Dossier
Was bewegt die Menschen in Rhein-Main?

06. April 2010

Bahnhofstest Oberursel: Zwischen zwei Leben

 Von Jürgen Streicher
Ein Fünkchen Leben in der Ödnis des Bahnhofs bietet der kleine Kiosk mit Fensterbedienung in der alten Wartehalle. Foto: Schick/FR

Heruntergekommen, vernachlässigt, lieblos behandelt: Der Bahnhof Oberursel ist ein Schandfleck. Bis zum Hessentag 2011 soll damit aber Schluss sein. Von Jürgen Streicher

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Testnoten
Oberursel

Erreichbarkeit: sehr gut, nah an der Innenstadt 4 Punkte

Wege: verwinkelt, Treppen, kein Aufzug 3 Punkte

Warten: zugige Gleisanlage, kein Windschutz 1 Punkt

Service: fast ein Fremdwort in Oberursel 1 Punkt

Sicherheit & Sauberkeit: Gruselfaktor 2 Punkte

Gebäude: heruntergekommen, grauslich 1 Punkt

Barrieren: barrierefrei ist hier nichts 0 Punkte

Gesamtnote: Dieser Bahnhof bietet alles, was man nicht will. Bis zum Hessentag 2011 soll er aber richtig schön werden. 2 Punkte

Fahrgastaufkommen: 11.000 Pendler pro Tag, viele Schüler

Zahl der Gleise: zwei

Parkplätze: (inkl. P+R) 83

Zahl der Fahrradboxen: acht plus 140 überdachte Abstellplätze

Ein öder Ort, dieser einst schöne Bahnhof. Heruntergekommen, vernachlässigt, lieblos behandelt. Mit Ausstrahlung in alle Richtungen. Fahren ja auch nur noch S-Bahnen ein und aus. Und die Taunusbahn mit den Pendlern aus dem Hinterland. Nur einmal konnten sie hier vom alten Glanz träumen, als die Bahn vor ein paar Jahren einen ICE auf Gleis 2 vorfahren ließ, um ihn auf den Namen "Oberursel" zu taufen. Die Versprechungen für die Zukunft fielen damals schon dürftig aus, die Realität ist es geblieben.

Die Ödnis im zerfallenden, verdreckten Gebäude setzt sich fort, greift um sich, hat längst einen Bannkreis um den einst stolzen Prachtbau gezogen, an dem Kaiser Wilhelm II. nach der Eröffnung 1901 auf dem Weg nach Kronberg vorbeifuhr. Als "Villentyp mit Landhauscharakter" bezeichnet Landesdenkmalpflegerin Gisela Kniffler den Bahnhofsbau, der Charakter ist zumindest noch zu erahnen. Auch am Gleisüberbau, da hat die Bahn die Überdachung tatsächlich sanieren lassen und die stützenden Eisenpfosten mit Jugendstil-Charakter vor nicht allzu langer Zeit frisch grau lackiert.

Ekel in der Unterführung

Hoffnung auf eine bessere Zukunft? Ja, unbedingt, sagt die Kommunalpolitik unisono. Die Zukunft hat dieser Tage mit dem ersten Baggerstich für eine "Personenunterführung" begonnen. Endlich, nach mehr als 100 Jahren, soll sie den südlichen Stadtteil Bommersheim zumindest für Fußgänger, Radfahrer und Kinderwagenschieber direkt, barrierefrei und ohne Pause an geschlossenen Schranken mit der Innenstadt verbinden. Soll die durch die Bahnschienen gerissene Wunde als Bypass schließen.

In Zeiten, da der Begriff Barrierefreiheit als Synonym für die Integration benachteiligter Menschen ins verkehrsgesellschaftliche Leben bei allen angekommen ist, bietet dieser öde Bahnhof Oberursel ein Bild des Jammers. Keine Rampe, um ins Gebäude zu gelangen. Die Unterführung zum Mittelbahnsteig - nur Treppen, keine Schienen für Fahrräder, Kinderwagen, Gepäckstücke, kein Aufzug - ist für Kritiker der Zustände stets die Krönung, wenn sie auf die elementarsten Mängel hinweisen oder sich ekeln wollen.

Die Klinker sind dreckig-orange, zerstörte Dachpaneele, heraushängende Drähte, oft stinkt es nach Urin. Dabei ist gut gelüftet. Die meisten rückwärtigen Scheiben im Empfangsgebäude mit Blick auf den Nebengleis-Müllplatz sind zerschlagen. "Das ist grauslig, ganz schrecklich, schlimmer als bei uns im tiefsten Osten", sagt eine Frau aus Schwedt an der Oder, zu Besuch in der Brunnenstadt, die sich so gerne als heimelig darstellen will. "Eine Zumutung" nennt die nächste Pendlerin das Muss des Gangs durch die Unterführung. Sie habe auch "schon Ratten gesehen".

Die Vorstellung von Ratten ist leicht nachvollziehbar, wenn man bei trübem Wetter und schlechter Beleuchtung das Bahnhofsgebäude betritt. Ein Nichts inzwischen, abgesehen vom kleinen Kioskfenster und den Zeitungsständern. Das Bahnhofsrestaurant ist seit gefühlten 37 Jahren geschlossen, der frühere Fahrkartenschalter seit mindestens zehn Jahren. Der einzige Automat ist inzwischen auf den Bahnsteig verlegt worden. Ein Fahrplan an der Seitenwand trotzt noch der Beschreibung von der Service-Wüste. Keine Toilette, kein Windschutz draußen, die Lautsprecherdurchsagen sind unverständlich.

Architektonische Leere

Zur Ehrenrettung des Bahnhofs kann nur seine gute Erreichbarkeit herhalten. U-Bahn- und Bushaltestelle sind nah, in fünf Minuten ist man zu Fuß in der City. Und sonst? Es gibt acht blaue Fahrradboxen, die wie Müllcontainer aussehen. Und etwa 140 altertümliche Fahrradständer mit nur einer Anschließmöglichkeit, das Gestänge ist durch pure Gewalt an vielen Stellen verbogen. Verdreckter und zum Teil kaputter Plexiglasschutz wirkt nur abweisend. Ein verschmiertes Trafohäuschen überbrückt die architektonische Leere zwischen aufgegebenem Kiosk und verlassenem Jugendstil-Bahnhof.

Aber die Hoffnung lebt, und insofern muss man der Gesamtheit Bahnhofsgelände den Status "Zwischen zwei Leben" einräumen. Die Stadt hat das Gebäude über ihre Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft vor zwei Jahren gekauft und will es jetzt privat vermarkten - unten Gastronomie, oben Tanzschule. Ihre Eigenleistung soll die "Personenunterführung Ost" mit breiten Rampen und Aufzug zum Mittelbahnsteig sein und die Neugestaltung des Umfelds. Der Umbau der U-Bahn-Station gegenüber nach modernem Vorbild beginnt im Mai, hat die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) versprochen.

Aus dem Verzeichnis "Öde Orte" soll der Bahnhof bis 2011 verschwinden.

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