Der pappsatten deutschen Filmbranche scheint der Hunger nach Bildern vergangen. Wie auch den Machern ihres prächtigsten Festivals, das am Wochenende zu Ende ging. Die Berlinale beschäftigt zwar sogar einen Kurator für die Nebenreihe "kulinarisches Kino". In der künstlerischen Mitte der Filmfestspiele aber ist es leer. Am flachen Niveau des diesjährigen Wettbewerbs änderten auch die deutschen Beiträge nichts, im Gegenteil - die Berlinale 2009 bekam weltweit schlechte Noten. Die verwöhnte Konkurrenz von Cannes darf sich jetzt schon auf die neuen Werke von Pedro Almodóvar, den Coens und Jim Jarmusch freuen. Auf dieser Ebene kann Berlin nicht mehr konkurrieren - und das nimmt man offenbar sehenden Auges hin. Es gibt nur eine Erklärung dafür, wie das größte Filmfestival auf Erden - rund 5000 Filme wurden eingereicht, etwa 270000 Zuschauer kamen - mit Kennergriff so oft danebenlangt: Man trägt das Image des "politischen Festivals" wie eine getönte Brille auf der Nase.
Die ganze stilistische Vielfalt der Filmkunst dringt nicht mehr durch in dieses eingeschränkte Spektrum. Neben dem Pseudo-Politkino wie Lukas Moodyssons gespenstisch vereinfachender Globalisierungs-Schmonzette "Mammoth" greift man immer wieder zu offensichtlichem Kunstgewerbe: Sally Potters gestellter Interviewfilm über die Modebranche "Rage" war so ein Beispiel: In stumpfen, schlecht geschriebenen Monologen agieren da Filmstars unter Niveau wie in der Parodie einer Video-Installation aus dem Kunstbetrieb.
Dabei gibt es ein Kriterium, mit dem man echte Filmkunst sehr leicht von der Dutzendware unterscheiden kann: Sie ist nicht um jeden Preis bemüht, sofort verstanden zu werden. Sie erlaubt auch einen zweiten Blick und muss ihre Aussagen nicht wie Parolen vor sich hertragen. Wieder einmal mangelte es bei diesem Festival am Mut zur Mehrdeutigkeit; stattdessen setzten die Macher auf griffige Statements zur Weltlage.
Dazu passte auch die filmische Selbstbespiegelung der austragenden Filmnation, die gegen Ende aufgeführt wurde. "Deutschland im Jahre 09" wagt in einem zweieinhalbstündigen Kurzfilmprogramm nicht weniger als ein Statement "zur Lage der Nation", so der vollmundige Untertitel. Darin Themen wie diese: Ein Geburtstagskind würde lieber mit dem Papi spielen als mit einem hochbezahlten Partyclown. Ein F.A.Z.-Leser läuft Amok, weil die Frakturschrift abgeschafft worden ist. Eine Spiritistin holt Susan Sontag und Ulrike Meinhof zu einer Diskussionsrunde aus dem Totenreich - worauf sie mächtig Phrasen dreschen. Und irgendwo in einem spärlich möblierten Zimmer gibt Murat Kurnaz ein Interview, in dem er sagen wird, dass er Frank-Walter Steinmeier nie wird verzeihen können.
Vier von 13 Einzelfilmen, ausgedacht von Sylke Enders, Hans Steinbichler, Nicolette Krebitz und Fatih Akin. Letzterer möchte uns wenigstens ein bisschen wehtun. Dazu hat er eines der wenigen Interviews des ehemaligen Guantanamo-Häftlings Kurnaz mit einem Schauspieler nachinszeniert. Es ist die Methode seines Kollegen Romuald Karmakar, der ebenfalls mit einem angenehm verstörenden Film vertreten ist, dem dokumentarischen Porträt eines Exil-Iraners, der als Berliner Nachtbar-Betreiber seine Illusionen verlor.
Alles andere in diesem aufwändig geknüpftem Flickenteppich ist, um es mit einem früheren Akin-Titel zu sagen, kurz und schmerzlos. Weniger von einer wie auch immer gefassten Krise künden diese Filme, als vom Wohlstand einer Nation von Filmförderern: Ihre Euro-Millionen werden uns auch weiterhin erhalten bleiben, was fraglos eine gute Sache ist. So lange sich nur nicht diese Geburtstags-Clowns alles davon unter den Nagel reißen.
Denn auch wenn Regisseurin Sylke Enders in ihrem Film vor ihnen warnen will, so ist sie doch selbst ihrer teuren Opulenz verfallen, wenn sie eine minimale Aussage gewaltig orchestriert. Wer nach guten Kurzfilmen sucht, findet sie weniger bei den Würdenträgern der deutschen Spielfilmszene als bei Profis - in der nach wie vor blühenden deutschen Kurzfilmszene aus Filmschülern und gestandenen Individualisten.
Im Wettbewerb selbst war die Überraschung bei der Preisvergabe am Wochenende garantiert, denn einen Favoriten gab es nicht. Von allen Teilnehmern hatte lediglich die Berlinerin Maren Ade mit ihrer wundervollen Tragikomödie "Alle Anderen" eine veritable Fangemeinde vorzuweisen. "Alle anderen", da waren sich die meisten Beobachter einig, war besser als alles andere in diesem weitgehend glücklosen Berlinale-Wettbewerb. Allerdings haben es Dialogfilme schwer, insbesondere, wenn sie nicht gerade in einer Weltsprache gedreht werden. Es war gewiss kein Nachteil für diesen äußerlich unspektakulären Film, dass Jury-Präsidenten Tilda Swinton des Deutschen mächtig ist. Neben dem Silbernen Bären für den österreichischen Bühnen-Star Birgit Minichmayr in der Hauptrolle gab es noch einen geteilten "großen Preis" für die Filmemacherin Maren Ade.
Auch die andere Hälfte dieser zweithöchsten Trophäe geht zum Teil nach Deutschland, denn "Gigante", das trocken-humorige Stück über einen korpulenten Wachmann und eine Liebe durch die Überwachungselektronik eines Supermarkts, kommt als Koproduktion aus Uruguay: Wieder einmal hat damit die Produktionsfirma Pandora-Film, in Köln und FRankfurt ansässig, ihre Finger an einem Festivalgewinner. Der Film hat reichlich Charme, wenn auch keine wirkliche Größe - dafür ist das Motiv von Video und Voyeurismus wohl schon zu ausgereizt. Und der späte Lohn für das Schmachten einsamer Männer ist doch zu sehr eine bloße Phantasie dieses Geschlechts.