Selten wird ein Jubiläum so diskret begangen. Lediglich eine kleine Nebenreihe weist auf das 30-jährige Bestehen des "Panorama"-Programms der Berlinale hin, das Manfred Salzgeber einst als "Info-Schau" aus der Taufe hob und seit 1986 seinen jetzigen Namen trägt. Beinahe muss man die Erinnerungsstücke mit der Lupe suchen, ganz im Gegensatz zu jenem schönen Geschenk, das Panorama-Leiter Wieland Speck sich und seinem Publikum dann doch noch überreicht: Morgen erlebt Gus Van Sants Porträt des 1978 ermordeten Gay Rights-Aktivisten Harvey Milk seine Deutschland-Premiere im alten Zoo-Palast und bereitet damit dem gesamten schwul-lesbischen Kino eine große Bühne.
Letzteres wird im Panorama wie auf keinem anderen Festival der ersten Kategorie gefördert, weshalb der allseits erwartete Oscar-Segen für "Milk" seinen Glanz völlig zu Recht nicht in den Wettbewerb, sondern in die Nebensektion wirft.
Mit seiner filmischen Biografie des ersten offen homosexuellen Stadtrats von San Francisco erzählt Gus Van Sant zumindest in Teilen eine Erfolgsgeschichte. Mag die Schwulenbewegung auch noch lange nicht in der Mitte der amerikanischen Gesellschaft angekommen sein, so hat sie doch Hollywood für sich gewonnen. In seiner Machart gleicht "Milk" den filmischen Denkmälern aufs Haar, mit denen die Traumfabrik traditionell verdiente Helden ehrt. Die Inszenierung steht ganz im Dienst der Sache: Lediglich den Tod seines Helden stilisiert Van Sant zur großen Oper, ansonsten bleibt er auf dem Boden der erzählerischen Konvention. Dabei unterscheidet sich "Milk" thematisch gar nicht so sehr von seinen letzten Filmen: Wie in "Elephant" oder "Last Days" erzählt er die Geschichte eines angekündigten Todes, nur dass dieses Mal der Glauben an die Heilkräfte des klassischen Erzählkinos schwerer wiegt als die Lust am formalen Experiment.
Kunst der Camouflage
Ein schönes Geschenk verteilten kürzlich auch die Yes Man: Sie brachten tausende Exemplare der New York Times in Umlauf, die lauter Nachrichten druckte, die zu schön waren, um wahr zu sein. Mit diesem Coup beschließen die Ja-Männer Mike Bonanno und Andy Bichlbaum ihren Dokumentarfilm "The Yes Men Fix the World" und unterweisen uns ansonsten in der Kunst der Camouflage. Bonanno und Bichlbaum geben sich mit Vorliebe als Sprecher globaler Wirtschaftsfirmen aus und bringen mit gezielten Falschmeldungen Zuhörer, Medien und manchmal sogar die Börsen durcheinander.
Das ist unterhaltsam anzuschauen, weil es oft die Richtigen trifft und man immer wieder staunt, dass sich die Geprellten nicht ein einziges Mal über die vielen Kameramänner vor ihrer Nase wundern. Doch letztlich würde sich wohl allenfalls Michael Moore auf die Hintergrund-Recherche der Yes Man verlassen wollen. Mit ein paar Cartoons und reichlich flapsigen Sprüchen schütten sie das Kind (der freie Welthandel) mit dem Bade (die Gier) aus und kokettieren etwas zu ausgiebig mit dem eigenen Robin Hood-Image.
Geheimnisumwitterte Aufnahmen von Jim Morrison
Während sich bei den Yes Man die halbe Welt auf den Selbstzerstörungstrip befindet, ist es in Tom DiCillos Dokumentation über die Rockband The Doors zunächst nur ein einzelner Schamane. Wenig überraschend dreht sich in "When You're Strange" alles um den verstorbenen Jim Morrison, die Neuigkeit des Films liegt in seinem Material.
DiCillo konnte auf die geheimnisumwitterten Aufnahmen zurückgreifen, die der Kameramann Paul Ferrara auf Einladung der Band gemacht hatte und bislang nur in Auszügen veröffentlichte. Sie zeigen die Gruppe im Studio, bei Proben und Konzerten und werden durch Outtakes des Films "HWY: An American Pastoral" ergänzt, einem von Morrison geschriebenen Road-Movie, in dem er auch die Hauptrolle spielt. So kommt es, dass der Sänger im Autoradio von seinem eigenen Tod erfährt, um sich aus dem Schattenreich an die Geschichte seines Lebens zu erinnern.
John Densmore, Schlagzeuger der Doors, lobte DiCillo in Berlin für seine Fähigkeit, Ordnung in Ferraras chaotisches Material zu bringen. Nach diesem Satz mochte man sich den ursprünglichen Zustand gar nicht mehr vorstellen, denn "When You're Strange" ist immer noch ein heilloses Durcheinander. Wahrscheinlich kann es auch gar nicht anders sein: Wenn sich Morrison nicht auf dem Bühnenboden wälzt, schaut er bedröhnt in die Kamera, und draußen im Land sieht es nicht viel besser aus. Am Ende reiht DiCillo Bilder der Manson-Familie, der Ermordung Martin Luther Kings und anderer blutiger Fanale der späten 1960er Jahre aneinander und entdeckt im persönlichen Schlamassel Morrisons das Signum seiner Zeit.
Flüchtlingsdrama
Die Zeichen unserer Zeit sieht Philippe Lioret in seinem eindringlichen Flüchtlingsdrama "Welcome" am Horizont heraufziehen. Ein 16-jähriger Iraker möchte seiner großen Liebe nach London folgen und strandet an der Küste von Calais. Nachdem ein erster Versuch, auf der Laderampe eines Lastwagens nach Großbritanien zu gelangen, gescheitert ist, beschließt der naive, aber beseelte Jüngling, den Kanal schwimmend zu überqueren.
Er nimmt Unterricht bei einem einheimischen Bademeister, der ihn von seinem selbstmörderischen Vorhaben abbringen will und dabei in die Mühlen der französischen Einwanderungsbehörden gerät. Für letztere bedeutet Mitgefühl mit einem illegalen Immigranten den Anfang vom Ende unserer Wohlstandsgesellschaft. Bei Lioret bekommt diese Gefahr ein menschliches Gesicht, was es nicht nur für seinen traurigen Helden schwierig macht, einfach weiter wegzusehen.