Sie waren Ade und bleiben bunt, auch wenn das in Leipzig nicht jedem gefällt. Das Bild der Fan-Initiative "Bunte Kurve" in der Öffentlichkeit ist holzschnittartig. Weil sich die Fußballanhänger, die sich noch vor nicht langer Zeit beim heutigen Regionalligisten FC Sachsen Leipzig heimisch fühlten, gegen Rassismus und jede andere Form der Diskriminierung aussprechen, werden sie gern als Radikale und Autonome beschrieben. Das sei "eine unglaubliche Vereinfachung", ärgert sich Mit-Initiator Bastian Pauly.
Hervorgegangen ist die "Bunte Kurve" aus der Fan-Aktion "Wir sind Ade". Weil sich der damalige FC-Sachsen-Spieler Adebowale Ogungbure oft rassistischen Schmähungen gegnerischer Fans ausgesetzt sah, sprangen Anhänger der Grün-Weißen dem Nigerianer bei. Unter anderem mit einem Internet-Auftritt, den viele Unterstützer nutzten, um Ogungbure ihre Solidarität zu bekunden. Bundesweit bekannt wurde das auch deshalb, weil Ogungbure bei einem Auswärtsspiel in Halle mit dem Hitler-Gruß auf die Pöbeleien reagiert hatte.
"Die Sache mit Ade war der Ausgangspunkt", sagt Pauly. Nachdem Ogungbure den Klub verlassen hatte, setzten der 22-jährige Student der Politikwissenschaft und seine Mitstreiter ihre antirassistische Arbeit im Fußballumfeld fort. Die Leipziger schlossen sich an die Netzwerke bekannter Initiativen wie Football Against Racism in Europe (FARE) und Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) an. Sie stellen Turniere mit internationaler Beteiligung auf die Beine, begleiten Lesungen und Ausstellungen. "Es steckt viel Kommerz- und Kapitalismus-Kritik drin", beschreibt Pauly die Ziele der Initiative. "Wir wollen wahrgenommen werden." Man kann sagen, dass das ziemlich gut geklappt hat. Denn der FC Sachsen durfte sich für einige Zeit eines unter ostdeutschen Traditionsklubs wohl einmaligen Images in weltanschaulicher Nähe zum FC St. Pauli erfreuen.
Das war natürlich nicht das alleinige Verdienst der fünf "Bunte Kurve"-Aktivisten um Bastian Pauly und SPD-Stadtrat Christopher Zenker, die mehr oder weniger regelmäßig auf die Mitarbeit von zehn bis 20 Unterstützern bauen können. Junge Ultras des FC Sachsen, der nach der Wende aus der BSG Chemie - dem Überraschungsmeister der DDR von 1964 - hervorgegangen war, suchten und fanden ihre Nische nicht rechts sondern links im politischen Spektrum.
Das war Teil auch der Abgrenzung zum verhassten 1. FC Lokomotive geschuldet. Ein Teil des Anhangs des zu DDR-Zeiten von den SED-Bonzen bevorzugten Lokalrivalen, der sich nach Insolvenz durch die tiefsten Niederungen des Amateurfußballs in die Oberliga hochgearbeitet hat, fällt immer wieder durch Gewaltbereitschaft und rechtsextreme Gesinnung auf. Doch Pauly ist das Bild von den bösen Jungs aus Probstheida und den guten Jungs aus Leutzsch zu schlicht. "Ganz so einfach ist das nicht", sagt er.
Zumal das Image vom "linken" FC Sachsen bröckelt. Auch bei den Grün-Weißen gibt es zumindest eine einschlägige Fangruppe mit dezidiert rechter Gesinnung. Und als die "Bunte Kurve" jüngst anfragte, ob sie bei einem Heimspiel des Regionalligisten mit einem Plakat im Zentralstadion auf die Aktionswoche des antirassistischen Europabündnisses FARE hinweisen könne, lehnte der Klub ab. "Da hieß es, man könne uns keine Bühne geben, und der FC Sachsen sei grundsätzlich unpolitisch", berichtet Pauly.
Antifa-Ultras, die sich nicht mehr willkommen fühlten, haben sich schon vor Monaten vom Viertligisten ab- und der neu gegründeten BSG Chemie in der dritten Kreisliga zugewandt. Auch Pauly und seine Kumpels sind neuerdings auf dem Sportplatz des SV Nordwest anzutreffen, wenn die Neu-Chemiker dort den SSV Kulkwitz II oder die SG Lausen III empfangen. "Wir definieren uns nicht nur über den Klub", sagt Pauly.
Andersherum wird auch ein Schuh daraus. Der vom Vermarkter des Zentralstadions, Winfried Lonzen, geführte FC Sachsen mag sich nicht mehr über einen Teil seines Anhangs definieren. Die Kurve war manchem wohl zu bunt.