Die Europäische Zentralbank (EZB) ist eine der großen Geschäftsstellen der Globalisierung. Zum Management der EZB zählt neben der Traditionspflege eines Kosmos, in dem es Gewinner und Verlierer gibt, so etwas wie die weltweite Zukunftsschau. Zur Zukunftspolitik gehört der Versuch einer Risikominimierung, wie sie Tag für Tag angestrebt wird, zumal in den letzten Monaten, in denen sich in der internationalen Baubranche eine Krise ankündigte, die jetzt zu einem Crash geführt hat. Denn die EZB hat mitteilen müssen, dass sie für ihren Neubau auf dem Areal der Frankfurter Großmarkthalle keinen Generalunternehmer hat finden können.
Um die Vorstellungen des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au umsetzen zu können, sollen sich vier Bauunternehmen beworben haben. Es soll aber nur ein Angebot eingegangen sein, das die kalkulierten 500 Millionen Euro dermaßen überschritt, dass die Bank eine nähere Beschäftigung von vorneherein ausschloss.
Abgesehen von den ökonomischen Folgen einer Kalkulation, die nur deshalb eine runde Sache schien, weil die EZB ein rundes Sümmchen nannte, ist die Projektsteuerung der Globalisierung etwas äußerst Komplexes, so undurchsichtig wie unberechenbar, ökonomisch unvorhersehbar - und symbolisch nicht steuerbar.
Denn das Eingeständnis, dass sich kein internationales Konsortium für eine halbe Milliarde Euro an die Umsetzung eines Architekturentwurfs heranwagt, erreicht die Öffentlichkeit zu einem Zeitpunkt, an dem der "Tag der Architektur" gefeiert werden soll; bundesweit so gut wie in Frankfurt soll er am Wochenende begangen werden. Man weiß, wie sehr der Veranstalter, die Bundesarchitektenkammer, bei diesen zwei Tagen auf so etwas wie eine nationale Vertrauensbildungsmaßnahme zugunsten der Architektur baut, und das bereits seit Jahren schon stark hofft.
Gleichzeitig weiß man seit zwei, drei Jahren ebenfalls, wie stark die EZB für den Vertrauensverlust gegenüber dem Architektonischen verantwortlich ist. Die Art, wie die EZB und das Architekturbüro Coop Himmelb(l)au ihre Vorstellungen durchgesetzt haben, wurde zur Inkarnation einer Zitadellenpolitik, die nicht erst mit dem Bezug der geplanten Doppeltürme auftritt. Frankfurts Magistrat ließ sich schlecht behandeln, der Denkmalschutz wurde noch schlechter berücksichtigt.
Für die Hauptquartierpläne, einen 185 Meter hohen Doppelturm, wurden Elemente der Tradition geschleift, denn sonst würden nicht Teile der Großmarkthalle und mit ihr ein Monument der Architekturmoderne durch einen präpotenten Entwurf penetriert.
Ob dieses Vorhaben nun, nach dem Fiasko fortgesetzt werden wird, ist zu bezweifeln. Tatsächlich gibt es in Deutschland höchstens vier, fünf Baufirmen, die die hochgradig komplizierte Konstruktion des in sich verdrehten Hochhauses bewältigen könnten - mit allen finanziellen Folgen, angefangen vom Bau eines Turms, bei dem normale Kletterverfahren versagen, bis hin zur Fassadenkonstruktion. Der Fehlschlag der EZB wird zu so etwas wie einer gewaltigen Entwurfskrise führen - und sie wird sich nicht allein auf das geplante Hauptquartier beschränken. Denn so wie es zur Traditionspflege der EZB gehört, die Welt in Gewinner und Verlierer zu teilen, so wird sich manches Architekturbüro in Deutschland, das seit Jahren schon Verluste schreibt, umso mehr nach seinen Architekturexportchancen im Ausland umschauen.
Die Grenzen der "kleinen Großstadt"
Die Kosten auf dem deutschen Baumarkt, die ökonomischen Unwägbarkeiten sind offensichtlich riesig. Und die Krisen in der Baubranche treten in den letzten 20 Jahren regelmäßig auf. Der deutsche Architekt mag sein Büro in Frankfurt haben, eine Baustelle in Berlin und einen Wettbewerb in München - doch um nicht als Verlierer der Globalisierung dazustehen, lässt er sich von ihr zu so etwas wie einem Heimatverlierer und Teilzeitvertriebenen machen, ob nun auf den Bauplätzen in den arabischen Ländern oder Fernost.
Dort trifft er auf eine hart gesottene Elite von Global Playern, und unter ihnen sind es acht bis zehn Jungs und eine Frau, die das Globale Dorf tatsächlich wie ein Dorf betrachten. Wie in jedem Dorf sind Kontrolle und Anpassungsdruck enorm, und aus dieser Erkenntnis zieht der Global Player unmittelbar gestalterische Konsequenzen.
Wenn die Globalisierung ein Begriff ist, mit dem sich andeuten lässt, dass der Nationalstaat ein ökonomisches Auslaufmodell ist, dann heißt das für den Global Player, dass sein Kindergarten in Rotterdam so auszusehen habe wie der für Peking und das Hochhaus in San Francisco kaum anders als das von Singapur bis Dubai. Das Global Village ist eine Ortschaft, die sich im gestalterischen Eigentum einer Happy few von Architekten befindet, die von Hochglanzmagazin zu Hochglanzmagazin weitergereicht werden, wie soeben wieder im Spiegel Special.
Wer da als "arrivierter Revoluzzer", als "Nachwuchstalent" oder "Star-Architekt" beklatscht wird, ist heute nicht mehr der bestechende Entwurfsarchitekt (wie noch der eine oder andere Heros der klassischen Moderne), sondern ein Manager auf dem Laufsteg der Architekturmoden.
Dem Trend hat sich vielerorts auch die kleine Global City, Frankfurt am Main, gebeugt. Doch nicht allein in den Grenzen dieser "kleinen Großstadt" (Oberbürgermeisterin Petra Roth) wird der Bürger, ob Globalisierungsgewinnler oder -verlierer, regelmäßig Zeuge, wie anfällig die Projektsteuerung der Globalisierung ist. Das Debakel einer kalkulierten Risikopolitik, deren Zyklen sich offensichtlich nicht kalkulieren lassen, lässt sich auf Hauptstadtverhältnisse hochrechnen.
Denn auch für den Neubau des Berliner Stadtschlosses muss ein Generalunternehmer gefunden werden. Für den Nagelneubau der Neoresidenz sind vom Bundesbauministerium 480 Millionen Euro festgeschrieben worden. Angesichts der Krise auf dem Baumarkt wird sich rasch herausstellen, ob die EZB mit ihrem exorbitanten Architekturprojekt so etwas wie ein Monopol auf eine außerordentliche Fehlkalkulation hatte.

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