Die Eurobanker fliegen per Flugzeug nach Frankfurt ein. Von ganz oben jedenfalls, das zeigte gestern die Film-Simulation des neuen Sitzes der Europäischen Zentralbank auf dem leergeräumten Großmarktgelände, fällt der Blick der Bauherren auf die Stadt. Nicht umsonst schreiben die Architekten von Coop Himmelb(l)au in ihren Verlautbarungen das Ostend in Anführungszeichen.
Frankfurt, das dem Bankpersonal eigens eine neue Main-Brücke bauen will, ist in den Simulationen nicht wiederzuerkennen. Ebenso wenig das Ostend oder die Großmarkthalle. Nur die Skyline scheint original, die Skyline ist in dem Filmchen oft im Bild. Architekt Wolf D. Prix spricht bei der Vorführung im Eurotower von dem gelungenen "visuellen Kontakt zum Stadtzentrum". Von dem "Spannungsfeld zwischen dem Bankenviertel und dem Frankfurter ,Ostend'."
Konferenzen in 185 Metern Höhe
Dieses wird überdeutlich, wenn die Kamera durch den künftigen Konferenzraum der Bank-Vorstände an der Spitze der 185-Meter-Türme fährt. Von da oben und von einem mächtigen runden Konferenztisch aus können die Finanzmanager ab 2012 ihre Augen in die Ferne und über die Frankfurter Hochhaus-Silhouette spazieren lassen. So lange die Lichter in der Skyline nicht ausgehen, ist ihre Lage kommod. Nur der harmlose Zuschauer der virtuellen Szenerie suchte gestern nach den bekannten städtebaulichen Merkpunkten. Fühlte sich an Science Fiction, an Stanley Kubricks "Dr. Seltsam" und seinen "War Room" erinnert. Vielleicht auch an den Saal des UN-Sicherheitsrats. Oder einfach an Bilder vom Mond.
Die beiden gegeneinander leicht verdrehten, wuchtigen Hochhaus-Scheiben, zusammengehalten von einem gläsernen Atrium, legte Architekt Prix als "vertikale Stadt" aus. Man könnte auch von der hochgestapelten Stadt sprechen. Lauter "Meeting-Points" und "hängende Gärten als Atmosphäreträger". Verbindungsplattformen, Stege, Rampen und Treppen auf unterschiedlichen Höhen "vernetzen die Bürotürme".
Schließlich kam die Präsentation auf den Altbau, die Großmarkthalle. Schon der "prominente Blick" vom Mainufer auf die Südseite des Elsaesser-Baus betone dessen "Sonderstellung", formulierte Coop Himmelb(l)au in der Tischvorlage. Das auf einen Sockel gestellte Modell in der Pressekonferenz sprach eine andere Sprache. Wer sich nicht von Worten der Bauherren und Baumeister blenden ließ, erkannte, dass die mächtigen Breitseiten der Hochhaus-Scheiben den gewünschten freien Blick vom Main auf das Kulturdenkmal verdecken.
Prix versprach dennoch, dass auch nach dem Umbau "die ganze Halle von außen und von innen zu lesen ist". In dem 200 Meter langen, bis zu 23 Meter hohen Raum will er mehrere in sich geschlossene, gegeneinander versetzte Baukörper installieren- "nach dem Haus-im-Haus-Prinzip". Gedacht als Konferenzräume, für ein Restaurant. Und obendrüber kommt dann "der Bügel" zu liegen, jener geplante Baukörper, der im Modell so aussieht, als habe einer mit einem Eisenpfosten auf das Hallendach eingeschlagen und sei dabei mit dem Teil stecken geblieben. Dieser quer durch den Raum führende Trakt, etwa in Höhe der ausgedienten "Kaffeebrücke" der Markthändler, berührt nicht den Boden, "er schwebt", meinten die Leute der "ECB Press and Information Division" bei einer Hallenbesichtigung am Mittag. Eine breite Freitreppe wird nach da oben führen, wo einmal das Pressezentrum einziehen soll.
Viele Worte also und lauter große Gesten. Wenig von beidem allerdings für das Kulturdenkmal Großmarkthalle, das man, gerade in einem modernen Rahmen, als bestaunenswertes Objekt hätte herausstellen können - so wie es etwa im Ruhrgebiet der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA) vor Jahren mit Liebe zur Geschichte des Ortes gelungen ist.
Hier dagegen ist an Emotionen bloß eine Gegnerschaft gegen "das Verkehrsbauwerk" (Prix) zu erkennen, dem man für Repräsentationzwecke glaubt, etwas überstülpen zu müssen. "Warum dieser aggressive Einschnitt?", fragte eine Kollegin nach Ende der Pressekonferenz den städtischen Planer Dierk Hausmann. Eine Antwort blieb aus.

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