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FR-Serie zum Zeitempfinden: Wie eine Ewigkeit

Für den Häftling im Gefängnis will der Tag in der Zelle anfangs kaum vergehen. Eintönig ziehen sich die Stunden zwischen Aufstehen und Einschluss. Von Frauke Haß

Langeweile hinter Gittern.
Langeweile hinter Gittern.
Foto: dpa

Die Mauern sind hoch. Sind es sieben Meter? Acht? Hinten, da, wo sich das riesige, hügelige Gelände in die Bergflanke am Rande des Odenwalds schmiegt, haben sie noch einen Zaun oben drauf gesetzt. Findige Insassen hatten sich nämlich vom Hang dahinter Ersehntes, aber nicht Erlaubtes, ins Gelände werfen lassen. Das gefiel der Gefängnisleitung nicht, erzählt Gefängnis- Psychologe Thomas Schüßler beim Gang durchs Gelände.Wie heruntergefallene Tortenstücke verteilen sich die Häuser des einzigen Jugendknasts in Baden-Württemberg, der JVA Adelsheim, über die von Wegen durchzogene Anlage, die aus manchen Blickrichtungen an einen Krankenhauspark erinnern mag - ein bisschen steril, aber gar nicht ungefällig. Sogar die - liebevoll von Gefangenen gepflegten - Blumenbeete fehlen nicht, in denen Tagetes und Rosen blühen.

Vergeht Zeit im Gefängnis anders? Fühlt sie sich zäh an, wie ein Pizzateig? Verrinnt sie nicht, sondern scheint fest wie ein Stück Moorheideboden? Oder andersherum? Sorgt der geregelte Ablauf im Jugendgefängnis mit täglicher Arbeit, Schule oder Ausbildung und Freizeit für gerade so viel unspektakuläre Ablenkung, dass die Monate im Rückblick zu einem Nichts zerschmelzen, weil nichts passiert ist?

Das Zeitparadox
Der Tag im Gefängnis

"Die Zeit vergeht wie im Fluge, wenn die ausgeübte Tätigkeit die Aufmerksamkeit stark beansprucht, aber sie kriecht dahin, wenn die Tätigkeit wenig Aufmerksamkeit erfordert. In der Erinnerung ist es dann genau umgekehrt: die beschleunigte Zeit dehnt sich subjektiv aus und die verlangsamte Zeit schrumpft. Dieses subjektive Zeitparadox wird damit erklärt, dass wir uns bei der Rekonstruktion einer ereignisreichen Zeitspanne an viele Details halten können, während Phasen, in denen wenig geschah, auch wenig Spuren in unserem Gedächtnis hinterlassen", schreiben Alexander Thomas und Hede Helfrich im Band "Kulturvergleichende Psychologie".

Um 6 Uhr steht Stefan jeden Morgen auf, er kommt damit der lauten Durchsage zuvor, die um 6.15 Uhr alle aus den Betten jagt. Dann waschen und schnell frühstücken: Um 6.50 Uhr heißt es, abrücken zur Arbeit. Arbeitsbeginn ist um 7 Uhr. Mittagspause von 12.20 bis 12.55 Uhr. Arbeitsschluss ist um 15.30 Uhr. Hat er Therapie, eine Gruppe oder einen anderen offiziellen Termin, kann er vorher noch schnell duschen. Sonst ist Einschluss in die Zelle bis 17 Uhr. Dann gibt es Abendessen. Wieder Einschluss bis 18.30 Uhr, wenn die Freizeit beginnt: Jetzt können die Gefangenen Sport machen, Fußball spielen, Krafttraining machen, Darts, Kicker oder Billard spielen. Um 21.30 Uhr ist wieder Einschluss. Am Wochenende sind die Essenszeiten ein bisschen verschoben. Die Gefangenen verbringen die meiste Zeit in der Zelle, es sei denn, es gibt ein besonderes Freizeitangebot.

Zeit ist relativ. Das weiß jeder, der schon mal die zwei Minuten auf der Folterbank im Fitnessstudio mit den zwei Minuten verglichen hat, die der Zug beim Abschied vom Liebsten noch auf dem Bahnsteig steht. Sich in die Ewigkeit auftürmende 120 Sekunden hier, ein Wimpernschlag dort. Zeit ist nicht Zeit.

Die Zeit steht still

Stefan kümmert sich mit ein paar anderen Insassen um die Blumen. "Mir fehlen die Gefühle, wenn man Blätter rauschen hört, ihre Farben sieht, sie berühren kann. Es hilft, dass es hier ein paar Bäume und Wiesen gibt. So macht es mich nicht ganz kaputt."

Stefan heißt nicht Stefan. Der 23-Jährige wurde im Juni 2007 festgenommen, seit Januar 2008 ist er in Adelsheim. Seine Zelle liegt im F-Gebäude, der Sozialtherapie. Nur 24 der rund 450 Insassen haben die Möglichkeit, eine Therapie zu machen, etwa, weil sie schwere Gewalt- oder Sexualstraftaten begangen haben. Was Stefan getan hat, will der hoch gewachsene, gelernte Elektromaschinenbauer, der zuletzt bei der Bundeswehr war, nicht sagen.

"Als ich in U-Haft kam, war das, als stehe die Zeit still. Ich wollte mit der Zeit von draußen weiter machen. Aber das ging nicht. Ich hatte keine Uhr und kein Fernsehen. Es war so ruhig. Das Einzige, was zu hören war, war das Schlüsselgeklimper der Beamten. Die Haft: Das hat alles angehalten." Langeweile.

"Das einzige Fenster war in zwei Metern Höhe. Also habe ich mich auf die Heizung gestellt und zugeguckt, wie sich auf dem Berg in der Ferne die Schatten bewegen." Vier Wochen ging das so, unterbrochen nur von einer Stunde Hofgang. "Das war die schlimmste Zeit. Essen war ein Highlight, sonst habe ich viel geschlafen. Man muss sich mit der Tat auseinandersetzen, das geht gar nicht anders. Bald habe ich mir die Bibel holen lassen."

Der Friedensnobelpreisträger Anwar el Sadat schreibt in seiner Autobiografie: "Zwei Orte in der Welt machen es einem Menschen unmöglich, vor sich selbst davonzulaufen: das Schlachtfeld und eine Gefängniszelle." (zitiert aus "Zeit als Maß für Reife und Strafe" des Münchner Sozialwissenschaftlers Kurt Weis).

Fragt man Stefan, wie lange er noch sitzen muss, reagiert er wie alle hier. Er fragt zurück: "Zwei Drittel oder Endstrafe?" Zeit im Gefängnis ist nämlich meist nicht klar definiert. Stefan weiß nicht: Muss er seine fünfeinhalb Jahre voll absitzen, oder kommt er bei guter Prognose schon 2011 raus? Die Ungewissheit macht es nicht leichter, sich mit der Zeitspanne bis zur Entlassung abzufinden. Es muss hart sein, so zu tun, als gebe es die vorzeitige Entlassung nicht. Noch härter, wenn das nicht gelingt, und man - auf das frühere Datum setzend - dann doch noch zwei, fünf oder gar sieben Jahre länger in Haft bleiben muss.

Das sieht auch das Bundesverfassungsgericht so, das laut Weis 1992 feststellte, die Rechtssicherheit verböte es, den Gefangenen in "quälender Ungewissheit" über die Dauer seiner Strafe zu lassen. Für seine Wiedereingliederung bedürfe es rechtzeitig der "Motivation durch eine Konkretisierung der Entlassungschance auch in zeitlicher Hinsicht".

Stefan weiß noch nicht, wann er rauskommen wird. Bis dahin versucht er, mit der Situation zu leben: "Ich möchte was mitnehmen hier. Ich möchte Gitarre lernen und Nutzen aus meiner Therapie ziehen: Damit es sich am Ende gelohnt hat. Ich möchte fähig sein, gut weiter zu leben, wenn ich rauskomme", sagt Stefan .

"Zeit ist das, was man daraus macht", schreibt Weis. Und findet damit großen Widerhall in Adelsheim. "Ich sage den Jungs immer, sie sollen die Zeit nutzen, die sie hier haben, sonst ist es verlorene Zeit", sagt auch Stefans Ausbilder Achim Hölzlein, Betriebsleiter Metall Grundausbildung: "Für viele ergibt sich durch die Ausbildung hier zum ersten Mal eine Perspektive. Plötzlich merken sie: ,Ich bin gar nicht so unbegabt.´"

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Autor:  Frauke Haß
Datum:  25 | 8 | 2009
Seiten:  1 2
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