Sind Union und SPD eigentlich noch Volksparteien? Besonders bei der SPD streiten die Wahlforscher darüber - denn mit 23 Prozent kann man bei den Sozialdemokraten kaum noch davon sprechen. Doch auch die Union verliert seit Jahren an Zuspruch - die Zeiten, als sie wie 1957 mit 50,2 Prozent eine absolute Mehrheit erreichte, sind vorbei. Der Status von Union und SPD als Vehikel der politischen Massenintegration scheint vorbei. Sie haben an Profil verloren und sich von den sie tragenden Milieus entfremdet. Für immer mehr Wähler kommen die Volksparteien anscheinend nicht mal mehr als kleineres Übel infrage.
Rechnet man die Ergebnisse von Union und SPD zusammen, haben sie am Sonntag mit zusammen rund 57 Prozent das schlechteste Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik erreicht. 1972 erreichten Union und SPD 90,7 Prozent - der höchste gemeinsame Zuspruch der Wähler.
Als eigentliche Volkspartei könnte man heute die Gruppe der Nichtwähler bezeichnen. Mit Ausnahme der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern (2002) und Hamburg (2004) ist die "Partei", die nicht auf dem Stimmzettel steht, seit 1999 bei allen Entscheidungen auf Landesebene stärkste Partei geworden.
Bei der Bundestagswahl 2005 waren die Nichtwähler gemessen an den Wahlberechtigten bereits drittstärkste Kraft nach SPD und Union. Und bei dieser Bundestagswahl wurde die "Partei der Nichtwähler" sogar die stärkste Kraft im Land. Bei einer extrem niedrigen Wahlbeteiligung von 70,8 Prozent verweigerten 18,1 Millionen Wahlberechtigte die Stimmabgabe. CDU und CSU kamen zusammen nur auf 14,6 Millionen Wähler. Die SPD konnte lediglich knapp 10 Millionen überzeugen.
Nichtwähler gelten oftmals als Wahlbürger, die sich von der Demokratie abgewandt haben. Doch erst am Wahlwochenende ergab eine Studie von Infratest dimap, dass potenzielle Nichtwähler keineswegs verdrossen von der Demokratie seien. Nur 16 Prozent der Befragten halten demnach Wahlen generell für überflüssig, lediglich 33 Prozent interessierten sich nicht für Politik.
Schaut man auf die aktuelle Wählerwanderung, dann haben alle Parteien mit Ausnahme der FDP an das "Lager" der Nichtwähler verloren. Am stärksten die SPD mit 2,8 Millionen Wählern, gefolgt von der Union mit rund 900000, der Linken mit 280000 und den Grünen mit 90000. Die rechtsextremen Parteien büßten 80000 Wähler Richtung Nichtwähler ein. Insgesamt wuchsen die Nichtwähler um 4,1 Millionen an.
Großer Gewinner der Wählerwanderung ist die FDP. Die Liberalen erhielten von der Union rund eine Million Wähler und von der SPD 560000. Die SPD, großer Verlierer der Wählerwanderung, gab 1,6 Millionen an die Grünen ab, 960000 an die Linke und 420000 an die Union. ( mit dpa/ddp)