Hundertschaften marschieren durch Richard Wagners "Götterdämmerung", darunter die kompletten Berliner Philharmoniker mit sechs Harfen im geräumigen Orchestergraben des vor zwei Jahren eröffneten Grand Théâtre de Provence. Eine in schöne Unzähligkeiten facettierte Festival-Attraktion bahnt sich also für den Sommer in Aix-en-Provence (Koproduktion mit den Salzburger Osterfestspielen) an Und unter der Leitung von Sir Simon Rattle zeigt der philharmonische Großklangkörper sogar noch die kammermusikalisch-koloristischen Feinheiten einstiger Karajan-Wagnertaten, Nachklänge einer bis ins Letzte ausdifferenzierten, ausgereizten Musiziertradition.
Dennoch bleibt von den Vielfältigkeiten dieser Produktion, deren szenographisches Format trotz einer spürbaren Reifung im Zuge der Arbeit des Regisseurs Stéphane Braunschweig nicht sonderlich imponiert, ein Einzelmoment in Erinnerung: die Verkörperung des Hagen durch den russischen Sänger Mikhail Petrenko. Eine Darstellung, die sich einprägt und nahezu verabsolutiert innerhalb eines Sängerteams, das auch ansonsten keineswegs kraftlos anmutet, etwa mit der gewandten, intensiven Brünnhilde von Katarina Dalayman.
Mikhail Petrenko aber distanziert sich deutlich von ihnen mit seiner exorbitanten Leistung, was dramaturgisch nicht sinnlos ist, weil Hagen ja ohnedies als ein unintegrierbarer Sonderling durch die Handlung geistert. Petrenko nimmt ihm das Statuarische. Finstere Bassfärbungen von spezifischer Wucht hat er kaum zu bieten; er kompensiert das durch eine artikulatorische Prägnanz und Schärfe, die jeder seiner Verlautbarungen Giftigkeit verleihen. Auf geradezu unglaubliche Weise macht er zudem das Lethargische, Traumwandlerische Hagens deutlich, eine abgründige Oblomowsche Trägheit, aus der sich die Momente von Wachheit, Gewaltbereitschaft umso katastrophischer herauslösen.
Dass Braunschweig diese Darstellungskunst entdeckt und nutzbar gemacht hat, dass er sie zumindest zuließ, soll immerhin als bedeutendes Verdienst einer Inszenierung gewürdigt werden, die trotz ihres prominenten Status doch wohl mehr zu den Überflüssigkeiten der gegenwärtigen Wagner-Rezeption zu zählen ist.
Die Peripherie eines Festivals kann schnell zum Zentrum werden, wenn es um einen Auftritt des großen ungarischen Komponisten György Kurtág und seiner Frau Marta am Klavier geht, die Ausschnitte aus dem immer noch weiter in Entstehung begriffenen Klavier-Lehrwerk "Játékok" (Spiele) zu Gehör brachten. Und zwar nicht an einem formidablen Konzertflügel, sondern am schlichten Hausinstrument, um dessen etwas gedeckteren und warmen Klang es dem Musikerpaar offenbar besonders ging. Die Hörer im kleinen, altmodischen Théâtre du Jeu de Paume wurden Zeugen einer intimen Abendunterhaltung der Kurtágs, die gleichwohl einem nuancenreichen Perfektionismus huldigen.
Ergreifend zu erleben, wie die sowieso vielfältig die Kurtág-Materie (leider ist der Werktitel "Mikrokosmos" schon an Bartók vergeben, er träfe noch viel besser als "Játékok") durchsprenkelnden Bach-Choralbearbeitungen ein immer größeres Gewicht bekommen und die moderne Sprachlichkeit schließlich überwuchern. Und wenn das offizielle Schlussstück ein Bachchoral war, dann mochten die beiden Klavierspieler auch in ihren Zugaben nicht mehr von Bach weichen, diesem Anfang und Ende aller Musik. Er fordert zu Bescheidenheit heraus, ohne dass dabei dem künstlerischen Selbstbewusstsein eines Kurtág etwas abginge.
Von einem eher eingeschränkten Standpunkt her verdient das "Idomeneo"-Bühnenbild von Pierre André Weitz das Lob einer aberwitzig dominanten Einzelheit: als extreme Logistik beweglicher Bühnenarchitekturen mit schier unendlich variabel kombinierbaren metallenen Terrassen und Treppen. Sie lähmten und betäubten nahezu das psychologische Kammerspiel der Akteure in dieser Mozartoper, was dann sowieso durchweg an der Rampe stattfand. Beim vom Dirigenten Marc Minkowski nicht unterschlagenen großen Finalballett wurde zwar auch noch eine veritable Tanztruppe aufgeboten, die mit den gedoubelten Hauptgestalten die Handlung nochmals erzählte. Aber die atemberaubendste Mobilität war den tanzenden und wie in einem irren Leerlauf sich selbst und ihre technologische Finesse feiernden Architekturelementen vorbehalten.
In ihrer unknalligen, altmodischen Normalität war dann die Aufführung des "Orphée aux enfers" geradezu eine Wohltat. Dezidiert das Offenbach-Dirigat des jungen Alain Altinoglu, bunt und auf unkorrumpierte Art unterhaltsam die Regie von Yves Beaunesne. Eher buntscheckig im Gesamtblick das diesjährige Festspielkonzept des Intendanten Bernard Foccroulle. Die beiden zuletzt genannten Stücke fanden im Théâtre dArchevêché statt, dem legendären Innenhof des Bischofspalastes, der als Spielstätte seit dem neuen Grand Théâtre auf den zweiten Rang versetzt wurde.
Das Grand Théâtre könnte überall stehen in einer gelinde futuristischen Stadtlandschaft des Monsieur Hulot. Geht man darauf zu von einem der herrlichen Brunnen von Aix aus, fühlt man sich in Straßenzüge einer Computersimulation versetzt. Jean Baudrillard lässt grüßen. Natürlich spielt sich das gesellige sommerliche Nachtleben anderswo ab.