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Forschung und Staat: Selbst ist die Wissenschaft

Zwar finanziert der Staat die Forschungs-Organisationen, aber ihre Ziele bestimmen die Max-Planck-Gesellschaft oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Eigenverantwortung. Von Karl-Heinz Karisch

Was passiert, wenn im Universum Schwarze Löcher verschmelzen? Gravitationswellen-Messgeräte sollen das herausfinden.
Was passiert, wenn im Universum Schwarze Löcher verschmelzen? Gravitationswellen-Messgeräte sollen das herausfinden.
Foto: mpg

Es war eine historische Reise. Im Sommer 1913 fuhren der Physiker Max Planck und der Chemiker Walther Nernst von Berlin nach Zürich. Im Gepäck hatten sie ein Angebot für den jungen Albert Einstein, das der Nobelpreisträger Fritz Haber geschnürt hatte: Maximalgehalt für preußische Professoren plus Ehrensold, keine Lehrverpflichtung und Leitung eines noch zu gründenden Instituts der Kaiser Wilhelm Gesellschaft.

"Es ist verständlich, dass Einstein diesem Ruf nicht wiederstehen konnte", kommentierte die ETH Zürich später den Weggang ihres genialen Kopfes bitter. "Eine äquivalente Stellung war in Zürich nicht möglich." Einsteins Berufung nach Berlin, der er im März 1914 folgte, war Ausdruck des Wunsches, Deutschland in der Weltspitze der chemischen Forschung zu halten. Die Gruppe um Haber hoffte nicht weniger, als dass Einstein die von ihm entscheidend vorangetriebene Quantentheorie Plancks auf die physikalische Chemie übertragen könnte.

Die Serie

Mit der Finanzkrise war er wieder da, der Staat - als Helfer in der Not. Wieder da ist auch die Diskussion über seine Rolle: Brauchen wir mehr Staat? Oder doch weniger?

Zuletzt erschienen in unserer Serie "Renaissance des Staates":

Wie visionär der Plan von 1913 war, zeigt sich daran, dass es auch fast 100 Jahre später mit Hilfe von Supercomputern nur teilweise möglich ist, die quantenphysikalischen Abläufe von chemischen Reaktionen zu simulieren.

Für Albert Einstein gab es aber Wichtigeres als die physikalische Chemie voranzubringen. Er legte 1915 die Allgemeine Relativitätstheorie vor. Als 1919 bei einer Sonnenfinsternis experimentell gezeigt werden konnte, dass Lichtstrahlen - wie von Einstein behauptet - durch starke Gravitationsfelder abgelenkt werden, katapultierte es den Physiker ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Einstein wurde zum ersten Popstar der Wissenschaft.

Es waren Spitzenforscher wie er, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Deutschland aus die Welt veränderten. Röntgen-Strahlung und Impfstoffe, Chemotherapie und Kernspaltung - fast jeder dritte Nobelpreis wurde damals einem deutschen Wissenschaftler verliehen. Aufgebaut war das deutsche Wissenschaftssystem auf den Ideen Wilhelm von Humboldts (1767-1835), der die Wissenschaften zwar vom Staat finanziert aber frei von Zensur sehen wollte. Forschung und Lehre sollten demnach an den Universitäten eine Einheit bilden.

Ihren folgenschwersten Aderlass erlitt die deutsche Forschungslandschaft unter dem nationalsozialistischen Regime. Hunderte jüdische Wissenschaftler wie Albert Einstein flüchteten vor Hitler, viele wurden ermordet.

Nach dem Krieg wurde versucht, an die alten Humboldtschen Traditionen anzuknüpfen. In den vergangenen Jahren aber zeigte sich, dass das breit gefächerte deutsche System international nicht mehr mithalten konnte. Gemeinsam starteten Politik und Forschungseinrichtungen einen tief greifenden Erneuerungsprozess, dessen Eckpfeiler Exzellenzinitiative, Hochschulpakt und Pakt für Forschung und Innovation sind. Die derzeitige Weltwirtschaftskrise rückt den starken Staat und die soziale Verantwortung zurück in den Brennpunkt.

"Durch unser öffentlich gefördertes Forschungssystem verfügen wir über ein hohes Maß an Stabilität", sagt Professor Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. "Die derzeitigen Konjunkturprogramme werden sicher kurzfristig die regionale Wirtschaft ankurbeln. Doch darf die Politik bei den Konjunkturpaketen nicht stehen bleiben."

Auch die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission Forschung und Innovation kommt in ihrem neuen Gutachten zu dem Ergebnis, dass Deutschland angesichts der starken Konkurrenz anderer Länder sein Innovationspotential weiter erhöhen muss. "Die nachhaltige Förderung von Wissenschaft und Forschung ist für Deutschland essentiell", meint Gruss. "Ich freue mich, dass die Fortsetzung des Paktes für Forschung und Innovation bereits beschlossen ist." Sorgen bereite ihm die offene Frage, mit welchem finanziellen Zuwachs er in der derzeitigen Wirtschaftskrise rechnen könne.

Bedeutsam, so der Max-Planck-Präsident, seien diese Anstrengungen vor dem Hintergrund der neuen US-Wissenschaftspolitik von Barack Obama. "Noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten wurde so viel Geld für Forschung bereitgestellt wie heute." Der US-Präsident setze massiv auf Wissenschaft und Technologie.

Gruss sieht Deutschland in der Verantwortung, in diesem weltweiten Innovationskonzert einen wesentlichen Beitrag zu leisten. Nur in der Spitzengruppe habe das Land eine Chance, seine Stellung als Exportnation Nr. 1 zu halten. "Wir können nur das exportieren, was einen hohen Innovationsgrad hat", unterstreicht Gruss. Hier seien Bund und Ländern gefordert, langfristig und verlässlich in Wissenschaft und Forschung zu investieren.

"Der Lackmustest steht noch bevor", meint Gruss. Anfang Juni werden die Ministerpräsidenten der Länder und die Kanzlerin entscheiden, wie es mit der Exzellenzinitiative, dem Hochschulpakt und dem Pakt für Forschung und Innovation weitergehen soll.

In der derzeitigen Wirtschaftskrise sieht der Max-Planck-Präsident auch positive Herausforderungen: "Wir sind gut aufgestellt, können aber noch besser werden." Die Vernetzung zwischen Forschungsinstituten, den Universitäten und der Wirtschaft komme gut voran. Allerdings sei der Übergang zum verkaufsfertigen Produkt immer noch sehr schwer. Derzeit sei es besonders schwierig, Risikokapital für Firmen-Neugründungen zu bekommen.

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Autor:  KARL-HEINZ KARISCH
Datum:  20 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
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