Es passiert ihr tatsächlich immer noch, sagt Angela Koch. Wenn sie sagt, wo sie arbeitet, erntet sie erstaunte oder gar entsetzte Pfiffe. Der schlechte Ruf klebt am Stadtteil wie das Pech an der Pechmarie. Frankfurter Berg, Frankfurter Bronx. Aber das ist Geschichte, olle Kamelle und längst nicht mehr wahr, sagt Angela Koch. Seit mehr als 20 Jahren leitet sie das Jugendhaus in der Julius-Brecht-Straße, kennt den Stadtteil, der genau genommen nur Stückwerk aus Einzelsiedlungen ist.
Die Aussicht im Hagebuttenweg könnte das nicht besser dokumentieren: Hinter den pittoresken Einfamilienhäuschen der bizonalen Siedlung mit Schiefer-Giebeln, Gauben und Gärten türmen sich die grauen Wohnhochhäuser der Julius-Brecht-Straße. Zwei Welten auf gegenüberliegenden Straßenseiten. Als 1948 alle Welt noch glaubte, Frankfurt würde Bundeshauptstadt, wurde die gutbürgerliche Siedlung nördlich des Berkersheimer Wegs aus dem Boden gestampft. Sie hat sich verbandelt mit der alten Welt der angrenzenden Arbeiterkolonie von 1937: pittoreske Häuserzeilen mit spitzen Giebeln, Gärten hinter und vor dem Haus in Straßenzügen, die wie heimische Gehölze heißen: Holunder-, Liguster-, Schlehen- oder Fliederweg.
Die einstige Bonameser Siedlung ist seit 1. Juli 1996 ein echter Stadtteil. Mit 6580 Einwohnern und 2,15 Quadratkilometern Größe zählt er aber eher zu den kleineren Stadtteilen. Ursprünglich war der Frankfurter Berg eine Arbeiterkolonie von 1937.
1948 wurde die bizonale Siedlung nördlich des Berkersheimer Wegs gebaut. Ab 1953 folgten Reihenhäuser, mehr- stöckige Mietshäuser und Mitte der 1960er die Hochhäuser in der Julius- Brecht- und Heinrich-Plett-Straße.
Die ehemaligen US-Kasernen "Edwards" und "Drake" wurden ab 1992 aufgelöst und die Housing-Areas Richtung Berkersheim frei. Ein Drittel des Bestandes wurde Bundesangestellten zur Verfügung gestellt, ein Drittel dem freien Wohnungsmarkt, ein Drittel dem sozialen Wohnungsmarkt zugeordnet.
Die ehemaligen Offizierswohnungen und -häuser wurden frei verkauft.
So lautete 1948/49 die heftig diskutierte Frage. Welche Stadt sollte die Hauptstadt der künftigen westdeutschen Republik werden. Frankfurts Aussichten galten lange Zeit als glänzend. Warum es dennoch nicht so kam, lesen Sie in der Frankfurt Story.
Das klingt nicht nur nach Grün. Der "Berg" ist es auch. Nach wenigen hundert Metern ist man im freien Feld, am Lachegraben, in den Kleingärten oder den Nidda-Auen. Wer hier, in den Gehölz-Wegen wohnt, spricht von "unserem Berg", die Identität mit dem Quartier ist hoch. Angestellte, Beamte, Arbeiter sind mit ihren Familien hergezogen, sind alt geworden in den Häusern. In vielen steht der Generationswechsel an, "im Moment ziehen sehr viele junge Familien her", sagt die evangelische Pfarrerin Margarete Reinel. Zumal in der bizonalen Siedlung nicht nur heftig renoviert, sondern auch neu gebaut wird: postmoderne Reihenhäuser in sanften Terrakotta- und Blautönen.
In den Hochhäusern ist "die Welt" zuhause
Für die Pfarrerin, die seit kurzem selbst in einem der neuen Reihenhäuser im Wickenweg wohnt, ein spannender Umbruch. Der Berg ist in Bewegung. Aber auch auf der "anderen Seite", östlich der Homburger Landstraße, die mit der Hochhaus-Kolonie und den Ami-Kasernen schon immer "das Andere" markiert hat. Die Seite, wo die Zugezogenen leben. In den Hochhäusern ist "die Welt" zu Hause wie viele Alteingesessene sagen. Wer sich auf der Straße umhört, weiß, dass sie das teils liebevoll, mitunter aber auch ganz schön abfällig tun.
Weil jeder weiß, dass man im Innenkarree des Ladenzentrums am Berkersheimer Weg und an einschlägigen Treffpunkten alle Drogen kaufen kann, die man will. Und weil sie jeder täglich sieht, die Männer ohne Job und Perspektive, die sich vis à vis des Plus-Markts volllaufen lassen. Alltagsszenen, die auch Pfarrerin Reinel und Jugendarbeiterin Angela Koch kennen. "Man muss nichts schön reden. Es gibt auch viele arme Menschen. Aber das ist nicht anders als anderswo in der Stadt." Im Gegenteil. Die Baugesellschaft GWH halte ihre Hochhäuser in Schuss, kümmere sich auch um Quartiermanagement.
"Es lebt sich gut in den Hochhäusern", bestätigt ein junger Vater, der gerade mit seinem Sohn über den Spielplatz zwischen den Häusern tobt. Seit 1998 lebt seine Familie in den Hochhäusern. Von Drogen und Kriminalität bekommt er nichts mit, wie er sagt. Auch Johannes Schüßler, Leiter des 15 Polizeireviers im Wickenweg, winkt ab. "Der Frankfurter Berg ist ruhig, keine polizeilichen Auffälligkeiten." Ihn stören allenfalls Nachbarschaftsstreitereien, die "üblichen Auseinandersetzungen", weil sich Leute missverstehen, keine Rücksicht aufeinander nehmen, nicht auf andere Kulturen, "und manche dann meinen, sich mit dem erhobenen Finger durchsetzen zu müssen".
Mehr als Schlafstadt
Der Verkäufer in der Bäckerei an der Ecke der Ladenzeile lässt dagegen kaum ein gutes Haar an der Klientel, die er täglich vor seinem Laden sieht. Geschweige denn an der "schlechten Infrastruktur" im Stadtteil: kein Café, kein nettes Lokal und gerade mal ein Bankautomat. "Wenn der kaputt ist, müssen die Leute zum Weißen Stein oder nach Bonames fahren."
Diese Kritik teilt auch Jugendarbeiterin Angela Koch: "Der Stadtteil ernährt seine Menschen nicht." Zig Bäckereien hätten eröffnet und wieder geschlossen. Ärzte fehlten und seit Post und Bank dicht gemacht haben, sei es gerade für alte Leute beschwerlich geworden. Nicht einmal die Eisdiele hat es geschafft, sagt Koch. Bleibe als Hoffnung nur das Rewe-Zentrum, das gerade aus der Baugrube am Ortseingang wächst. "Es wäre schade, wenn der Berg zur Schlafstadt verkommt."
Für die Frau aus der neuen Edwards-Siedlung ist es das. Vor anderthalb Jahren ist sie ins ehemalige US-Kasernen-Areal gezogen, auf dem Neubauten und Baukräne noch immer das Bild bestimmen. Die Wohnungen seien groß, die Nachbarschaft mit jungen Familien nett. Das Beste aber sind für sie die guten ÖPNV-Anschlüsse in die Stadt: "Da kann man tagsüber schnell mal weg."

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