Vorne, auf der sonnendurchglühten Seite, wirbeln Lastwagen Staubwolken hoch. Raupen dröhnen, Bagger fressen sich in die Tiefe. Im Schatten hinter dem langgestreckten Leib der Großmarkthalle stapeln sich die Zeugnisse ihrer Baugeschichte auf dem Asphalt: Hunderte von Backsteinen aus den Entstehungsjahren 1927 bis 1929. Von Hand haben die Arbeiter sie einzeln von der Fassade des westlichen Annexbaus geklaubt, um sie zu sammeln. "Wir entfernen sie, um sie später wieder einzubauen", hat Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), eine Stunde zuvor im Limpurgsaal des Rathauses versprochen, als die EZB die abschließende Baugenehmigung für ihr neues Quartier auf dem Grundstück der alten Halle erhielt.
Die Annexbauten der Halle, für die Denkmalschützer lange gekämpft hatten, fallen gerade - viele ihrer Bausteine aber überleben. "Wir werden sie dort einsetzen, wo die Fassade der Markthalle Schäden aufweist", sagt EZB-Sprecherin Andrea Jürges. Und fügt mit Blick auf die Backstein-Stapel hinzu: "Es geht darum, die Original-Farbigkeit zu erhalten". Würde man die Klinker nämlich heute neu brennen, wiesen sie eine andere Farbe auf. Nijaz Muzaferovic, der bosnische Vorarbeiter der Baufirma HSH, hat also eine verantwortungsvolle Aufgabe. Mit Dampfstrahlern muss er jeden Stein reinigen. Er wiegt jeden einzeln in der Hand. "Ein Kilo Gewicht, obwohl sie innen hohl sind", schätzt er. "Der weiche Putz" der 20er Jahre fällt leicht ab. 320 Steine passen auf eine Palette, zählt Muzaferovic vor, 41 Paletten stehen da schon, fein säuberlich in Kunststofffolie gehüllt.
Nur wenige Schritte weiter spiegelt sich die Sonne im blauen Glas der Musterfassaden. Einen der ausgestellten Farbtöne wird das Doppel-Hochhaus der EZB südlich der Großmarkthalle einmal aufweisen; "die Entscheidung ist noch nicht gefallen", sagt Jürges.
Aus der Sonnenhitze geht es hinein in die halbdunkle Kühle der 250 Meter langen Halle - noch einmal, zum letzten Mal, entfaltet die Architektur Martin Elsaessers ihren Zauber. Schriftzüge an den Wänden erinnern noch an die Obst- und Gemüsehändler. "Hansa Frucht" steht da, Telefonnummern sind zu lesen, die keiner mehr anruft: "M. Bunn und Söhne - Telefon 41391". Auch über das Innere der Halle haben die Denkmalschützer mit den Planern und den Architekten des Wiener Büros Coop Himmelb(l)au gerungen. Ein Ergebnis: "Das alte Glas der Fenster wird ausgetauscht", so Jürges - schon wegen der Energiespar-Richtlinien. Auch die Stahlfensterrahmen werden ersetzt; sie schließen nicht mehr dicht.
Ins Innere des Hallenkörpers werden die EZB-Architekten mächtige neue Bauten setzen: Cafeteria, Kantine, Besucherzentrum, Konferenzräume. Doch "wird man den großen Hallenraum in Teilen noch erleben können", meint die EZB-Sprecherin. Der Weg führt nach unten in die dunklen Keller, wo während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Menschen gefangengehalten und von der Rampe hinter der Halle per Zug in die Vernichtungslager transportiert wurden.
Fein säuberlich finden sich auf dem Hallenboden die Bohrkerne ausgebreitet, die Aufschluss geben über die Beschaffenheit des Baugrunds. Hinter dem riesigen Gebäude erinnert nichts mehr an die Rampe, alle Gleise sind verschwunden. Das geplante Mahnmal an die Deportation der Frankfurter Juden wird nicht am authentischen Ort, sondern außerhalb des EZB-Geländes errichtet. "Ein authentischer Keller bleibt erhalten", verspricht Jürges. Im Sonnenlicht klafft schon die große Baugrube für die Doppeltürme;, schwere Bohrer rattern. Männer und Gerät mit dem Namen des Baukonzerns Züblin, der diese Vorarbeiten erledigt. "Im Januar 2009 werden wir den Grundstein legen", hat EZB-Präsident Trichet im Römer am Vormittag angekündigt.
Leere Fensterhöhlen klaffen im westlichen Annexbau, geben den Blick frei in die Räume, in denen Jahrzehnte lang Marktarbeiter der Stadt gelebt und ihre Wäsche an langen Leinen auf dem Dach getrocknet haben. Die Umrisse der künftigen Tiefgarage schälen sich bereits aus der Erde: Zwei Geschosse für die Automobile der EZB-Beschäftigten. Ende 2011 werden sie hier zum ersten Mal unter der Oberfläche parken.

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