In der Bildungspolitik ist für ihn der Abschied von Humboldt in vollem Gange. In anderen Ländern gebe es meist entweder Ausbildungs- oder Forschungsuniversitäten. "Harvard, Stanford - das sind hochkarätige Forschungsuniversitäten, die mit verhältnismäßig wenigen Studenten arbeiten", sagt Gruss. Das könne man mit dem deutschen System nur bedingt vergleichen. "Mit den dualen Studienmodellen versuchen wir zwei Dinge zu vereinen, den Bachelor-Abschluss als berufliche Grundlage und den Master für die wissenschaftliche Ausbildung." Dieses Prinzip werde sich künftig auch in Deutschland stärker ausprägen.
Ein Staat, der klare und verlässliche Rahmenbedingungen setzt, ist für Gruss ein Schlüsselelement, gerade wenn er vor allem als Finanzier auftritt. Denn Grundlagenforschung brauche Zeit und Freiräume. "Unternehmen fördern nur selten diese Art der Forschung, da ihre Ergebnisse nicht planbar sind", sagt er. Umso wichtiger sei es daher, dass der Staat nachhaltig in Grundlagenforschung investiere, und damit eine Basis für künftige Innovationen lege.
Ähnlich sieht es Professor Matthias Kleiner, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). "Die Besonderheit der DFG besteht darin, dass sie eine Selbstorganisation der Wissenschaft ist, die Gemeinschaft der Forschenden", erläutert er. "Als solche agiert sie unabhängig."
Entstanden als Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft im Jahr 1920, als DFG wiedergegründet 1951, ist sie bis heute ein Verein geblieben, der sich selbst organisiert. Für den DFG-Präsidenten ist das eine weltweit höchst selten anzutreffende Konstellation: "Der Staat gibt das Geld, aber wir setzen es eigenständig ein. Von ausländischen Kollegen ernte ich dafür immer wieder positives Staunen und ein wenig Neid."
Denn die Forscher wählen in der DFG-Förderung ihre Themen vollkommen frei, Begutachtungen und Entscheidungen erfolgen strikt wissenschaftsgeleitet und qualitätsbasiert. Ein weiteres Indiz für diese Autonomie: Während Kleiners Kollegen in anderen Ländern von den Regierungen direkt eingesetzt werden, wählen die DFG-Mitglieder ihren Präsidenten selbst. "Wir verfügen über eine hohe Unabhängigkeit, die seit 60 Jahren funktioniert", meint Kleiner. Das dokumentiere auch ein großes Vertrauen der Politik in die Selbstorganisation der Wissenschaft.
Von den rund 50 Milliarden Euro, die jährlich vom Staat und der Wirtschaft in Forschung und Entwicklung gesteckt werden, verteilt allein die DFG mehr als zwei Milliarden Euro. Das Geld stammt letztlich vom Steuerzahler. So gefördert müssten und würden die Forscher Verantwortung übernehmen für das Gemeinwesen, so Kleiner. Der Staat erhofft sich von ihnen, dass irgendwann in der Zukunft auch ein wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Nutzen aus dieser Arbeit entsteht.
Obwohl dieser Wunsch verständlich und sinnvoll ist, pocht auch der Ingenieurwissenschaftler Kleiner darauf, dass "der Gedanke der Nützlichkeit die Grundlagenforschung nicht dominieren darf". Für direkte Fragestellungen des Staates in der Vorsorgeforschung etwa zur Gesundheit oder zur Energieversorgung gebe es andere Forschungseinrichtungen wie die Helmholtz-Zentren. "Die DFG fördert ,Blue Sky Research', wie das die Engländer nennen, also die Grundlagenforschung", sagt er.
Allerdings würden wirtschaftlich interessante Erkenntnisse zunehmend auch in der Weiterentwicklung gefördert, neuerdings sogar bis zum Prototypen "Da, wo Nützliches entsteht, wollen wir auch helfen, es umzusetzen, beispielsweise für die Entwicklung von neuartigen Lithium-Ionen-Batterien für Autos."
Kleiner hat beobachtet, dass sich auf Seiten der Wissenschaftler eine größere Sensibilität für die gesellschaftliche Verpflichtung entwickelt, um neue Erkenntnisse - wenn möglich - zur praktischen Anwendung zu bringen. Diese neue Bereitschaft zur Zusammenarbeit müsse auch bei der Wirtschaft gestärkt werden, fordert der DFG-Präsident.
Die DFG fördert rund 17 000 Projekte im Jahr mit einer Vielzahl von Ergebnissen. "Allerdings sollten wir uns davor hüten, einen Verwertbarkeitsdruck aufzubauen", warnt Kleiner. "In der Archäologie, in der Philosophie ist es verfehlt, Projekte nach Verwertbarkeit zu beurteilen."
Wie kommt Deutschland aus der Krise heraus? Genau wie Max-Planck-Präsident Gruss ist auch Kleiner überzeugt, dass Deutschland schneller als andere Staaten und gestärkt aus dieser Krise herauskommen wird. "Unser Potenzial in Wissenschaft und Forschung müssen wir weiter stärken und entwickeln", meint er. "Dafür müssen wir die klügsten Köpfe gewinnen."
Die Weiterentwicklung der Exzellenzinitiative und der Pakte für Forschung und Innovation sei ein Signal an junge Menschen, dass sie hier gut aufgehoben seien und sich hier entwickeln könnten. Kleiner: "Die Wissenschaft kann zur Bewältigung der Krise einen großen Beitrag leisten - man muss uns nur lassen."