Florian Rentsch nimmt die Beschwerden über das privatisierte Rhön-Klinikum Marburg-Gießen ernst. Niedergelassene Ärzte und Studenten hätten sich unzufrieden geäußert, sagte der FDP-Fraktionschef am Mittwoch bei einem Gespräch mit der Landesärztekammer (LÄK).
"Es ist sehr schwer, Lehre und medizinische Versorgung zu trennen", sagte Rensch und fügte hinzu: "In der Praxis ist das deutlich schwerer als in der Theorie." Damit gab erstmals ein hessischer Politiker in Regierungsverantwortung zu, dass das Land beim Verkauf des Universitätsklinkums an den Rhön-Konzern handwerkliche Fehler gemacht hat. Rentsch: "Das funktioniert an vielen Stellen nicht richtig."
Bundesweit einmalig war die Privatisierung des Uniklinikums Marburg-Gießen Anfang 2006. Die Rhön-Klinikum AG erwarb für 112 Millionen Euro einen Geschäftsanteil von 95 Prozent. Den Rest hält das Land, um Qualität von Forschung und Lehre zu kontrollieren. Bis Ende 2010 muss auf betriebsbe- dingte Kündigungen verzichtet, 370 Millionen Euro in Bauten und Forschung investiert werden. In Hessen betreibt Rhön-Klinikum auch die Aukamm-Klinik und die Stiftung Deutsche Klinik für Diagnostik (beide Wiesbaden); bundesweit sind es 48 Häuser.
Dass dem so ist, haben in den vergangenen Monaten immer wieder niedergelassene Ärzte, Patienten und Mitarbeiter beklagt. Krankenschwestern sagten, sie könnten sich wegen Personalmangel nicht ausreichend um die Patienten kümmern. Studenten berichteten der Frankfurter Rundschau, dass die Ärzte zu spät in die Vorlesungen kämen, keine Zeit hätten, ihnen auf Station etwas beizubringen.
Nächste Woche, kündigte Rentsch an, werde er mit Gerald Meder, Vize-Vorstandsvorsitzender von Rhön-Klinikum, reden. "Sollte sich das so fortsetzen, sollten wir etwas machen." Die Leitung des Rhön-Klinikums hatte in der Vergangenheit stets versichert, die Versorgung auf qualitativ hohem Niveau sei gewährleistet. Das Personal sei aufgestockt worden, die Fallzahlen stiegen beständig.
Dringenden Handlungsbedarf sieht auch Kammerpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. Studien zufolge unterscheide sich zwar die Qualität von privatisierten und öffentlichen Kliniken nicht. Doch die Arbeitverdichtung am Uniklinikum sei extrem. "Die Arbeitsunzufriedenheit ist groß."
Von Knoblauch berichtete von seiner Tochter, die - ohne jegliche medizinische Kenntnisse - ihr freiwilliges soziales Jahr am Uniklinikum Marburg absolvierte. An Wochenenden, manchmal auch unter der Woche, habe sie mit einer einzigen ausgebildeten Kraft auf der Akutstation Dienst gehabt. Wenn die Schwester kurz etwas besorgen musste, sei sie dort völlig alleine gewesen. Die Tätigkeiten seiner Tochter schilderte er so: "Sie hat Aufgaben übernommen, die eine auszubildende Krankenschwester nicht macht."
Trotz dieser drastischen Schilderungen rückte der sozialpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Ralf-Norbert Bartelt, nicht von seiner Position ab: Die Situation am privatisierten Uniklinikum unterscheide sich nicht von der in anderen hessischen Krankenhäusern: "Es ist ein allgemeines Problem, dass die qualifizierte Ausbildung verbessert werden muss." Möglicherweise müsse die Regierung die Aus- und Weiterbildung in den Kliniken vertraglich festschreiben.
Die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) sind für beide Politiker nicht die Lösung für den Ärztemangel im ambulanten Sektor sein. "Wenn Krankenhausträger Kassensitze kaufen, wird die freiberufliche Tätigkeit zerstört", sagte Bartelt. Rhön-Klinikum-Vorstandsmitglied Christoph Straub hatte jüngst in Kassel den Ausbau der MVZ angekündigt. Geplant seien unterschiedliche Kooperations- und Beteiligungsangebote an Ärzte, auch die Übernahme weiterer Arztsitze in Hessen. Derzeit halte Rhön schon 15 Arztsitze in Gießen, Marburg und Wiesbaden.

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