"Klimaschutz statt Kahlschlag-Party." 20 Quadratmeter groß baumelt das Stoff-Transparent von der Bahnbrücke über der Okrifteler Straße im Kelsterbacher Wald. Vier Kletterinnen der Umweltschutzorganisation Robin Wood haben das Banner an der Brücke montiert und hängen sich selbst in zwei Metern Höhe in die Seile.
Unten sammeln sich kurz nach halb elf gut 100 Demonstranten - wütende Kelsterbacher mit roten T-Shirts "Stop Airport Expansion", Mitglieder von Greenpeace, BUND und Bürgerinitiativen aus umliegenden Gemeinden, um mit Trillerpfeifen, Trommeln, Transparenten, gegen das zu protestieren, was wenig später und etliche hundert Meter weiter auf der platt planierten Brache im Kelsterbacher Wald folgen soll: der erste Spatenstich für den Bau der neuen Nordwest-Landebahn.
Symbolischer Akt hinter hermetisch bewachten Absperrgittern und begleitet von gut einer Hundertschaft Polizisten, den die Ausbaugegner als Geschmacklosigkeit empfinden: "Das ist ein Dolchstoß für den Bannwald und die Glaubwürdigkeit der Politik", schimpft Jens Wiegand, Kelsterbacher und Mitorganisator der Demo.
Wie die Grünen im Landtag empören sich viele an diesem Morgen, dass Fraport Baubeginn feiert, ehe der Verwaltungsgerichtshof in Kassel überhaupt mit der Anhörung der Kläger begonnen hat. Und auch über ihn ist kein gutes Wort zu hören: "Koch: vom Wortbruch zum Rechtsbruch" steht auf dem Schild, das ein Kelsterbacher in die Kameras der versammelten Journalisten hält. "Koch kann von Glück sagen, dass er nicht hier vorbei muss", sagt einer.
Hinter den Absperrgittern, vor der Kulisse weißer Pavillons und rund 100 Gästen aus Politik und Wirtschaft, schwärmt Ministerpräsident Roland Koch währenddessen von einer "Generationenentscheidung", die den Menschen auch in Zukunft gute Chancen biete, in der Region leben zu können und gute Arbeitsplätze zu finden. "Mit allen Kompromissen, die der Ausbau erfordert."
Doch mit den erwarteten 25 000 neuen Arbeitsplätzen am Flughafen, weiteren 40 000 in der Region und einem Investitionsvolumen von vier Milliarden Euro sei der Flughafen-Ausbau "das größte Konjunkturprogramm dieses Jahrzehnts".
Das betont auch Wilhelm Bender, Vorsitzender der Fraport AG: "70 Prozent des Investitionsvolumens bleiben in der Region." Für Bender gibt es keine Alternative, um im Wettlauf mit anderen Metropolregionen zu bestehen.
"Diese Bahn sichert die Zukunftsfähigkeit der größten Luftverkehrsdrehscheibe Deutschlands im internationalen Wettbewerb, sie sichert aber auch die wirtschaftliche Prosperität der gesamten Region."
Große Worte für gerade mal 2800 Meter Asphalt. Oder wie Bender umrechnet: "0,09 Promille des deutschen Schienennetzes." Zum Winterflugplan 2011 soll die Bahn in Betrieb gehen. "Wir liegen sehr gut im Zeitplan", sagt Bender.
Ab 2011 soll dann die Zahl der stündlich abzuwickelnden Flüge von heute gut 80 Schritt für Schritt auf 126 gesteigert werden. Pro Jahr könnten mit der Nordwestbahn dann rund 700 000 Flüge abgewickelt werden, zurzeit sind es 500 000. Während die Ausbaugegner hinter Absperrgitter und Polizeiblockaden mit sinkenden Flugbewegungen argumentieren, spricht Bender auf der Bühne von Nachfrageüberhang der Airlines an Starts und Landungen.
"Man traut der Region und Fraport zu, Logistik und internationale Mobilität zu managen", betont auch Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth, die wenig später in roséfarbenem Kostüm und ebensolchen Pumps zum Spaten greifen wird.
Sie hat die Debatte um den Ausbau vom ersten Tag an begleitet, als der damalige Ministerpräsident Hans Eichel Ende der 90er mit dem Ansinnen konfrontiert wurde. Als OB hat sie auch der Klage gegen den Ausbau widersprochen, die die Stadtverordneten beschlossen haben. Obwohl sie auch den Protest der leidtragenden Anwohner für legitim hält. "Aber es kann nicht sein, dass, wenn alles im Rahmen der Gesetze abläuft, wir als Stadt einen Weg verbauen, der Wirtschaftswachstum garantiert."

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