Einmal hat Alice Waters einen Schuh gekocht. Es war nicht ihre Idee, aber sie tat doch alles dafür, das zähe Ding schmackhaft zu bekommen. Fünf Stunden ließ sie es mit Kräutern und Knoblauch köcheln, und wenn der Eindruck aus dem Dokumentarfilm "Werner Herzog Eats His Shoe" nicht täuscht, dann mundete der Lederlappen à la Waters auch nicht viel schlechter als so manches großindustrielle Schnitzel. Womit dann auch die Frage geklärt wäre, was eine Köchin und Food-Aktivistin in der Jury eines Filmfestivals zu suchen hat.
Als Alice Waters in der vergangenen Woche auf dem Berlinale-Podium neben Stars wie Tilda Swinton und Henning Mankell Platz nahm, ließ sie denn auch keinen Zweifel daran, dass sie nicht hierher gekommen ist, um den anderen Juroren in Filmpausen Häppchen zu servieren. "Film ist so ein machtvoller Weg zu kommunizieren", sagte die 64-Jährige, die von Ferne ein wenig an die reifere Vanessa Redgrave erinnert. Um Botschaften zu streuen, sei kaum ein anderes Mittel geeigneter als die große Leinwand. "Ich möchte die Menschen mit Ideen füttern", sagt sie. Welche Idee die ihre ist, liegt im Falle Waters seit bald 40 Jahren auf dem Herd - man könnte sie, frei nach Obama, etwa so zusammenfassen: "Yes, we cook!"
Es war 1971, als Alice Waters erleuchtet von einer kulinarischen Frankreichreise zurückkehrte, um im Hippie-Dorado Berkeley ein Restaurant zu gründen, wie es die Burger-Bürger der USA noch nicht gesehen hatten. Und weil Waters nicht nur die französische Cuisine, sondern auch das französische Kino liebt, nannte sie ihren Laden "Chez Panisse", nach einer Figur aus einem Marcel-Pagnol-Film. Die Idee dahinter ist simpel: In Waters' Restaurants - es gibt inzwischen mehrere davon - wird gekocht, was zur jeweiligen Jahreszeit in der Umgebung wächst, einfach, organisch, unbehandelt.
Ihr Wahlspruch: "local is beautiful." Ein ungeheurer Affront gegen die Lebensmittelindustrie, deren designte und um den halben Erdball verfrachtete Tomaten mit Natur in etwa so viel zu tun haben wie Profi-Radsport mit Talent.
Binnen kurzem schwang sich die eloquente Waters so zur Mutter Courage des guten Essens auf. Ihr Lieblingsfeind: die Fast-Food-Konzerne. Ihnen las Waters mit ihrer stetig wachsenden Gurkentruppe bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Leviten, mit ungeheurer Beharrlichkeit focht sie für Schulgärten und gegen Limonade genannten Flüssigzucker, für ein nationales Bio-Label und gegen das Aussterben ländlicher Farmen. Mit ihrer "Chez Panisse"-Stiftung unterstützt sie Bauern, die statt auf Wachstum um jeden Preis auf lokales, nachhaltiges Wirtschaften setzen. Ganz nebenbei schrieb die ehemalige Montessori-Lehrerin ein Kochbuch nach dem anderen und heimste Preise ein wie andere Leute Speckringe um den Bauch. Erst im Dezember wurde sie auf Initiative von Gouverneur Arnold Schwarzenegger in Kaliforniens "Hall of Fame" aufgenommen. Das passiert Köchinnen sonst eher selten.
Fragt man die Vize-Präsidentin der Slow-Food-Bewegung heute, was sie antreibt, dann lächelt sie milde und sagt: "Essen ist Politik." Wie Menschen sich ernährten, wirke sich nicht nur auf ihre Gesundheit, sondern auch auf ihr Sozialverhalten, ihre Kultur, ihre Zukunft aus. "Das Thema ist zu wichtig, um es Politikern oder der Wirtschaft zu überlassen." Und da Waters ohnehin überschüssige Energie mit sich herumzuschleppen scheint, macht sie eben alles selbst. Und sei es, sich für zehn Tage in die Jury eines Filmfestivals zu setzen.
Zupass kommt Waters dabei, dass die Berlinale schon seit längerem das Essen für sich entdeckt hat. 2006 ging es auf dem "Talent Campus" bereits um "Films on Hunger, Food and Taste" - einer der Stargäste damals: Alice Waters. Ein Jahr später wurde als neue Sektion das "Kulinarische Kino" geboren - eine charmante Melange aus mehr oder weniger appetitanregenden Filmen mit anschließender Verköstigung durch Spitzenköche. Auch in diesem Jahr gehen etliche Filme durch den Magen, nicht alle davon freilich sind sonderlich verdauungsfördernd. So rückt etwa Robert Kenners "Food Inc." die amerikanische Lebensmittelindustrie in die Nähe der organisierten Kriminalität. Der letztjährige Gewinner des Goldenen Bären, José Padilha, hat mit "Garapa" die Folgen des Hungers in seiner Heimat Brasilien dokumentiert.
Alice Waters ist das nur Recht. Sie sagt, sie glaube "nicht nur an die Macht des Kochens, sondern auch an die Macht des Films". Sie hofft, dass sich ihre Idee von gutem Essen dank der Leinwand weltweit fortpflanzt. Sie ist auch deshalb nach Berlin gekommen. Sie hat ihre Mission noch nicht beendet. Und wenn alles nichts hilft, dann vielleicht Obama.
Den neuen US-Präsidenten hat Waters gemeinsam mit Mitstreitern aufgefordert, vorm Weißen Haus als symbolischen Akt einen Kräutergarten zu pflanzen und einen Leibkoch zu engagieren, der am Herd natürlich und nachhaltig arbeitet. Nicht ausgeschlossen, dass Obama dem Rat der Bio-Missionarin folgen wird. Es wäre das erste Küchenkabinett, das weltweit auf Zustimmung stößt. Außer vielleicht bei der Food-Industrie.