Noch am Vorabend seines Filmfestivals hatte Berlin in der vergangenen Woche einen ganz anderen Star gefeiert. Als die amerikanische Philosophin Judith Butler an der Technischen Universität sprach, gab es zwar keinen roten Teppich, aber vielleicht sein Äquivalent in der Wissenschaft: Eine Live-Übertragung in vier weitere Hörsäle, um jedem einen Platz zu geben. Als die jüdische US-Amerikanerin über die Hierarchie der Kriegsopfer in den Mainstream-Medien ihrer Heimat sprach, jener scheinheiligen Unterteilung in die "betrauernswerten" gefallenen US-Soldaten im Irak und die "nicht zu betrauernden" palästinensischen Kinder im Gaza-Streifen, konterte sie mit Hegel: Nur in der Gegenwart des Anderen könne es auch ein Ich geben. Wer das Andere vernichtet, der tötet sich selbst.
Dass man Hegels These auch zu einer leichthändigen Komödie entwickeln kann, lässt sich nur eine Woche später in einem deutschen Wettbewerbsbeitrag erleben: "Alle anderen" ist der bislang klügste Film der Berlinale. Wie schon eine ganze Reihe deutscher Filme im Umfeld der "Berliner Schule" wählt die Regisseurin Maren Ade die Kulisse eines Italienurlaubs zum Hintergrund eines Beziehungsfilms. So feinsinnig aber, wie hier die verletzliche Geschichte eines frischverliebten Pärchens erzählt wird, das in einem geliehenen Ferienhaus eine Bühne für eine mögliche Zukunft findet, hat man das noch nicht gesehen.
Knapp über dreißig, gehören Birgit Minichmayr und Lars Eidinger zur schweigenden Mehrheit all jener, die das Erwachsenwerden nie gelernt haben. Verheißung und Schrecken einer bürgerlichen Existenz begegnen den beiden in einem zweiten Paar, einem erfolgreichen Architekten und einer Modeschöpferin. In einem Augenblick, da der Kredit der Jugendlichkeit aufgebraucht ist, aber noch nichts neues an seine Stelle getreten ist, kann man sich nur noch durch eines vom Establishment absetzen: Unkorrumpierte Coolness. Geschmackssicherheit und Unangepasstheit als Gegengift gegen das drohende Verspießern.
Ausgerechnet an der Reaktion einer zufällig im Feriendomizil gefundenen Herbert-Grönemeyer-CD trennt sich dann in der stärksten Szene die Spreu vom Weizen: Das eigene Gefühl und der bessere Geschmack sind verschiedene Systeme. Maren Ades Film ist ein wunderbares Plädoyer dafür, unter dem Druck des Geschmacksdiktats auf die eigene Stimme zu hören - auch wenn sie gegen jeden Widerstand von den mächtigen Metaphern eines Herbert Grönemeyer angeschlagen wird. Dann hat man sich eben gerade im Anderen, im eigentlich Fremden wiedergefunden.
"Alle anderen" ist einer der schönsten Filme über das Altern. In einer früheren Drehbuchfassung hatte die Autorin auch den Tod direkt angesprochen und damit noch etwas tiefere Wasser angesteuert. Dafür nähern sich zwei amerikanische Wettbewerbsfilme dem Tod, ebenfalls mit Humor: Bertrand Tavernier mit "In the Electric Mist" in der Form eines Mystery-Thrillers aus den Sümpfen von Louisiana und Oren Moverman mit "The Messenger" im Psychodrama um einen Heimkehr er aus dem Irak-Krieg.
In dem späten Ausflug des Franzosen Tavernier in das amerikanische Kino spielt Tommy Lee Jones einen altersweisen Sheriff, der gerade wegen einer Mordserie an jungen Frauen ermittelt, als ihn ein versoffener Filmstar auf ein Skelett aus der Zeit der Lynchmorde an Schwarzen hinweist. Ein spukender Südstaatengeneral liefert schließlich die entscheidenden Hinweise zur Aufklärung. Kein Wunder, dass es bei einem solchen Übermaß an Phantastik mit der Spannung nicht mehr weit her ist. Taverniers Film ist vor allem hübsch anzusehen und auch zu hören: Alles, was das Mississippi-Delta an finsteren Mörderballaden zu bieten hat, ist dem Franzosen recht.
Tragikomisch beginnt auch der zweite US-amerikanische Beitrag. Es gab schon einige Filme über den Irak-Krieg und seine Hinterlassenschaften in den oft geschädigten Seelen seiner Veteranen. "The Messenger" lebt von der wunderbaren Idee, sich einmal mit jenen Angehörigen der Streitkräfte an der Heimatfront zu befassen, deren Job es ist, Todesnachrichten zu überbringen. Als man einen verwundeten, jugendlichen Heimkehrer zu dieser gefürchteten Tätigkeit abkommandiert, muss er mit einem Profi dieser Zunft zusammenarbeiten: Einem abgebrühten Zyniker, der sich streng an die Vorschriften hält. Sein Motto: "Den zufriedenen Kunden gibt es bei uns sowieso nicht."
Doch als sich der junge Veteran auf Drehbuchbefehl in eine Kriegerwitwe verliebt sind, plötzlich alle psychischen Probleme verschwunden. Aber auch das soll es ja mitunter geben: Die Erlösung durch den Anderen.