieht den Verkehrsfluss, aber eben auch Pendler und Passanten, die über die Gleise gehen, als seien es Zebrastreifen. "Die haben hier schon Omas drüber gehoben und Kinderwagen hochgestemmt", erzählt er. Ist er selbst unten, spricht er die Leute an, appelliert an die Vernunft, oft ahnde die Bundespolizei diese Ordnungswidrigkeit. Die Frage, ob nicht ein Zaun Abhilfe schaffen könnte, beantwortet er resigniert: "So hohe und lange Zäune kann man gar nicht bauen, als dass die Leute nicht drüber steigen würden."

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