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Bahnhofstest Marburg: Für Sehbehinderte eine Katastrophe

Mit dem mehr als 160 Jahre alten Bahnhof Marburg geht es seit Jahren bergab. Jetzt hoffen alle auf die Sanierung. Von Gesa Coordes

Hoffen auf die Renovierung: der Bahnhof in Marburg.
Hoffen auf die Renovierung: der Bahnhof in Marburg.
Foto: Wegst/FR

Ohne fremde Hilfe kommt Rollifahrer Christian Haas in Marburg nur noch bis zum Bahnsteig 1. Da, wo Radler, Menschen mit schwerem Gepäck und Rollstuhlfahrer früher die Gleise querten, prangt inzwischen eine Schranke. Und die kann nur das Bahnpersonal öffnen: "Wenn ich nach 20.30 Uhr ankomme, muss ich auf dem Bahnsteig übernachten oder zelten", sagt Haas ironisch. Dann sind die Bahnbediensteten nämlich weg. Und zum Ausgang führen zwei lange Treppen: "Das ist kein Zustand - vor allem für eine Stadt wie Marburg, die eigentlich so behindertenfreundlich ist", meint der 25-jährige Sprachwissenschaftler.

Schließlich klagen auch die rund 700 Blinden über den 160 Jahre alten Bahnhof, der im Gegensatz zur vorbildlich blindengerechten Stadt alles andere als barrierefrei ist: Richtig gefährlich findet Michael Herbst vom Verein für Blinde und Sehbehinderte in Studium und Beruf die fehlenden Leitkanten an den Gleisen. Mit den taktilen Warnstreifen könnte er fühlen, wenn er kurz davor ist, auf die Schienen zu fallen.

Testnoten
Marburg

Erreichbarkeit: top mit dem Bus, Flop mit Rad 3 Punkte

Wege: Treppensteigen ist ein Muss 2 Punkte

Warten: drinnen dürftig, draußen zugig 2 Punkte

Service: könnte besser sein 3 Punkte

Sicherheit & Sauberkeit: ganz schön schmuddelig 2 Punkte

Gebäude: marodes Interieur 2 Punkte

Barrieren: Blinde, Rollifahrer, Radler fluchen 2 Punkte

Gesamtnote: Mit diesem Bahnhof geht es seit Jahrzehnten bergab. Nun hoffen alle auf die Sanierung 2 Punkte

Fahrgastaufkommen: rund 12.000 Reisende pro Tag

Zahl der Gleise: 6

Zahl der Parkplätze: 250

Zahl der Fahrradboxen: 0, aber 100 überdachte Abstellplätze

Ein Ärgernis sind die Flatterbänder vor den Schaltern, die Sehbehinderte mit ihren Langstöcken nicht ertasten können. Und die Fahrkartenautomaten sind so postiert, dass sie Blinden immer im Weg stehen. Herbst Fazit: "Aus der Sicht von Sehbehinderten ist das ein Katastrophen-Bahnhof."

Dabei sollte er noch vor fünf Jahren zum Modellbahnhof für Barrierefreiheit werden. Doch dann wurde der über die Gleise führende Ortenbergsteg erneuert - ohne Aufzüge zu den Gleisen.

Vom Modellbahnhof Marburg ist nun nicht mehr die Rede. Aber auch der ganz normale behindertengerechte Umbau des Bahnhofs mit sanierten Bahnsteigen und Aufzügen lässt noch auf sich warten. Weil die Sanierung des Stadtallendorfer Bahnhofs vorgezogen wurde, wird der Umbau wohl frühestens 2013 abgeschlossen sein.

Dabei ist am Marburger Bahnhof schon seit Jahrzehnten nichts mehr getan worden: Die Bahnsteige gleichen nicht erst seit diesem Winter teilweise eine Schlaglochpiste. Die Gepäckbänder wurden ganz abgebaut, nachdem sie jahrelang schon nicht mehr liefen. Eine hässliche Betonunterführung leitet zur Schalterhalle.

Dem neobarocken Empfangsgebäude sieht man zwar noch an, wie prächtig es einst war. Aber die Halle ist so schmuddelig, dass selbst Bahnhofsmanager Roland Meuschke einräumt: "Das ist einfach nicht einladend." Kabel hängen aus den rissigen Wänden. Schriftzüge werben für die längst abgerissene Marburger Brauerei. Die zersprungene Front des leer stehenden Blumenladens ist provisorisch mit Klebeband repariert. Die Schwingtüren sind zerkratzt und beschmiert. Fliesen sind zersprungen, Putz bröckelt. Pizzareste und Kippen liegen in den Ecken. Es gibt aber weder ein Bistro noch ein Café oder einen Aufenthaltsraum, in die sich Besucher flüchten könnten. Gerade einmal zwei Holzbänke müssen gestrandeten Reisenden reichen.

Doch zumindest beim Empfangsgebäude gibt es berechtigte Hoffnung: Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewobau hat die leer stehenden Obergeschosse gekauft - unter der Bedingung, dass die Halle renoviert wird. Sie hat damit begonnen, die oberen Etagen für Praxen, Versicherungen und andere Firmen zu sanieren. Von den ursprünglich geplanten Studierendenwohnungen sah die Gewobau aus finanziellen Gründen ab.

Weitgehend zeitgleich - bis zum Herbst 2011 - soll auch die Empfangshalle so gründlich saniert werden, dass Bahnhofsmanager Meuschke ins Schwärmen kommt: Moderner, heller, freundlicher. In Zukunft gibt es auch nicht mehr nur Brötchen, Zeitschriften und Bücher zu kaufen: Ein Metzger, ein Drogeriemarkt, ein Tabakladen und eine große Fastfood-Kette sollen einziehen.

Bleibt noch ein Ärgernis: Seit der Fahrplanumstellung fühlen sich die Marburger regelrecht abgehängt. Die Verbindungen nach Frankfurt und Kassel haben sich deutlich verschlechtert.

Autor:  Gesa Coordes
Datum:  20 | 4 | 2010
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