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Bahnhofstest Kronberg: Charme der Vergangenheit

Endstation Kronberg: 36 Mal am Tag fährt die S4 auf dem einzigen Bahnhofsgleis ein. Und auch sonst geht es hier beschaulich zu. Von Olaf Velte

Dies könnte ein schöner Bahnhof werden.
Dies könnte ein schöner Bahnhof werden.
Foto: Joachim Storch

Zwölf Uhr mittags. Der Kronberger Bahnhof liegt sonnenbeschienen im Talgrund, der Blick geht hinauf zu Burgturm und Baumwipfeln. Obwohl Teile des Parkplatzes wegen Bauarbeiten gesperrt sind, stehen genügend freie Plätze zur Verfügung. Auch der überdachte Fahrradständer ist keineswegs überfüllt. Auf dem Tresen der seit vielen Jahren geschlossenen Bahnhofskneipe steht ein verstaubtes Bierglas, das hölzerne Mobiliar harrt seiner Erweckung. Sechsunddreißigmal pro Tag fährt die S4 auf dem einzigen Gleis der Endstation ein.

Wer von hier in die Kronberger City gelangen will, muss keinen langen Weg antreten - der Anstieg ist jedoch für Senioren und Leute mit schwerem Gepäck mühsam. Eine Alternative sind die Stadtbusse, die vor dem 1874 erbauten Gebäude abfahren. Ohne Umstände erreichen die Reisenden den Bahnsteig. Alles bewegt sich zu ebener Erde - es gibt weder Rampen und Brücken noch Unterführungen oder Aufzüge.

Testnoten
Kronberg

Erreichbarkeit: innenstadtnah, aber Gefälle 3 Punkte

Wege: alles ebenerdig, kurze Strecken 4 Punkte

Warten: genug Sitzplätze, aber kein Kiosk 2 Punkte

Service: ein hilfsbereiter Schalterbeamter 3 Punkte

Der Bahnhof: bewahrt die Würde des Alters 2 Punkte

Barrieren: wenige, da alles auf einer Ebene 2 Punkte

Sonstiges: ein guter Platz zum Meditieren 3 Punkte

Gesamturteil: Betrieb funktioniert auf niedrigem Niveau. Modernisierung notwendig 2 Punkte

Fahrgastaufkommen: rund 3000 Reisende pro Tag

Zahl der Gleise: 1

Zahl der Parkplätze: etwa 300

Zahl der Fahrradboxen: keine; 40 überdachte Abstellplätze

Da keine Barrieren und langen Strecken zu bewältigen und zudem ausreichende Sitzplätze vorhanden sind, bleibt Zeit für Lektüre oder Nahrungsaufnahme. Besonders wenn ein Zug ausfällt und die Sonne das Areal bestrahlt. Die Holzbänke sind alt, aber sauber und stabil. Wo aber bekommt der Wartende eine Zeitung und einen Becher Kaffee her? Eine Laugenstange und ein Päckchen Zigaretten? Die Suche ist vergebens, keine Einkaufsgelegenheit weit und breit. Nur ein Snack-Automat findet sich auf dem Bahnsteig. Ein Kiosk wurde zwar 2005 eröffnet, stellte den Betrieb aber drei Jahre später wieder ein. Der Betreiber habe die Miete an die Bahn nicht mehr bezahlen können, sagt ein Pendler - gemunkelt wird von 3000 Euro im Monat.

Wenn Essen und Trinken schon nicht gesichert sind, muss es aber mit der Notdurft klappen. Dafür wurde im Außenbereich eine futuristische Toiletten-Kapsel hingestellt: Nach Einwurf einer Münze gleitet die Tür auf, eine Stimme vom Band gibt Anweisungen, fünfzehn Minuten darf man bleiben. Belastend nur, wenn das nötige Kleingeld nicht zur Hand ist.

Im Inneren des ehrwürdigen, aber sich selbst überlassenen Gebäudes ist es still. Genügend Sitzplätze auch hier. Kein Unrat auf dem Boden, keine beschmutzten Wände. Das DB-Reisezentrum hat vorübergehend geschlossen, der Bahnbeamte hält Mittagspause. Hier können zu den Öffnungszeiten auch Fernverbindungen gebucht werden. Der hilfsbereite Beamte wünscht sich "mehr Leben" im Bahnhof, akzeptiert aber den herrschenden "Charme der 50er Jahre". DB-Broschüren und RMV-Prospekte verkürzen die Wartezeit, man schmökert in "Erlebnisreisen" oder "Zügig nach Ostfriesland". Oder vertieft sich in die großflächigen Malereien, die sich kunterbunt über die Außenwand erstrecken. Da zeigt eine rauchende Nonne viel Bein, ein Marsmännchen leckt am Eis - phantastische Szenerien kontrastieren mit dem Reiz einer längst vergangenen Bahn-Epoche. Mit den Worten einer Reisenden: "Es ist nicht schön, aber funktional."

Nach dem Willen von Bahn und Stadt soll sich am Kronberger Bahnhof vieles verändern. Für das Gebäude sucht die Bahn derzeit einen Investor. Erwünscht ist jemand, der den Bau saniert und die Gastronomie wieder aufleben lässt. Noch sei alles in der Schwebe, sagt Stadtsprecher Claus Harbers. Für das geplante Hotel befinde man sich dagegen in Verhandlungen mit einem Geldgeber, die Vorlage sei aber noch "nachbesserungswürdig". Bis zum Sommer dieses Jahres soll die Angelegenheit aber unter Dach und Fach gebracht werden.

In Arbeit befindet sich derzeit die Umgestaltung des ehemaligen Lokschuppens. Das 1934 gebaute Backsteingebäude behält seine typische Fassade, im Inneren schafft der ortsansässige Geschäftsmann Dietmar Spielmann Büroräume für die eigene Firma. Daneben will die Stadt hier ab Herbst auch "kulturelle Events" stattfinden lassen.

Im April 2010 deutet am Bahnhof Kronberg nichts auf moderne Zeiten hin, die Uhren scheinen hier dem Takt einer ruhigeren Ära zu gehorchen.

Autor:  Olaf Velte
Datum:  14 | 4 | 2010
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