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Frankfurt für Anfänger, Teil 2: Wölfchens Schönschreibübungen

Die wahren Grundsteine des Goethehauses: Ein simples Schreibheft, mit Schönschreibübungen und deutsch-lateinischen Übersetzungen des jungen Goethe. Von Sebastian Amaral Anders

Die enge Verbindung von Bildung und Familie in Goethes Elternhaus zeigen die Labores juveniles.
Die enge Verbindung von Bildung und Familie in Goethes Elternhaus zeigen die "Labores juveniles".
Foto: C. Boeckheler/FR

Um zum wahren Grundstein des Goethehauses vorzudringen, muss der geneigte Besucher die Treppe nach oben nehmen. Über die breiten Stufen mit dem schmiedeeisernen Geländer. Im dritten Stock angelangt, sind es nur wenige Meter geradeaus, durch die Tür zur Kabinett-Ausstellung, die Leben und Wirken der Bewohner dokumentiert. In einer Vitrine liegt er dann, der literarische Grundstein, in dem sich die Geschichte wie in keinem anderen Ausstellungsstück verdichtet.

Dort ruht unter Glas ein aufgeschlagenes Heft, vergilbt und ausgeblichen. Ein simples Schreibheft, mit Schönschreibübungen und deutsch-lateinischen Übersetzungen des jungen Goethe. Als der seine Feder zum ersten Mal auf das raue Papier setzt, ist Johann Wolfgang gerade acht Jahre alt. Die "Labores juveniles" sind eine der frühesten noch erhaltenen Handschriften Goethes. Der Schwung seiner Schrift belohnt den Besucher meist am Ende des Rundgangs mit einer Authentizität, der man sich nicht entziehen kann. Und die man beim Gang durch das rekonstruierte Gemäuer geradezu herbeigesehnt hat.

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Echt ist nicht viel

Dieser Sehnsucht nach dem Echten stehen in der Geschichte des Hauses vor allem zwei Ereignisse entgegen. Das eine ist der Haus-Verkauf durch Goethes Mutter im Jahr 1795, als sie auch Mobiliar und Sammlungen des Vaters veräußert. Fast 150 Jahre später, im Kriegsjahr 1944, geht das Haus am Großen Hirschgraben selbst im Bombenhagel unter. Zurück bleiben die Grundmauern. In jahrelangem Streit über den Wiederaufbau siegt die wilde Entschlossenheit, Goethes Elternhaus nicht verloren zu geben. Sieben Jahre nach der Zerstörung steht das Haus wieder, seit der Fassadensanierung 2007 ist es in spätbarockem Pastell erstrahlt.

Auch wenn das originale Gebäude verloren ist, die "Labores juveniles" bleiben als literarischer Grundstein der Nachwelt erhalten. Gut 250 Jahre alt sind die Seiten, auf denen der junge Goethe in ordentlicher Handschrift selbst eine Brücke schlägt, zwischen Stein und Wort: Im Zwiegespräch mit seinem Vater, das er da ins Lateinische überträgt, fragt der Vater nach dem Grundstein des Hauses, der bei dem Umbau 1755 bis 1756 im Keller eingemauert wurde: "Was denckestu den nun gutes bey diesem Stein, nach dem dich so sehr verlanget?" Der Filius antwortet: "Ich gedencke und wünsche daß er nicht eher als mit dem Ende der Welt verrucket werden möge."

Das Buch zeugt also für dieses Haus, in dem das Knarzen der Holzbohlen in den Zimmern von einem Wohnalltag berichten. Von dem Leben, bevor die Touristen kamen - rund 130 000 pro Jahr. Der Ursprung der "Labores juveniles" führt tragende Säulen Goethescher Existenz zusammen: Bildung und Familie. In den Genuss väterlicher Lehrstunden kommt indes nicht nur das Universalgenie, dessen Interessen und Forschungsdrang sich später auch auf die Naturwissenschaften und etwa die Nationalökonomie erstrecken. Johann Wolfgangs Schwester Cornelia nimmt bei den Lehrstunden des Vaters in der hauseigenen Bibliothek neben dem Bruder Platz.

Intellektuelles Leben findet auch am runden Esstisch in der Blauen Stube statt, wo der "Götz von Berlichingen" in seine Reinform gelangt. Das Dichterzimmer, Goethes Reich, liegt im dritten Stock. Mit dem Stehpult und dem Urbild von Werthers "Lotte", vergegenwärtigt in der Silhouette von Lotte Buff gleich neben der Tür.

Um kurz vor sechs, Minuten bevor das Haus an diesem Tag schließt, gelangt eine Gruppe Italiener in die dritte Etage. Rasch lotst der Führer in silber schimmernder Lockenpracht und einem Jackett in Altrosa rund 30 Menschen ins Dichterzimmer. Nach nicht einmal einer Minute ist sein Vortrag über Johann Wolfgangs Stehpult und die Angebetete Charlotte Buff wieder zu Ende. Lärmend stapfen die Besucher wieder die Treppe runter. Der Grundstein bleibt ihnen verborgen.

Autor:  SEBASTIAN AMARAL ANDERS
Datum:  6 | 8 | 2008
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