Die große alte Sozialdemokratie hat die Aufarbeitung ihres Scheiterns praktisch aufgegeben. Steinmeier als Oppositionsführer? Das heißt, dass der Architekt des Hauses die Ruine auf ihre Statik untersucht. Neuanfang geht anders. Ein Kommentar von Stephan Hebel
Volkszorn. Ein SPD-Wahlplakat mit Frank-Walter Steinmeier ist in München (Oberbayern) mit "Ulla Schmidt - Nein Danke!" Stickern beklebt.
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Volkszorn. Ein SPD-Wahlplakat mit Frank-Walter Steinmeier ist in München (Oberbayern) mit "Ulla Schmidt - Nein Danke!" Stickern beklebt.
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Nichts kann die Lage der SPD besser illustrieren als der "Neuanfang", den sie heute zelebriert. Zwei Tage nach der schlimmsten Niederlage ihrer Nachkriegs-Geschichte wählt die um ein Drittel dezimierte Fraktion ihren Vorsitzenden. Der einzige Kandidat, der Mann des Aufbruchs, ist kein anderer als derjenige, der für die historische Niederlage an erster Stelle verantwortlich zeichnet.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Frank-Walter Steinmeier ist ganz sicher vertrauenswürdig im Stil und kompetent in der Sache. Er hat auch, jedenfalls nach der verspäteten Initialzündung des Fernsehduells, einen recht anschaulichen Wahlkampf geführt. Aber in der Sache, falls die etwas zählen sollte, gilt: Steinmeier steht nicht nur für das Desaster vom Sonntag. Er steht auch für jeden einzelnen Fehler der vergangenen elf Regierungsjahre, die die SPD in dieses Desaster führten.
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
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Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
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Wie realitätsfern muss eine Partei eigentlich sein, die noch am Wahlabend den Anspruch dieses Mannes bejubelt, Oppositionsführer zu sein? Wer bösartig wäre, müsste sich diesen Jubel damit erklären, dass für die SPD das Amt des Oppositionsführers das höchste der Gefühle sei, auf jeden Fall schöner als Kanzler. Dass in der Begeisterung auch Erleichterung stecke, nicht mehr regieren zu "müssen".
Die verlorene Glaubwürdigkeit
Franz Müntefering - seine politische Karriere
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Franz Müntefering - seine politische Karriere
Als Müntefering im Oktober 1993 sein Land Nordrhein-Westfalen bei der Konferenz der Arbeits- und Sozialminister vertritt, hat er schon einige Stationen hinter sich: 1969 bis 1979 Stadtrat von Sundern (Hochsauerlandkreis), 1975 bis 1992 Bundestagsabgeordneter, von 1990 bis 1992 zudem parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion.
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Von 1996 bis 1998 bleibt Müntefering einfaches Mitglied im nordrhein-westfälischen Landtag. Zugleich ist er seit 1995 wieder auf Bundesebene aktiv: als Bundesgeschäftsführer. Hier rechts im Bild verabschiedet er den langjährigen Ministerpräsidenten Johannes Rau (Mitte). Mit dabei (von links): Oskar Lafontaine und Wolfgang Clement.
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1998 wird der Sauerländer zum Landesvorsitzenden in Nordrhein-Westfalen gewählt. Diesmal gratulieren Rau und Clement.
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In Berlin greift Müntefering im April 1998 zum Besen, um seine politische Postitionsbestimmung plakativ zu veröffentlichen.
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Mit den Ideen des Herrn rechts im Bild möchte Müntefering jedenfalls nicht viel zu tun haben.
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Den Bundestagwahlkampf 1998 leitet er für die SPD; hier eine Antwort auf die Rote-Socken-Kampagne der Union.
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Die Mühe lohnt sich: Die SPD stellt mit Gerhard Schröder den Bundeskanzler. Oskar Lafontaine (links) und Müntefering (hinten rechts) freuen sich mit ihm.
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Müntefering sitzt nun als Minister im Bundestag - zunächst für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen.
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Nach der Vereidigung: Müntefering samt neuem Kabinett zum Antrittsbesuch bei Bundespräsident Roman Herzog.
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Pressekonferenz im September 1999: Müntefering wird wieder zusätzlich Bundesgeschäftsführer; Ottmar Schreiner hatte dieses Amt zwischenzeitlich für ein Jahr übernommen.
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Kommunalwahlkampf im heimischen Nordrhein-Westfalen: Müntefering, Peiner Priggen (Grüne) und Jürgen Rüttgers (CDU) in der Fernsehdiskussion der Elefanten.
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Nicht alles gelingt Müntefering: Auf dem Düsseldorfer Parteitag im Jahr 2000 scheitern die Pläne für eine Parteireform in Nordrhein-Westfalen.
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Eine weitere unangenehme Sache in Münteferings Karriere: Er muss im Jahr 2002 vor dem Parteispenden-Untersuchungsausschuss aussagen. Es geht um Spenden in Nordrhein-Westfalen.
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Im September 2002 nimmt Müntefering erstmals diese Glocke in die Hand. Es ist die des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion. Bis Ende 2005 leitet er die Abgeordnetenrunde.
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Der nächste Schritt auf dem Weg nach oben: Der SPD-Sonderparteitag wählt im März 2004 Müntefering mit 95,1 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Gerhard Schröder als Bundesvorsitzender.
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Die Freude hält nicht lange an: Nach einem Krach im Parteivorstand kündigt Müntefering an, auf dem Parteitag 2005 nicht mehr als Vorsitzender zu kandidieren.
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Viele Mitglieder wollen ihn weiter im Amt sehen, starten eine Internet-Initiative. Es nutzt nichts. Matthias Platzeck wird sein Nachfolger als Parteivorsitzender.
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Doch egal wie die Gesamtwetterlage in der Partei ausfällt - wenn er die Genossen vor Ort unterstützen kann, macht sich Müntefering auf den Weg auch in kleine Städte. Es geht in die Wetterau (März 2001),...
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... ins Bürgerzentrum im hessischen Karben in einer Funktionärskonferenz des Bezirks Hessen-Süd (Februar 2004),...
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Müntefering spricht in der Trauerfeier für den Widerstandskämpfer und SPD-Politiker Rudi Arndt in Frankfurt am Main (Mai 2004)...
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... und singt, wenn's sein muss, auch Wanderlieder - hier mit einer Kleingärtner-Musikgruppe in Mönchengladbach.
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Im Schiff auf der Weser erläutert er, warum er das Wahlprogramm der CDU nicht gut findet (Januar 2005)...
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... und lässt sich vom Präsidenten des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, über Probleme in der Landwirtschaft aufklären.
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Bald wird das zu viel für seine Gesundheit: In einer Wahlkampfveranstaltung in Homburg an der Saar bricht Müntefering am Rednerpult zusammen; Parteifreunde stützen ihn (24. August 2005).
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Rote Nelken zum 65. Geburtstag: eine Geste der Beschäftigten der SPD-Parteizentrale und des Präsidiums (Januar 2005).
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Auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe wirbt Müntefering für die Vereinbarung mit der Union (November 2005).
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Die beiden werden ein gutes Gespann: Müntefering als Arbeitsminister und Vizekanzler, Angela Merkel (CDU) als Bundeskanzlerin.
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Münterfering und Merkel halten die Koalition zusammen.
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Am 13. November 2007 ruft Münterfering die Presse - und verkündet seinen Rücktritt aus allen Ämtern.
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Er will sich mehr um seine schwerkranke Ehefrau Ankepetra kümmern.
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Den Ball gibt er an andere weiter.
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Sein Nachfolger als Bundesarbeitsminister wird Olaf Scholz (zweiter von rechts), Vizekanzler Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.
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Der Tod seiner Frau hat Müntefering sichtlich zugesetzt. Das Bild zeigt den Politiker auf einem SPD-Sommerfest in Rösrath bei Köln.
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Anfang September 2008 tritt Müntefering in München erstmals wieder in größerem Rahmen auf. Der Jubel ist groß.
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Nach einem Jahr als einfacher Bundestagsabgeordneter kehrte er im September 2008 auf die politische Bühne zurück und wurde im Oktober zum Nachfolger von Kurt Beck als SPD-Chef gewählt.
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Gemeinsam mit SPD-Kanzlerkandidat, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, zieht Müntefering in Bundestagswahlkampf 2009. Am Templiner See in Potsdam stellen sie im Rahmen ihrer zweitägigen Klausurtagung stellten ihr Kompetenzteam vor.
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Die Wahl wird zum Debakel für die SPD. Müntefering gesteht die Niederlage ein und kündigt seinen Rückzug von der Parteispitze an.
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Franz Müntefering wird vermutlich nicht mehr als SPD-Parteichef kandidieren. Wir schauen zurück auf seine politische Karriere.
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Wer aber nicht bösartig sein möchte, muss dennoch feststellen: Die große alte Sozialdemokratie hat die Aufarbeitung ihres Scheiterns praktisch aufgegeben, bevor sie begann. Die Möglichkeit des auch personellen, konsequenten Neuanfangs hat ihre Führung Minuten nach dem Debakel blockiert. Und das muss alle interessieren, die daran glauben, dass der Aufbau einer mehrheitsfähigen Alternative zu Schwarz-Gelb eigentlich genau jetzt zu beginnen hätte.
Es gibt ein rationales Argument dafür, diese Aufgabe Frank-Walter Steinmeier zu übertragen. Die anstehende Öffnung zur Linkspartei, so lautet es, müsse von einem Sozialdemokraten des eher rechten Flügels oder zumindest der konsensfähigen Mitte organisiert werden. Betriebe ein ausgewiesener Linker wie Klaus Wowereit diese Strategie, dann würde er nach dem Vorbild Ypsilanti an den innerparteilichen Gegnern scheitern.
Da ist etwas dran, aber es bleibt richtig: Eine Partei, die zentrale Personalentscheidungen trifft, bevor sie dieses Thema überhaupt zu diskutieren beginnt, wird die verlorene Glaubwürdigkeit nie und nimmer zurückgewinnen.
Und da wir ja über Inhalte reden wollten: Wenn die SPD denn ernsthaft bereit sein sollte, eine strategische Mehrheit links von Schwarz-Gelb zu organisieren, dann fordert sie zwar mit allem Recht massive Veränderungen der Linkspartei hin zur Regierungsfähigkeit. Aber sie wird sich auch selbst verändern müssen. Sie wird die Schröder-Agenda zwar nicht pauschal verwerfen, aber doch endlich konsequent auf den Prüfstand stellen müssen. Mit Steinmeier? Das heißt, dass der Architekt des Hauses die Ruine auf ihre Statik untersucht. Neuanfang geht anders.
Achtung! Liebe User von fr-online.de. Vielen Dank für die rege Diskussion. Nach den Ereignissen der vergangenen Minuten, der vielen Rücktritte und Verzichte, hat Stephan Hebel nun die neue Situation kommentiert. Sie finden seinen Leitartikel hier . Wir würden uns freuen, wenn die Diskussion dort genau so lebhaft weitergeht. Ihre FR-Redaktion