kalaydo.de Anzeigen

CDU-Wahlkampf: Merkels Sicht der Dinge

Die Kanzlerin spannt auf ihrer Sonderfahrt im "TEE Rheingold" den Bogen von der Gründung des Landes bis zur schwarz-gelben Zukunft. Von Karl Doemens

Erfurt. Ein gewisses Gespür für den dramatischen Augenblick kann man Angela Merkel nicht absprechen. Gerade hat der "TEE Rheingold" auf seiner Fahrt durch das neblige Flusstal die Loreley passiert, da schaut die Kanzlerin bei den Journalisten im Clubwagen des Sonderzuges vorbei. "Ist ja ganz anders hier als im Flugzeug", fremdelt die CDU-Vorsitzende mit der ungewohnten Umgebung. Das kann man wohl sagen. Drehbare blaue Plastik-Schalensessel und Eichenfurnier an den Wänden vermitteln echtes Sechziger-Jahre-Feeling. Und niemand würde sich wundern, wenn gleich Udo Jürgens hereinstolperte und "Merci Chérie" auf dem Klavier in der Ecke anstimmen würde.

Aber Udo Jürgens kommt nicht. Dafür ist Libet Werhahn-Adenauer an Bord, die 81-jährige Tochter des "Alten". Und um dessen politisches Erbe geht es heute. Exakt 60 Jahre nach der Wahl Konrad Adenauers zum ersten Kanzler der Bundesrepublik und zufälligerweise zwölf Tage vor der Bundestagswahl hat die CDU den längst ausgemusterten elfenbein-roten Wirtschaftswunderzug gechartert, um bei einer elfstündigen Fahrt von West nach Ost zu demonstrieren, wie stark sie dieses Land geprägt hat.

Die Kanzlerin im Panoramawagen des Rheingoldexpress,  unterwegs auf einer eintägigen Wahlkampftour  quer durch Deutschland.
Die Kanzlerin im Panoramawagen des Rheingoldexpress, unterwegs auf einer eintägigen Wahlkampftour quer durch Deutschland.
Foto: Getty Images

"Nach Gleis 2 fährt ein: der Gesellschaftssonderzug 91305 nach Berlin", heißt das bei der Abfahrt um 9.29 Uhr im Amtsdeutsch der Bahn-Durchsage auf dem Bonner Hauptbahnhof. Tatsächlich möchte die Kanzlerin, die am frühen Morgen einen Kranz am Adenauer-Grab in Rhöndorf niedergelegt hat, auf der Strecke über Koblenz, Frankfurt, Erfurt und Leipzig einen Bogen spannen von der Gründung der Republik und den Mauerfall bis in die schwarz-gelbe Zukunft. Wenn es drauf ankam, so lautet die Kernbotschaft ihrer Reden bei den Stopps, dann hat die CDU/CSU die Weichen gestellt. Willy Brandts Ostpolitik, Helmut Schmidts Nachrüstung, die Bürgerbewegung in der DDR und die Agenda-Reformen Gerhard Schröders liegen außerhalb der Sichtweite des "Rheingolds". Ein rheinisch-katholischer Retro-Charme liegt über dem Unterfangen. "Die Reise in einem Nostalgiezug ist sicher nicht das richtige Symbol für die Zukunft", lästert SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Das abgegriffene Bild vom Schlafwagen, in dem Merkel zur Macht rollen möchte, drängt sich auf. Und dann noch im "Rheingold" - exakt ein Jahr, nachdem die Zocker an der Wallstreet den Zusammenbruch der Lehman-Bank verursachten und die Weltwirtschaft in den Abgrund rissen. Entsprechend zornig ist der Empfang in Frankfurt, wo Demonstranten von Attac und Linkspartei vor dem Bahnhof ein Pfeifkonzert veranstalten und Greenpeace-Aktivisten auf Plakaten "Keine Rückkehr ins Atomzeitalter" fordern.

Doch der Protest ficht Merkel nicht an. Ihre Tour richtet sich vor allem an die eigene Klientel. Es ist eine Wallfahrt zur Seele der Union, die die nüchtern-pragmatische Kanzlerin selten streichelt. Merkel müsse "Emotion in den Wahlkampf" bringen, merkt Patrick Adenauer, der Enkel des Alten, an. "Es ist wichtig, wenn man die Zukunft gestalten will, sich deutlich zu machen, wo man herkommt", betont Merkel und hebt hervor, dass der Alte aus "der Kraft des Glaubens und mit einem klaren Wertekompass" gehandelt habe.

So braust die E-Lok mit acht Wagen durch spätsommerlich verwelkte Landschaften, vorbei an schnuckeligen Fachwerkhäusern und dem stillgelegten Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich. Draußen wartet das echte Leben. Rund 1500 Menschen stehen auf dem Bahnhofsvorplatz in Koblenz. Nur wenige haben Plakate oder Trillerpfeifen mitgebracht. Die meisten wollen die Gelegenheit nutzen, die Kanzlerin einmal live und im violetten Kostüm zu sehen. In ihrer Rede spricht Merkel viel von der sozialen Marktwirtschaft, die den Weg aus der Krise weise. Ein Seitenhieb auf die "Banker", denen man Regeln auferlegen müsse, damit sie "nicht noch einmal auf unsere Knochen so etwas machen können", erntet den stärksten Applaus.

Immer wieder verweist Merkel im Laufe des Tages auf Adenauer, der trotz knapper Mehrheitsverhältnisse eine Koalition mit der FDP gebildet habe. "Wir stehen heute wieder an so einer Wegscheide", sagt die Kanzlerin. "Wir können uns keine Experimente erlauben!" Ein oberflächlicher Zuhörer könnte meinen, sie plädiere für eine große Koalition. Nur der historische Verweis belegt ihre Präferenz für Schwarz-Gelb. "Stabile Verhältnisse wird es nur mit CDU und CSU geben", sagt sie. Mehr Bekenntnis kann man von der Physikerin der Macht auch an diesem Tag nicht erwarten.

Autor:  Karl Doemens
Datum:  15 | 9 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Video
Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Frankfurter Rundschau im Abo