Nach außen hin ist die Europäische Zentralbank (EZB) auch an diesem Tag, wie gewohnt, eine Meisterin des Understatements. Gerade mal neun Zeilen umfasst am Mittwochnachmittag in Frankfurt die offizielle Mitteilung der "Direktion Kommunikation, Abteilung Presse und Information".
Der Kern: Die Suche nach einem Generalunternehmer für das neue EZB-Quartier im Frankfurter Osten ist nach knapp einem Jahr ergebnislos abgebrochen worden. Grund genug für ein paar erhellende Worte im Allerheiligsten, dem noblen Sitzungssaal des EZB-Rates ganz hoch oben im Euro-Tower am Willy-Brandt-Platz - nur nach peinlichsten Kontrollen durch Sicherheitspersonal zu erreichen. Der internationalen Journalisten-Runde stellt sich Lorenzo Bini Smaghi, Mitglied des EZB-Direktoriums, gemeinsam mit den Bauverantwortlichen.
Freilich nur unter der Voraussetzung, dass aus dem Gespräch nicht direkt zitiert wird ("No quotes!"). Im Euro-Tower gibt man sich an diesem Nachmittag, während dunkle Gewitterwolken über dem Bankenviertel dräuen, geschockt über die Entwicklung: Das Währungsinstitut fand keinen Konzern, kein internationales Konsortium, das für 500 Millionen Euro die neue EZB-Zentrale bauen wollte. Nur vier internationale Unternehmen zeigten vages Interesse, nur eines gab ein konkretes Angebot ab. Und das lag sehr deutlich über der Grenze von 500 Millionen Euro. Die Journalisten fragen nach: Wie deutlich? Doppelt so hoch? Keine konkreten Antworten. Das kennzeichnet die Runde im Allerheiligsten.
Ausgerechnet die EZB wurde so - eine besondere Ironie - ein Opfer der Globalisierung auch des Baumarktes. Für Top-Unternehmen ist es allemal profitabler, zum Beispiel in den arabischen Ländern Großbauten zu errichten - in Deutschland sind die Gewinnspannen einfach zu klein. Zugleich explodieren die Preise für Baustoffe wie Beton, Stahl, für Maschinen und Kräne. Nur: Konnte das keiner der Experten im EZB-Tower wissen?Die Journalisten schütteln ungläubig den Kopf.
Medienvertreterinnen aus Spanien geben den ironischen Rat, doch jetzt spanische Baukonzerne zu engagieren. Nur: Auch die sind längst außerhalb Europas aktiv.
Viele Fragen bleiben an diesem Nachmittag offen, hoch oben über dem Bankenviertel: Was wird nun aus den Plänen des österreichischen Architekturbüros Coop Himmelb(l)au für einen spektakuläres, neues EZB-Hochhaus? Was wird aus der denkmalgeschützten Großmarkthalle von 1926-1928, um deren Zukunft erbittert gestritten worden war? Sie soll von einem modernen Bauriegel durchschnitten werden - das hatte die Erben des Architekten Elsaesser auf den Plan gerufen, die erst vor wenigen Wochen ihren Widerstand aufgegeben hatten.
Ende 2011 sollten 2500 EZB-Experten im neuen Quartier auf dem Gelände der Großmarkthalle Einzug halten. Das verzögert sich jetzt nach offizieller Lesart mindestens um ein Jahr.
Freilich wird an diesem Nachmittag im EZB-Turm auch nicht mehr ausgeschlossen, dass es gar keinen Umzug mehr gibt. Auch der Verbleib am alten Ort ist jetzt eine Option. Allerdings: Die Aufwendungen der europäischen Währungshüter sind bereits gigantisch. 60 Millionen Euro zahlten sie an die Stadt Frankfurt für das Baugrundstück. Weitere 80 Millionen Euro flossen in die Planungen und Vorarbeiten. Erst Anfang Mai hatte die Stadt im Kaisersaal des Römers mit großem Aplomb die endgültige Baugenehmigung an EZB-Präsident Jean-Claude Trichet überreicht. War da die EZB-Spitze nicht längst über die Entwicklung informiert?
Ironischerweise brechen Arbeiter gerade die denkmalgeschützten Annexbauten der Großmarkthalle ab - sie wurden nach langem Ringen dem Neubau geopfert. Dieser Abbruch wird in jedem Fall bis zum Ende durchgezogen. Und die Firma Züblin, deren Arbeiter auf dem Areal wuseln, wird auch noch die riesigen Pfähle fertig in die Erde rammen dürfen, um die Baugrube des Hochhauses zu sichern.
Alles weitere aber steht in den Sternen. Nach den Sommerferien will die EZB-Spitze mitteilen, wie es weitergeht - wenn es weitergeht. Eine Möglichkeit wäre, ohne Generalunternehmer jede Arbeit einzeln zu vergeben. Am Ende verlassen die Journalisten ratlos den Euro-Tower. War das das Aus?

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick
Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.
Facebook | Twitter überregional | Google+