Etwa einmal im Monat schaut sie nach ihrem Liebling. Durchquert die zwei Etagen hohe, lichte Halle, durch deren Wände Öffnungen den Blick freigeben auf den umlaufenden Balkon dahinter, steigt die Stufen hoch, spickt um Ecken und Säulen, durchquert das Labyrinth an Räumen bis sie vor ihm steht: Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch. Dann steht sie da, muss lachen über den Bügelbrett-Hirsch, die Eisenlore-Ziege auf drei Rädern, über unförmige Urtiere aus Lehm, die scheinbar wahllos am Boden liegen, den sechs Meter hohen, in Bronze gegossenen Blitzschlag - und über die Genialität des Joseph Beuys. Keinem anderen wäre wohl eine ähnliche Installation und vor allem dieser Titel eingefallen, sagt Brigitte S.
Die 45-jährige Frankfurterin kommt aber nicht nur wegen Beuys ins Museum für Moderne Kunst. Sie hat längst weitere "Lieblinge" in ihr Herz geschlossen. Liebt es, durch Hans Peter Feldmanns Kinderzimmer zu spazieren, vorbei an Judy's spießigem 50er Jahre Ami-Bedroom von David Reed, an Reiner Ruthenbecks umgekippten Möbeln, bleibt vor Warhols Tanz-Diagramm stehen, vor Thomas Bayrles meterhoher Kaffeetasse aus Kaffeetassen, folgt den Tagestafeln von 1966 bis 1991 des Künstlers Kawara und stellt sich zwischen Stephan Balkenhols 57 Pinguine auf Sockeln.
Irgendwann, als der frühere MMK-Leiter Jean-Christophe Ammann begonnen hat, die spektakuläre Sammlung moderner Kunst in ständigen Szenenwechseln neu im Haus zu inszenieren, hat Brigitte S. mit ihren regelmäßigen "Pilgertouren" begonnen, sagt sie. Nachdem der Immobilienunternehmer Dieter Bock vor drei Jahren 500 Werke der von ihm finanzierten Dauerleihgaben abgezogen hat, sind ihr zwar einige "teure Lieblinge" abhanden gekommen - Bilder von Alighiero e Boetti, von Luc Tuymans oder Bruce Naumans Hanging Heads zum Beispiel. "Das MMK ist mir aber trotzdem wichtig geblieben." Schon wegen des spektakulären Baus an sich.
Bummeln durchs Museum
Brigitte S. lebt seit 1988 in Frankfurt, hat die Baustelle noch deutlich vor Augen, ehe der Wiener Architekt Hans Hollein den Frankfurtern anno 1991 das MMK wie ein überdimensionales Tortenstück auf dem Dreieck zwischen Berliner-, Braubach- und Domstraße servierte. Eine spannende, postmoderne Inszenierung aus Aufgängen und Übergängen, Durchblicken, farbigen Wänden und Lichtinszenierungen, die immer neue Perspektiven in Räume auf Treppen und Säulen werfen, geometrische Formen und Detailaufnahmen schaffen - wie eine gigantische, sich ständig ändernde ästhetische Installation. "Es ist total spannend durch das Haus zu gehen."
Brigitte S. bummelt manchmal auch einfach nur zur Entspannung durch das Haus, sagt sie. "Aus purem Genuss", nur so. Wobei die Baukunst an sich keineswegs von der gezeigten Kunst ablenke. "Im Gegenteil, man schaut noch genauer. Neugierig, nichts zu verpassen."
Die Idee für ein Museum für die Moderne ging von Peter Iden, Theater- und Kunstkritiker der Frankfurter Rundschau, aus. Im damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann fand er einen begeisterten Mitstreiter.
Die Stadt erwarb aus der Sammlung des verstorbenen Darmstädter Unternehmers Karl Ströher 1981 und 1982 einen Teil US-amerikanischer und europäischer Kunst der 60er Jahre. Darunter Arbeiten von Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Joseph Beuys.
Für die Planung des Museumsbaus folgte 1983 ein Wettbewerb. Der Wiener Architekt Hans Hollein machte das Rennen. Baubeginn auf der 2140 Quadratmeter großen Brache in der Stadtmitte war 1987, im Juni 1991 wurde das MMK eröffnet.
Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag bis Sonntag 10 - 18 Uhr; Mittwoch 10-20 Uhr, Montag geschlossen. Wegen des Abbaus der Murakami-Ausstellung ist das MMK bis 2. Februar geschlossen.
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Und immerhin habe Ammann-Nachfolger Udo Kittelmann dem Haus nach der katastrophalen Bock-Pleite mit Ankäufen aus der zeitgenössischen Sammlung Rolf Ricke ja durchaus auch bedeutsamen Ersatz an Pop-Art-Kunst beschert. Neues, spannendes "Futter" fürs Auge.
Neue MMK-Chefin verspricht Spannendes
Und ab sofort wird es wohl wieder spannend werden: Die neue Museums-Chefin Susanne Gaensheimer sitzt seit Januar auf ihrem Posten und hat bereits versprochen, das Haus in der Innenstadt gerade mit der Vielschichtigkeit seiner Sammlung, die von Fotografie, Malerei über Installationskunst bis zur Performance reicht, profilieren zu wollen. Und mit dem Fokus auf Gegenwartskunst, vor allem auch von jungen Frankfurter Künstlern.
Brigitte S. hat die Ankündigungen der aus München an den Main gekommenen neuen Museumsdirektorin überaus aufmerksam verfolgt. Ebenso die aufgeregte Debatte darüber, dass Max Hollein, der Direktor von Städel, Schirn und Liebieghaus, mit seinen Ambitionen, im geplanten Erweiterungsbau des Städel zeitgenössische Kunst zu zeigen, dem MMK das Wasser abgraben könnte. Die 45-Jährige sieht das alles ganz gelassen, sie freut sich sogar darauf: "Spannende Gegenwartskunst und spannende Räume kann es nicht genug geben in dieser Stadt." Und Joseph Beuys' Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch werde ohnehin nie zu einer Nebensache.

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