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Flughafenstadt: Bahnhof des 21. Jahrhunderts

Zeit ist Geld - gerade bei globalen Unternehmen, die deshalb verstärkt die Nähe des Flughafens suchen. Aus diesem Grund soll der Marketing-Begriff "Airport-City" mit Leben gefüllt werden. Doch der Name ist umstritten. Von Jürgen Schultheis

Die Großbaustelle für das Airrail Center am Flughafen in Frankfurt. Der 660 Meter lange und 65 Meter breite Bau über dem ICE-Bahnhof soll neben Büros und Hotels auch Läden, Restaurants oder Arztpraxen Kunden anlocken. Und ist Teil des Konzepts der Airport City.
Die Großbaustelle für das Airrail Center am Flughafen in Frankfurt. Der 660 Meter lange und 65 Meter breite Bau über dem ICE-Bahnhof soll neben Büros und Hotels auch Läden, Restaurants oder Arztpraxen Kunden anlocken. Und ist Teil des Konzepts der "Airport City".
Foto: DPA

Wenn der hochmoderne Großformat-Laserdrucker streikt, der Computertomograph kein Bild mehr liefert, wenn die Software Kapriolen schlägt und beim Vorstandschef die Nerven blank liegen, weil der Umsatz einbricht oder das Joint-Venture zu scheitern droht - dann ist Zeit ein denkbar knappes Gut.

Wer als Hersteller oder Berater die Kunden dann zu lange allein lässt in solcher Not, riskiert den Auftrag, weil der Zugang zu und die schnelle Verfügbarkeit von Service und Dienstleistungen längst zu einem entscheidenden Faktor des Unternehmenserfolges geworden sind.


Foto: FR-Infografik

Schnell dort sein, wo es brennt: Siemens hat ein Ersatzteilzentrum für Medizintechnik in Neu-Isenburg aufgebaut, um in kürzester Zeit Waren über den Flughafen weltweit ausliefern zu können, die Berater KPMG bauen ihre Europazentrale im Airrail-Center auf, wo es keine 15 Minuten dauert, um den Bürostuhl mit dem Sitz im Flugzeug einzutauschen.

Taxirechnungen über eine halbe Million Euro

Zeit ist Geld - und das gilt mehr denn je in einer zunehmend europäisierten und globalisierten Welt, vor allem aber in einer dienstleistungsorientierten Wirtschaft. Schnell vor Ort zu sein, ist entscheidend, und die Kosten dafür zu senken, längst eine Daueraufgabe. Da bezahlt eine Beratungsfirma mit Sitz in Frankfurt allein schon 500.000 Euro für Taxirechnungen, die bei Fahrten zwischen Unternehmenssitz im Norden der Stadt und Frankfurter Flughafen anfallen.

Und wenn die Fahrzeit vom Airport in die City so lange dauert wie ein Flug von Paris nach Frankfurt, dann ist "klar, warum internationale Unternehmen an die Flughäfen umziehen", sagt Johanna Schlaack vom Center for Metropolitan Studies an der TU Berlin und Leiterin des Planungslabors Flughafenstadt BBI. "Das ist nicht zu unterschätzen."

Der Zug der Firmen an die Flughäfen, immer mehr Hotels direkt an den großen Airports, Passagiere, die sich am Transit-Ort Flughafen erholen und unterhalten wollen - egal wie knapp die Zeit ist - sie schaffen das, was lediglich im Namen und nicht in der Sache umstritten ist - eine Airport City, eine Flughafenstadt (Johanna Schlaack), womöglich gar eine Aerotropolis (John Kasarda), zumindest aber einen Management-Knotenpunkt mit Start- und Landebahn, um Wissen und Kreativität zu generieren und zu vertreiben - wovon Peter Neumann spricht, Geschäftsführer der OFB-Entwicklungsgesellschaft, die Gateway Gardens entwickelt.

Business-City versus Airport-City

Während Städteplaner wie Albert Speer den Begriff Airport-City nicht scheuen, bevorzugt Flughafenbetreiber Fraport Business-City. Denn eine Kernfunktion der Stadt ist das Wohnen. Das aber "wollen wir hier nicht haben", sagt Karl-Heinz Dietrich, unter anderem zuständig für Immobilien und Einzelhandel am Flughafen.

Die Business-City umfasst laut Dietrich neben Bahnen und Terminals den hochwertigen Bürostandort Gateway Gardens im Norden, die straßenorientierte Logistik im Westen auf dem Mönchhof-Gelände, die beiden Cargo-Cities im Norden und Süden und das Airrail-Center, das Zentrum vor allem wissensorientierter Dienstleistung werden soll. "Wir reden hier über 23 Quadratkilometer Fläche, wobei wir uns über 1750 Hektar Gedanken machen müssen", sagt Dietrich.

Die Business-City sei "ein strategischer Leitfaden", mit dem die Areale am Flughafen zu einem attraktiven Gesamtstandort werden sollen, von dem am Ende Flughafen, Stadt und Region profitieren sollen. Als treibende Kraft dabei identifiziert auch Dietrich den Grad internationaler Vernetzung und den Druck, Kosten zu reduzieren. Wer als Berater einen Stundensatz zwischen 500 und 3000 Euro hat, der wird im Interesse des Kunden nicht unbedingt viel Zeit im Taxi verbringen wollen. "Der Standort Flughafen ist da ein klarer Kostenvorteil."

Unternehmen ziehen an den Flughafen

Dass Erreichbarkeit und Transaktionskosten keine geringe Rolle bei der Standortwahl spielen, davon geht auch OFB-Chef Peter Neumann aus. "Es ist nachvollziehbar, dass internationale Unternehmen deshalb an den Airport ziehen." Die Bodenpreisentwicklung belegt das: Im Amsterdam etwa muss ein Investor am Flughafen Schiphol genauso viel zahlen wie in der teuren Innenstadt, "das ist ein klarer Beweis dafür, welche Bedeutung das Erreichbarkeits-Kriterium hat", sagt Forscherin Schlaack.

Ob die Airport City allen nutzt - Fraport-Mann Dietrich spricht von einer "Win-Win-Situation" - steht für die Wissenschaftlerin nicht außer Frage. Wenn "Airport-Cities" - für Schlaack ein Label der Immobilienbranche für die reine Verwertung - gemeinsam geplant und in eine Stadtregion integriert werden, "dann kann das ein Segen sein, weil auch die kulturelle Attraktivität der Region gesteigert wird". "Wenn das aber auf dem Rücken der Einzelnen und in Konkurrenz zur Innenstadt ausgebaut, der Flughafen parasitär wird und die Stadt ihrer Vitalität beraubt wird", dann sei das eher ein Fluch.

OFB-Chef Neumann hat bislang Interesse bei Kommunalpolitikern im Umland ausgemacht: "Wir werden noch eine bemerkenswerte Dynamik erleben", sagt Neumann, der fürs nächste halbe Jahr schon mal Erfolgsmeldungen bei der Vermarktung von Gateway Gardens ankündigt.

Autor:  Jürgen Schultheis
Datum:  2 | 11 | 2009
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