BERLIN. Ein knappes Jahrzehnt hat er auf diesen Augenblick hingearbeitet. Hat die Schlappe von 2002 weggesteckt und die Enttäuschung von 2005 verwunden. Bei seinen Auftritten hat sich Guido Westerwelle vom Politclown zum Staatsmann gewandelt. Alles zielte auf diesen Moment am 27. September 2009 kurz nach 18 Uhr, der für die FDP nach elf mageren Oppositionsjahren endlich die Rückkehr an die Fleischtöpfe der Macht bringen sollte.
Das Jubelgeschrei in den "Römischen Höfen" ist ohrenbetäubend, als die Prognose kurz nach der Schließung der Wahllokale tatsächlich eine wahrscheinliche Mehrheit für Schwarz-Gelb signalisiert. Das schwache Ergebnis der Union wird noch stillschweigend verfolgt, doch als der Absturz der SPD deutlich wird, kreischen die 2500 Gäste zum ersten Mal. Dann der gelbe Balken. Er wächst und wächst in unbekannte, historisch unerreiche Höhen. Rhythmisches Klatschen brandet auf, und "Westerwelle"-Schildchen werden geschwenkt. Als die FDP vor zwei Wochen ihre Wahlparty in das Gebäude Unter den Linden verlegte, weil ihre Parteizentrale den Ansturm nicht bewältigen könne, sah das noch nach einem Werbegag aus. Nun kann man den Ausnahmezustand live erleben.
Offiziell hatte sich Westerwelle zuletzt siegessicher gegeben. Insgeheim hatten die Liberalen aber mächtig gezittert, ob die schwächelnde Union wohl genügend Stimmen auf die Waage bringen würde. Schon einmal, vor vier Jahren, war ein sicher geglaubter Sieg von CDU/CSU auf den letzten Metern verstolpert worden.
Doch nun hat Westerwelle tatsächlich auf ganzer Linie gesiegt. Seine Anhänger feiern ihn, als wäre er der neue Bundeskanzler: Am gestrigen Sonntag hat er für die FDP das beste Ergebnis aller Zeiten eingefahren. Und auch die Strategie, kurz vor dem Urnengang ganz auf ein Bündnis mit der Union zu setzen, scheint sich ausgezahlt zu haben: Die Liberalen stünden "nicht als Mehrheitsbeschaffer für Rot-Grün zur Verfügung", hatte der Parteitag am vorigen Sonntag auf Westerwelles Wunsch beschlossen.
Wie es nun weitergeht mit der schwarz-gelben Regierungsbildung? Die FDP-Vizes Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Rainer Brüderle sowie Schatzmeister Hermann-Otto Solms gelten als Ministerkandidaten. Westerwelle selbst strebt das Amt des Außenministers an. Mindestens genauso spannend dürften die Verhandlungen über den Koalitionsvertrag werden. In der Gesundheitspolitik, bei der Rente und bei der Wehrpflicht verfolgen Union und FDP konträre Ziele.
Die von der Union versprochene Steuererleichterung geht Westerwelle bei weitem nicht weit genug. Natürlich, räumt er ein, könne "in den ersten sechs Wochen das Steuersystem nicht komplett reformiert werden". Aber auf einer klaren Festlegung will der strahlende Sieger des Wahlabends bestehen. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nach diesem Abend nicht.