Der sportliche Mann im flotten Sommeranzug ist zornig. "Was für eine Katastrophe!", ruft er entnervt, als er sein Rad am Metallpfosten neben dem Haupteingang festschließt - nicht ganz korrekt zwar, doch was sollte er machen? Die vielleicht 50 Fahrradstellplätze auf dem Vorplatz sind hoffnungslos überfüllt. Fein aufgereiht wie am Schnürchen warten nur die rot-silbernen Mieträder der Bahn auf Kunden.
Eine spontane Einkaufstour in die Stadt ist damit schon für wenig Geld drin: Acht Cent pro Minute kostet der Spaß. Bedienung und Bezahlung sind kinderleicht und die metallen Flitzer 1a in Schuss. Wer jedoch mit dem eigenen Rad kommt, kann von solchem Service nur träumen. "Ich bin schon froh, wenn am Abend mein Sattel noch am Rad ist", sagt der flotte Fahrradpendler leicht gequält. Dann hat ihn der Hauptbahnhof verschluckt.
Erreichbarkeit: Top, doch Abstriche beim Rad 3 Punkte
Wege: Aufzug, Rolltreppen, gut beschildert 5 Punkte
Warten: Nur auf Gleisen fehlen Bänke 4 Punkte
Service: Sehr professionell 5 Punkte
Sicherheit & Sauberkeit: alles in Ordnung 5 Punkte
Gebäude: Architektonisches Schmuckstück 5 Punkte
Barrieren: Flache Rampen, individuelle Hilfe 5 Punkte
Gesamtnote: Der Hauptbahnhof ist eine Visitenkarte für Frankfurt, allerdings könnte sich die Bahn mehr um Radpendler bemühen 5 Punkte
Fahrgastaufkommen: rund 300.000 Reisende pro Tag
Zahl der Gleise: 25 (ohne S-Bahn)
Zahl der ausgewiesenen Parkplätze (inkl. P+R) 871
Zahl der Fahrradboxen: keine
Drinnen in dem 1888 als Centralbahnhof Frankfurt eröffneten Gebäude widerlegt die Bahn in weiten Teilen das Vorurteil, ein verstaubter Dienstleistungsapparat zu sein. Immerhin gehört der Ort nicht nur der Architektur wegen zu den großartigen Bahnhöfen im Land. Erst vor wenigen Jahren wurden 60 000 Quadratmeter Dach- und Wandverkleidung in den fünf Hallen grunderneuert, welche die Bahnsteige überdachen. Frankfurt ist die wichtigste Drehscheibe im Zugverkehr bundesweit. Der Flughafen ist nur eine paar S-Bahn-Minuten entfernt. ICEs und ICs fahren den Bahnhof im Stunden- oder Zweistundentakt an. Die Straßenbahnlinien halten am Vorplatz, 15 Linien des RMV beginnen oder enden hier. Und mit mehr als 300 000 Reisenden und Besuchern pro Tag ist der Frankfurter Hauptbahnhof Statistiken zufolge nach Hamburg der zweitgrößte bundesweit. Insofern nimmt er im Reigen der hessischen Bahnhöfe eine Ausnahmestellung ein.
In der Tat hält die Bahn hier mit viel Personal-Einsatz den Betrieb am Laufen. Das ist keineswegs ironisch gemeint. Wo andernorts nur noch Automaten Tickets und Verbindungen ausspucken, trifft man am Hauptbahnhof noch Mitarbeiter, die einem erklären, wie man die Automaten auch bedient. Es geht noch persönlicher: Im Reisezentrum mit seinen mehr als 20 Schaltern kümmern sich Bahn-Bedienstete um Tickets, Umbuchungen, Reservierungen, Stornierungen. Bloß nicht an Sonn- und Feiertagen, da bleibt das Reisezentrum zu.
Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, sind hingegen die Service-Leute im Einsatz. Sie stehen am Service-Point, an der Fundstelle, informieren Reisende über verspätete Züge und helfen Behinderten: In Frankfurt ist das Reisen mit Handicap kein Abenteuer. Wer vom Hauptbahnhof auf Anhieb aufs richtige Gleis der U- oder S-Bahn finden will, dem hilft ein guter Orientierungssinn weiter, zumal als Ortsfremder. Freilich sind die Wege, ob ebenerdig oder auf der B-Ebene unter Tage, gut beschildert. Und, wie gesagt: Fragen hilft auf jeden Fall weiter.
Ohnehin fällt es nicht sonderlich schwer, sich in dem eigenwilligen Kosmos die Zeit zu vertreiben. Banken, Geschäfte, Läden mit Zeitschriften, Zeitungen und Büchern, Bars und Bäckereien, Stände mit Fisch und edlen Süßigkeiten, Restaurants - das Angebot auf 9000 Quadratmetern ist beeindruckend. Komfortabel können sich Erste-Klasse-Kunden in der DB Lounge im ersten Stock über dem Reisezentrum in die Metropolen der Welt träumen, die oft nur eine Zugreise entfernt sind. Einen Stock tiefer gibt es genug Wartebänke auch für die "Holz-Klasse". Damit man den Aufenthalt auch genießen kann, sind Schließfächer fürs Gepäck reichlich vorhanden und die Toiletten eine Treppe tiefer blitzsauber (für 70 Cent), dort gibt es sogar Duschen.
Der Bahnhof punktet mit Service, Sicherheit und Sauberkeit. Die Renovierung im Jahre 2006 war ein großer Schritt. Das bestätigen viele Reisende - aber auch Menschen wie Massimiliano Spinelli, die im Bahnhof arbeiten. Der 27-Jährige verkauft italienische Spezialitäten. Jeden Tag, von sechs bis 22 Uhr, hat der Laden geöffnet. In zwei Schichten bieten die Mitarbeiter feinste Salami-Sorten und Brot an. "Hier ist immer was los", sagt der Fan von Inter Mailand, der sich auch in der allergrößten Hektik nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Reisende, Pendler und viele Stammkunden kauften bei ihm ein, erzählt er. Spinelli kann sich im Augenblick jedenfalls nicht vorstellen, irgendwo anders zu arbeiten. "Keine Frage, hier drinnen, das ist eine ganz eigene Welt."

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