kalaydo.de Anzeigen

EU-Kandidatin Koch-Mehrin: Phänomen oder Gespenst?

"Freiheits-Truck" statt "Guidomobil". An Bord: Silvana Koch-Mehrin, die Spitzenkandidatin der FDP für die Europawahl. Sie ist ein Medien-Phänomen und klagt gegen Zeitungen. Die behaupten, sie sei ein Ausschuss-Gespenst. Von Thorsten Knuf

Silvana Koch-Mehrin schrieb Kolumnen für das Schwerenöter-Magazin Praline und zeigte der Gala ihre Lieblingsplätze in Brüssel.
Silvana Koch-Mehrin schrieb Kolumnen für das Schwerenöter-Magazin "Praline" und zeigte der "Gala" ihre Lieblingsplätze in Brüssel.
Foto: ddp

BRÜSSEL. Immerhin, das Guidomobil ist abgeschafft. Das war das Wohnmobil, mit dem sich FDP-Chef Guido Westerwelle 2002 in seinem Bundestags-Spaßwahlkampf blamierte.

Jetzt gibt sich die Partei staatstragender. "Freiheits-Truck" nennen sie das Gefährt, mit dem sie in diesen Tagen über die Marktplätze der Republik tingeln. Leipzig, Worms und Gießen, Düsseldorf, Trier und Karlsruhe. Und immer dabei: Silvana Koch-Mehrin, die Spitzenkandidatin für die Europawahl.

"Freiheit, das ist unser zentrales Motiv als Liberale", sagt sie. Der Unterschied zwischen dem Guidomobil und dem Freiheits-Truck bestehe darin, dass man in dem Truck nicht nächtigen kann. Wenn am 7. Juni die Wahllokale geschlossen und die Stimmzettel ausgezählt sind, wird Koch-Mehrin voraussichtlich zu den großen Gewinnern gehören.

Zum zweiten Mal führt die 38-Jährige ihre Partei in die Europawahl. Vor fünf Jahren erhielt die FDP 6,1 Prozent der Wählerstimmen, jetzt könnte das Ergebnis sogar zweistellig ausfallen. Es läuft ja ohnehin gerade ganz gut für die Liberalen in den Umfragen. Außerdem dürften sie von der Bekanntheit ihrer Frontfrau profitieren. Was ein gutes Wahlergebnis für Koch-Mehrins weitere Karriere bedeutet, wird man im Herbst wissen, wenn der neue Bundestag gewählt ist und die FDP womöglich in eine Regierungskoalition eintritt.

Silvana Koch-Mehrin ist eigentlich mehr ein Phänomen als eine Politikerin. Sie ist ein Medien-Phänomen, vergleichbar mit der Werbeschauspielerin Verona Pooth, geborene Feldbusch. Die ist ebenfalls nett anzusehen und vor allem deshalb ständig präsent im Fernsehen und den bunten Blättern.

Natürlich ist die Rolle eine andere: Pooth gibt das naive Dummchen. Koch-Mehrin wird hingegen inszeniert als kluge Powerfrau, gleichermaßen erfolgreich im Job wie als Mutter. Mit ihrem Lebensgefährten hat sie drei Kinder. Sie ist freundlich und eine angenehme Gesprächspartnerin. Optisch ist sie ein Kontrast zu den grauhaarigen Männern im dunklen Anzug, die den Politikbetrieb ansonsten dominieren.

Sie hat einen interessanten Lebenslauf, lebte in Marokko und dem Sudan und arbeitete nach dem Wirtschafts- und Geschichtsstudium als Unternehmensberaterin. Einen Doktortitel hat sie auch, erworben mit einer Arbeit über historische Währungsunionen. Das "Dr." haben sie im laufenden Wahlkampf auf alle Plakate neben ihren Namen drucken lassen. Damit niemand auf die Idee kommt, Blondinenwitze zu erzählen.

Inszenierung und Selbstdarstellung sind eine Kunst, die längst nicht jeder Politiker beherrscht. Für Europa-Abgeordnete gilt das allemal. Silvana Koch-Mehrin beherrscht diese Kunst. Und sie beschäftigt eigens eine PR-Frau, die den ganzen Tag bemüht ist, ihre Chefin in TV-Talkshows und Zeitungsspalten unterzubringen.

Bei der Auswahl der Themen und Medien ist Koch-Mehrin nicht zimperlich. Sie ließ sich für den "Stern" mit nacktem Babybauch ablichten, posierte in der "Für Sie" in Umstandsmode, schrieb Kolumnen für das Schwerenöter-Magazin "Praline" und zeigte der "Gala" ihre Lieblingsplätze in Brüssel. Es geht ihr darum, sich bekannt zu machen und sich als Person ins Gespräch zu bringen. Politische Inhalte spielen nur eine untergeordnete Rolle. Wenn man sie auf ihre ausufernde Medien-Präsenz anspricht, sagt sie: "Wir haben als Abgeordnete gegenüber den Wählern eine Bringschuld zu erfüllen. Wir müssen ihnen zeigen, was wir hier im Parlament tun."

Im Parlament gibt es viele, die für Silvana Koch-Mehrin nur Spott übrig haben. Das hängt damit zusammen, dass viele Abgeordnete auch gern so bekannt wären wie die Frau von der FDP.

Richtig ist aber auch, dass die Liberale als Politikerin in der vergangenen Wahlperiode eigentlich kaum in Erscheinung getreten ist. Natürlich fordert sie weniger Bürokratie und weniger Agrarsubventionen, wie sich das für jemanden von der FDP gehört. Ein weiteres Lieblingsthema ist die umstrittene Pendelei zwischen den beiden Parlamentssitzen Brüssel und Straßburg. Aber das war es dann auch schon.

Seit ihrem Einzug ins Europaparlament vor fünf Jahren hat Silvana Koch-Mehrin nicht einen einzigen Legislativbericht verfasst. Diese Berichte sind eigentlich Pflicht und Kür zugleich für jeden Abgeordneten. Er zieht dann ein spezielles Thema an sich, frisst sich in die Materie und begleitet den Sachverhalt federführend durchs gesamte parlamentarische Verfahren. Oft ist das ist eine Höllenarbeit. Es gibt Volksvertreter, die in einer Wahlperiode fünf oder sechs Berichte übernehmen. Koch-Mehrin sagt, das sei nicht ihre Aufgabe. "Als stellvertretende Fraktionsvorsitzende bin ich viel mit organisatorischen Dingen befasst."

Auch auf die Ausschuss-Arbeit legt sie keinen besonderen Wert. Formal ist sie Mitglied des Haushalts-Ausschusses, tatsächlich ließ sie sich in dessen Sitzungen nur sporadisch blicken. Ein Abgeordneter sagt: "Sie ist eine von den Kolleginnen und Kollegen, die am wenigsten da waren." Ein Blick in die Protokolle des Gremiums zeigt, dass er Recht hat. Gerade erst ist Koch-Mehrin mit dem Versuch gescheitert, der "FAZ" per Gericht eine Berichterstattung über angebliche Fehltage im Plenum zu untersagen. Die Pressekammer des Landgerichts Hamburg hob vor einer Woche eine entsprechende einstweilige Verfügung auf.

Zwei badische EU-Abgeordnete von der CDU haben kürzlich eine Seite mit der Adresse "silvana-fuer-europa.de" ins Internet gestellt. Sie behaupten, dass sie Werbung für die Weißweinsorte "Silvaner" machen wollen. Dort ist zu lesen: "Es gefällt vor allem die eher blass-gelbe helle Farbe und der meist leichte bis kräftige Körper. Geschmacklich mild und eher neutral, gelegentlich auch vollmundig. Oft leider mit einem leicht säuerlichen Abgang. Fachleute bemerken außerdem den relativ leichten Gehalt."

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Autor:  Thorsten Knuf
Datum:  4 | 6 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Video
Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Frankfurter Rundschau im Abo