"In den 90er Jahren ist es mir noch passiert, dass mich ein Kellner in einer Bornheimer Apfelweinwirtschaft fast verprügelt hätte, weil ich ein Bier bestellen wollte", schreibt der Autor Jürgen Roth im jüngst erschienenen Prachtband "Beim Apfelwein" (B3 Verlag, 26 Euro).
Darin schreiben Frankfurter Schriftsteller, Satiriker und Journalisten über Ereignisse, die sich in Örtlichkeiten zugetragen haben, die man Apfelweinkneipen nennt. Also Lokale, in denen Fragwürdiges passiert, in denen nicht nur Biertrinker unnett behandelt werden, sondern in denen auch der schüchtern vorgetragene Wunsch nach einem Süßgespritzten mit Hausverbot auf Lebenszeit bestraft wird. Solche Sachen.
Im Ebbelwei-Viertel in Alt-Sachsenhausen (zwischen Affentorplatz und Frankensteiner Platz), sind viele typische Apfelweinlokale zu finden. Geprägt ist Alt-Sachsenhausen von schmalen Gassen und Fachwerkhäusern. Letzter Überrest der Stadtmauer in der Großen Rittergasse ist der Kuhhirtenturm, in dem Paul Hindemith, bedeutender Komponist der Moderne, seine kreativsten Jahre verbrachte.
Der Fraa-Rauscher-Brunnen wurde 1961 zum Andenken an das berühmte Apfelweinlied "Die Fraa Rauscher aus de Klappergass" in der Klappergasse aufgestellt. In der Schellgasse 6 steht Frankfurts ältestes Fachwerkhaus, es stammt aus dem Jahr 1291. Die "Freunde Frankfurts" haben hier ihr Domizil.
Lokalpolitiker aus dem Ortsbeirat 5 wollen eine Verschönerung des Viertels. In einem Antrag aller Parteien forderten sie die Stadt jüngst auf, Skulpturen für bis zu 5000 Euro auf der Straße aufzustellen, um den traditionellen Charakter zu bewahren.
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Heute ist das aber anders, Jürgen Roth kriegt im Fichtekränzi mittlerweile sehr viel Bier ausgeschenkt, man kann also hingehen ins Atschel oder in den Kanonesteppel, auch wenn man über den Schoppen so denkt, wie Karin Ceballos Betancur im selben Buch: "Apfelwein schmeckt wie flüssiger Schimmel."
Vor allem müsste das so genannte Apfelweinviertel in Sachsenhausen zumachen, wenn es anders wäre. Das rautenförmige Viereck zwischen Großer Rittergasse, Kleiner Rittergasse, Klappergasse und Dreieichstraße wird nämlich von Frankfurtern kaum mehr aufgesucht.
Der Frau-Rauscher-Brunnen in der Klappergasse, auf dem der Text vom Frau-Rauscher-Lied steht, simuliert Lokalkolorit, aber ansonsten wird hier vor allem bestellt, was von sonstwo, aber nicht aus Frankfurt kommt: Guinness, Caipirinha, Tequila, Sangria und so.
Das (manche nennen es ja ernsthaft) Amüsierviertel Alt-Sachsenhausen ist mit Kopfsteinpflaster gepflastert und macht einen traditionellen Eindruck, weswegen es auch in allen Reiseführern steht. Die lesen die Frankfurter nicht, aber die Gruppen japanischer Geschäftsleute, denen man im Dauth Schneider dabei zugucken kann, wie sie ratlos glucksend vor zehnerbembelgroßen Haxen sitzen und große Biere taxieren. Und weil niemand will, dass sie nie mehr wiederkommen, stellen die Wirte keine Bembel vor sie hin.
So verhält es sich im Apfelweinviertel, wo es auch viele Irish Pubs gibt, wo englisch gesprochen wird, und Sports Bars, wo das so ähnlich ist. Als die Amerikaner noch da waren, trafen sich die GIs in Alt-Sachsenhausen, heute strömen die Gäste der Jugendherberge vom Mainufer hierher, weil es so im Lonely Planet steht.
Das alles heiß nicht, dass in Sachsenhausen kein Äppler getrunken wird, aber alle bekannten Adressen diesbezüglich haben etwas gemeinsam: Sie sind nicht im Apfelweinviertel. Alt-Sachsenhausen hat ein Problem mit seinen Frankfurter Besuchern, die seit einigen Jahren wieder regelmäßig kommen - nämlich in den schönen Club "Das Bett" in der Klappergasse, der schnell einen großen Feind hatte: Die Vereinigung der Apfelweinwirte. Im Bett werde "Affenmusik" gespielt, es passe nicht hierher. Der Rechtsstreit zog sich über Monate, das Bett ist noch da. Man bekommt dort auch Apfelwein. Sogar süß Gespritzten.

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