Das, was anders ist, nun auch zu lernen - die Devise des Wanderers aus "Siegfried" gilt auch für die Bayreuther Festspiele. In alten Zeiten, so sieht man die Szene vor sich, kam der Patriarch zum Sprecher seiner Bühnenarbeiter, drückte ihm verstohlen eine Havanna in die Hand, klopfte ihm auf die Schulter und sprach in kernigem Fränkisch: "Weiter so!"
Und weiter gings in schöner Kameraderie. Schließlich war man Teil einer künstlerischen Idealgemeinschaft. Dann kam eine neue Zeit und mit ihr die theaterunternehmerische Normalität. Kein väterlich naher Chef war mehr da, dafür Funktionsträger in einer von anonymen Machtfaktoren durchwirkten Institution. Und leicht verdutzt reiben sich die Festspiele ihre Augen, weil sie in der Realität der Arbeitswelt angelangt sind. König Ludwig ist tot, Tarifverträge werden auch für einen Grünen Hügel zur Selbstverständlichkeit.
Im offiziellen Jahr eins des Urenkelinnengespanns Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner zeigte sich das Neue mithin im Organisatorischen: Als Tarifauseinandersetzung, die der Aufführungsserie einen bedrohlichen Schatten entgegen warf, aber kurz vor Festspielbeginn glücklich oder zumindest einvernehmlich beendet wurde. Frau Merkel und all die anderen illustren Eröffnungsgäste konnten genießen.
Man könnte 2007 als das wahre künstlerische Einstandsjahr der neuen Ära verbuchen, als Katharina Wagner in Bayreuth ihre spektakuläre Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" bot. 2009 dagegen fügte es sich so, dass - wie immer einmal wieder - keine szenographische Novität zustande kam und der Eröffnungstag daher mit dem vier Jahre alten "Tristan" in der Optik Christoph Marthalers und Anna Viebrocks (Bühnenbild, Kostüme) begangen wurde. Sozusagen mit ollen Kamellen. Wenn auch in teils veränderter Besetzung.
Meister Marthaler fand es nicht nötig, an die Reprise seiner Inszenierung selbst Hand anzulegen. So wurde Anna-Sophie Mahler vorgeschickt als szenische Leiterin der Revitalisierung. So fielen der Veränderungs- oder Verschleißdynamik gerade einige liebenswerte Eigenheiten der Marthaler-Handschrift zum Opfer. Die 2005 auffälligen und handlungsmäßig nicht motivierten Luftsprünge und Purzelbäume einiger Figuren waren eliminiert bis auf einen Hopser Isoldes.
"Tristan und Isolde" in Bayreuth zählt wohl zu den weniger integralen Arbeiten Marthalers und Viebrocks. Man mag es als subversive Interpretationsgeste sehen, dass gerade einer gewöhnlich als Gähnstrecke wahrgenommenen Episode, der fatalen Entdeckung des Liebespaares durch König Marke und seine Schranzen in den letzen 20 Minuten des Mittelaktes, die größte Sorgfalt des Szenikers gilt. Zur wahren Tragik in dieser Episode scheint hier die puppenhaft unerschütterliche Unberührtheit Isoldes angesichts der doch so markerschütternden Gesänge König Markes (vokales Riesenformat: Robert Holl) zu werden.
Für dieses ingeniöse Detail sind viele Durststrecken in Kauf zu nehmen. Von Schlingensiefs bildwütig überladenem "Parsifal", der nur drei Spielzeiten überlebte, unterscheidet sich die Marthaleriade durch einen - praktikablen und nicht unangenehmen - Zug von Askese.
Der Dirigent Peter Schneider hatte neuerlich an den Rätseln des Orchestervorspiels gegrübelt und sich in die These verrannt, der sehr langsame Sechsachteltakt sei als Zweiertakt zu nehmen, was ihn dazu veranlasste, die Auftakte so flau und belanglos wie noch nie vortragen zu lassen. Von irreführenden Reflexionen freier und in ihren Gefühlsströmen unmittelbarer freilich der zweite und der dritte Akt.
Unrund die Sängerdarstellerbesetzung. Iréne Theorin als Isolde: oft übererregt flackernde Tongebung, nahezu unverständlich malmend und mulmend. Zum Detonieren neigend, im Piano wenig modulationsfähig die Brangäne von Michelle Breedt. Puristen könnten bei dem Tristan von Robert Dean Smith von einer Fehlbesetzung sprechen, weil er kein Wagnertenor ist, der auf der Bühne einen Wagnertenor verkörpert. Sondern (mit einer schmalen, leichten Charakterstimme) einen engbrüstigen Pflichtmenschen, der auch im Schlussakt keine Leidens-Wuchten stemmt, wohl aber intensiven Schmerzausdruck vermittelt. Prägnant Jukka Rasilainens Kurwenal.
Marthaler, Viebrock sind eher Kunstgenossen einer Generation nach Wolfgang Wagner. Und so wäre auch Hans Neuenfels, der 2010 mit "Lohengrin" in Bayreuth debütieren soll, fast schon Signal eines erfrischten Institutionsverständnisses. Brüche und Kontinuitäten sind hier eben verquirlt.