Brücke? Was für 'ne Brücke denn? Das ältere Ehepaar wirkt angesichts der Plakate etwas irritiert. Das sei ja das Schlimme, sagt Klaus Jochem Tippmann, dass kaum jemand wisse, dass da eine Brücke hin soll. Genau hier, am Deutschherrnufer, als Verlängerung der Honsellbrücke. Eine Brücke für die Europäische Zentralbank (EZB), die in die ehemalige Großmarkthalle ziehen will. Aber das sei doch dummes Zeug, sagt das Ehepaar, da vorne sei doch schon eine Brücke, und da hinten auch, beide könne man sehen. Ja, das findet Tippmann auch, dass das dummes Zeug sei.
Protest beim Osterspaziergang
Tippmann ist Vorsitzender des Kleingartenvereins Mainwasen. Als solcher ist er Kummer gewöhnt. Aber jetzt ist es doch ein bisschen viel. Er fürchtet, dass dieses Jahr das letzte Jahr sein könnte, an dem die Frankfurter zu Ostern ungestört zwischen Sachsenhausen und Gerbermühle fröhlich fürbass schreiten können. Nächstes Jahr, so habe die Stadt ihm beschieden, müssten die betroffenen Kleingärtner ihre Parzellen räumen. Anfangs habe es geheißen, dass lediglich drei Parzellen dem Bau der Brücke weichen müssten. Das habe man schon damals nicht geglaubt. Mittlerweile sei die Zahl auf zehn angewachsen. Aber die glaube man immer noch nicht. "Aber hier geht es gar nicht darum, ein paar Kleingärten zu erhalten. Hier geht es um die Rettung eines Naherholungsgebietes."
Und die soll jetzt zu Ostern richtig in Fahrt kommen. Mit Hilfe der Osterspaziergänger. Und Goethes Faust, dem Vater aller Osterspaziergänger. Obwohl der mit seinem Adlatus Wagner wohl eher auf dem Lohrberg lustwandelte, wie die Zeilen "Kehre dich um, von diesen Höhen nach der Stadt zurückzusehen" erahnen lassen. Egal. Hier am Mainufer jedenfalls geht der Goetheweg entlang, und zweifellos passierte der größte Geheimrat aller Zeiten so manches mal das Areal der heutigen Kleingartenanlage, wenn er gen Gerbermühle zog, um wahlweise Grüne Soße oder Marianne von Willemer zu vernaschen.
"Goethepfad, wo wirst du wandeln, wenn die Brücke naht? Oh EZB, dem Dichter tut es weh!" steht auf einem Plakat, das Goethe vielleicht auch ein wenig weh getan hätte. Auch Rainer Model ist Kleingärtner und mittlerweile "Brückenbeauftragter" des Vereins. Spätestens am Osterwochenende werde er mit einem Informationsstand vor der Anlage stehen und Unterschriften sammeln. Bis zum Bürgerbegehren wolle man notfalls gehen - man prüfe derzeit nur noch, ob es dafür nicht schon zu spät ist, denn bis auf die Untere Naturschutzbehörde hätten alle zuständigen Gremien das Projekt bereits abgesegnet.
Aus unerfindlichen Gründen, sagen die Kleingärtner. "Den Sikorski haben die mit Fahrradwegen geködert", mutmaßt Tippmann, denn die geplante Brücke hat nicht nur zwei Fahrbahnen für Autos, sondern auch rechts und links zwei Radspuren. "Grün statt Sikorski" steht auf einem anderen Transparent zu lesen. Fraglich, ob's dem grünen Verkehrsdezernenten wehtut. Ihn habe man bislang auch noch nicht vor Ort gesehen.
Überhaupt: "Wir haben hier noch nie einen Befürworter gesehen", sagt Tippmann und glaubt fest daran, dass viele Unterschriften zusammenkommen. Ideologisch sei der Kampf nicht. "Wir haben sogar eine Gartenbewerberin, die bei der EZB arbeitet." Nur die verdammte Brücke, die gehöre hier nicht hin. "Brücke? Welche Brücke denn?" fragt eine Passantin. Das ist ja das Problem.

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