Stefan hat viel von ihm gelernt: "Die Zeit ist ja da, und ich krieg´ sie nicht weg. Also teilt man sie sich ein. Ich gucke, dass ich in der Freizeit mache, was ich gerne mache, Fußballspielen und mit anderen Leuten kochen, zum Beispiel." Und wenn ihm das besonders gut gelingt, "gibt es Momente, wo ich die Zeit vergesse. Aber man merkt es erst, wenn es vorbei ist."
Wenn sie abgelaufen ist, fühlt sich Zeit immer anders an: Drei lesend verbrachte Urlaubswochen mögen einem wunderbar lang vorkommen. Im Rückblick schnurren sie zu einem Atemzug zusammen. Drei rasend verflogene Wochen auf einer Rundreise durch Afrika geben einem später das Gefühl, man sei ein halbes Jahr weg gewesen, soviel Erlebtes hat sich angesammelt. Experten sprechen hier vom Zeitparadox. Der 24-jährige B. kennt das: Er hat schon dreieinhalb vergitterte Jahre hinter sich. Halbzeit. "Im Rückblick ging es schnell rum, aber als ich in U-Haft kam, und einer mir sagte, ich müsse mit zehn Jahren rechnen, war das ein Schock. Ich dachte, dann bin ich ja 30, dann bin ich ein alter Mann."
Inzwischen zerlegt er seinen Tag in kleine Teile. "Langeweile? Gibt es nicht. Ich weiß ja, wohin mich die Langeweile geführt hat. Ich hab´ hier alles gemacht, was ich machen konnte, Zeitungsgruppe, Boxgruppe, Drogengruppe, Tischtennisgruppe." Und wenn die anderen um 21.30 Uhr wieder in ihre Zellen müssen, "mache ich AKR, Adelsheimer Knastradio, bis 0.30 Uhr."
Hoffnung auf Haftlockerung
Und doch zählt er die Zeit. Seit er Haftlockerung hat, wieder in Wochen - bis zum nächsten Ausgang. Und erlebt dann, dass ihm die Zeit daheim unter den Händen zerrinnt. "Ich nehme mir alles Mögliche vor und komme nicht dazu. Ich will die Zeit mit der Familie genießen, aber sie geht zu schnell vorbei."
Hölzlein kennt das: "Bei 25 Auszubildenden kommt das Menschliche oft zu kurz, weil die Zeit fehlt. Da könnte ich am Tag noch fünf Stunden anhängen." Dabei hat der knuffige Schnauzbartträger, der Mitglied einet Rettungshundestaffel ist, auch privat viel zu tun. Freizeitstress? Hölzlein verneint: "Wenn man etwas gern macht, ist es ja kein Problem." Was er im Leben gelernt hat, ist: Keine Zeit mehr zu verschwenden. "Familienfeste, wo es nur darum geht, dass sich die bucklige Verwandtschaft den Bauch vollhaut, meide ich inzwischen- ein ungeheurer Zeitgewinn."
Gefängnisleiter Joachim Walter glaubt, dass es auch mit dem Alter zu tun hat, ob man eine Zeitspanne als lang oder kurz wahrnimmt. "Ich bin bald 65 und gehe in Rente: Mir läuft die Zeit davon. Aber für einen 17-Jährigen dauert es doch eine Ewigkeit bis er 18 ist. Ich glaube, diese unterschiedliche Wahrnehmung berücksichtigen Jugendgerichte oft nicht genug."
Zeit ist relativ. Der 22-jährige Michael sitzt seit 19 Monaten wegen einer Drogensache. "Im Rückblick ist die Zeit schnell vergangen, aber immer, wenn ich nach vorne gucke, ist es eine Ewigkeit." Seit er weiß, dass er in neun Wochen rauskommt, "vergeht die Zeit gar nicht mehr". Der schmale Junge mit dem rasierten Schädel denkt lange nach und sagt dann: "Draußen habe ich mir über die Zeit nie einen Kopf gemacht, hier denkt man sie immer mit."
Anfangs waren es Stunden, erinnert sich Stefan schaudernd an die ersten Tage in der U-Haft. "Ich zählte: eine Stunde vorbei, zwei Stunden vorbei." Dann wurden es Tage, schließlich Wochen: "Jetzt geht´s nur noch um Monate."
Was ist Zeit? Wie sieht ein Tag aus? Wie fühlt sich ein Monat an? Der 20 Jahre alte Hugo weiß es genau. Kurz bevor er in den Knast kam, wurde er Vater. "An meinem Kind sehe ich, wie die Zeit vergeht. Es war zwei Hände groß, als ich in Haft kam. Jetzt ist es fünf - und ich war nicht dabei."
Alle Namen der Insassen geändert.