Wie es zu der Einladung kam, weiß ich nicht: Im Februar 1988 lief "Die Alleinseglerin" auf der Berlinale und eröffnete die Reihe Panorama. Mir wurde ein Visum für die Dauer des Festivals erteilt - ein großes, unerwartetes Privileg. Der Film, "Die Alleinseglerin" (Regie: Herrmann Zschoche), für den ich das Drehbuch nach einem Roman von Christine Wolters geschrieben hatte, bekam einen Auftritt hinter der Mauer, und ich, mein Gott, ich war dabei.
Vor dem Mauerbau hatte ich manchmal an der Hand meiner Mutter im Gedrängel vor dem Zoo-Palast gestanden, um die Stars aus der Nähe zu sehen. Berlin gafft gern. Mein letzter kindlicher Eindruck war von 1961 und betraf die Oberweite von Jayne Mansfield. Einen Monat später war Westberlin unerreichbar geworden. Viel später wurden Leute, die ich kannte, zu den Filmfestspielen eingeladen. Ich beneidete sie von Herzen.
Und nun das. 1988 bin ich offizieller Gast der Berlinale. Der Saal ist richtig voll bei der "Alleinseglerin". Auch mein Cousin aus Zehlendorf sitzt im Publikum, wir sehen uns zum ersten Mal auf dieser Seite der Mauer. Langer Beifall, viele Besucher bleiben zum Filmgespräch, zu dem auch ich auf der Bühne stehe.
Aber als die erste Frage kommt, zucke ich zusammen. Ein älterer Herr will von mir wissen, ob ich mit dem Regisseur "intim" war. Ich denke irritiert: Fragt man so im Westen? Darf man das hier? Und wehre den Mann stammelnd ab, bis mich jemand auf einen Hörfehler aufmerksam macht: Der Besucher hatte nur gefragt, ob ich mit dem Regisseur "ein Team" war. Dem stimme ich nun öffentlich und erleichtert zu. Die Zuschauer finden es komisch.
Danach beginnt meine erste Berlinale. So viele Filme, ich tauche ein.
In ein paar Tagen reise ich durch einen cinematografischen Kosmos. Mein großes, erschütterndes Erlebnis wird "Die Kommissarin" - Aleksandr Askoldows seit 1967 verbotenes Regiedebüt. Erst in der Perestroika-Zeit kommt der Film vor die Leute und wird gefeiert. Ich sehe "Rotes Kornfeld" von Zhang Yimou, "Linie I" von Reinhard Hauff. Vor dem Zoo-Palast brennt ein Autowrack, mein erstes Happening. Auf der Straße läuft ganz allein, zum Anfassen nah, Jane Birkin. Ich bin jeden Tag bis in die Nacht zwischen verschiedenen Kinos unterwegs. Bloß nichts verpassen.
Der geniale Vermittler
Eine Entdeckung ist das Forum des Jungen Films, der Spielplatz für den engagierten sozialen Film aus der ganzen Welt, auch für das Experiment. Ein überfülltes Haus, Junge und Alte sitzen auf dem Fußboden zwischen Mänteln und Rucksäcken.
Nach jeder Vorstellung wird ein Tisch auf die Bühne gehoben, und Ulrich Gregor - er leitet mit seiner Frau Erika diese Sektion - unterhält sich mit Filmemachern, denen er, auch wenn sie unbekannt oder schüchtern sind, einen guten Auftritt verschafft. Dieser entspannte, geniale Vermittler bringt die Zuschauer so weit, auch einem sperrigen Werk Impulse zu entnehmen. Fürs ganze Leben begreife ich da was über die Liebe zum Kino.
Aber alles hat hier seinen Preis. Und der wird in Westgeld entrichtet. Gut ist dran, wer zahlungsfähige Freunde hat. Einige Kollegen aus dem Osten sind seit Jahren auf der Berlinale, aber wegen mangelnder Ausstattung mit Devisen arm dran. Sie müssen für sich selber sorgen und nehmen von Zuhause Butterbrote mit und Kaffee in Thermoskannen. Wir Ostler sind oft hastig unterwegs, weil nur die Toiletten im Kino Delphi nichts kosten. Wie eine arme Verwandte schnorre ich mich bei Empfängen und Einladungen durch. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man die Zeche nicht bezahlen kann.
Jede Nacht fahre ich mit der S-Bahn zurück und gehe durch die Passierscheinkontrolle im Bahnhof Friedrichstraße. Ich bin überzeugt, dass ich die Berlinale nie wieder erleben werde. Aber dann kam ja alles ganz anders.