Das Haus ist rundum aufgegraben, bei den Schirdewans im Kolberger Weg wird schwer renoviert. Vor zwei Jahren haben sie das Häuschen in der Colonie gekauft, sagt Iris Schirdewan. Ein Glücksgriff. Die schnuckligen Backsteinhäuser mit Erkern und den großen Walmdächern, die ein wenig wie zu große Kappen aussehen, sind begehrt. Die frühere Hoechst AG hat die Häuser zwischen 1900 und 1925 bauen lassen, um ihren Arbeitern günstige Wohnungen in Werksnähe zu bieten. Mit Ställen für Hühner oder Schweine und Gemüsegärten, damit sich die Arbeiterfamilien auch selbst versorgen können.
Als komplette Gartenstadt im Bauerndorf Zeilsheim hat Werksarchitekt Heinrich Kutt die 610 Häuschen zwischen Pfaffenwiese, Klosterhofstraße, Coburger und Braunschweiger Weg geplant. Ruhige Wohnstraßen und Klinker-Romantik mit allem was dazugehört: Läden, Schule, Kirche. Aus heutiger Reihenhaus-Siedlungssicht sind die Häuser mit den üppigen Blumengärten Luxus - und für Familien wie die Schirdewans mit ihrer dreijährigen Tochter ideal. Als die Mietshäuser in den 90ern privatisiert wurden, hatten die langjährigen Bewohner, allesamt Rotfabrikerfamilien, ersten Zugriff. "Wir konnten das Haus nur kaufen, weil die Familie meines Mannes jahrzehntelang im Haus gewohnt hat." Auch Rotfabriker, wie so viele alte Zeilsheimer, sagt Schirdewan. "Die Hoechst AG hat den Ort geprägt." Die Identifikation mit dem Chemieriesen auf der anderen Mainseite hat sich mit der Zerschlagung des Werks zwar aufgelöst, sagt die 42-Jährige. Trotzdem bewerben sich die jungen Zeilsheimer heute noch für eine Lehre im Industriepark. Weil's naheliegt, irgendwie dazugehört in Zeilsheim. Iris Schirdewan ist im westlichsten Frankfurter Stadtteil aufgewachsen. Grenzgebiet zum Taunus. Dort, wo der Ort tatsächlich in keinen anderen mehr übergeht. Nur noch in weites Feld. Um keinen Preis würde sie woanders wohnen wollen: "Man ist in wenigen Minuten im Grünen, hat das dörfliche Umfeld und lebt doch in der Stadt."
Wie Frankfurt wurde Zeilsheim erstmals im Jahr 794 urkundlich erwähnt. Der westlichste Stadtteil zählt heute 11913 Einwohner, er ist 430 Hektar groß. Am 1. April 1917 wurde Zeilsheim nach Höchst, 1. April 1928 nach Frankfurt eingemeindet.
Im einstigen Bauerndorf waren im Jahr 1900 noch neun von zehn Einwohnern Bauern, die ersten 60 Arbeitersiedlungshäuser der heute denkmalgeschützten Kolonie der Hoechst AG leiten aber den Strukturwandel ein.
Das DP-Lager für Displaced Persons machte Zeilsheim international bekannt. Der spätere israelische Premierminister David Ben Gurion und Eleanor Roosevelt, Repräsentantin der Vereinten Nationen, haben es 1946 besucht. Damals lebten etwa 3570 Juden im Lager, die KZs in Polen überlebt hatten. Im November 1948 wurde das Lager von der US-Armee aufgelöst.
Sehenswürdigkeiten: St. Bartholomäus, klassizistische Pfarrkirche von 1817/18, Alt-Zeilsheim 17.
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Vorzüge, die auch die 45 Jahre alte Monika Dörr aufzählt. Auch sie ist in Zeilsheim geboren, lebt schräg gegenüber der katholischen St. Bartholomäuskirche im alten Ort und würde "niemals" freiwillig wegziehen. All ihre Freunde leben hier, die Alteingesessenen kennen sich, nehmen Anteil, "und wir haben ein ziemlich aktives Vereinsleben", etwa die Handballer, die Fußballer, die Turngemeinde und der Karnevalverein Labbeduddel, der sogar ein eigenes Vereinsheim betreibt, seit der alte Nassauer Hof dicht gemacht hat.
Die Zeilsheimer halten zusammen. Dorfleben als Großstädter - mit schnellem Anschluss nicht nur nach Frankfurt, sondern auch nach Mainz, Wiesbaden, "und in zehn Minuten sind wir am Flughafen, ohne vom Fluglärm betroffen zu sein". Zum Einkaufen fährt die zweifache Mutter ins Main-Taunus-Zentrum, zum Bummeln wie Iris Schirdewan auch mal in die Main-Taunus-Kreisstadt Hofheim auf der anderen Seite der A66. Alles strategisch günstig gelegen. Blöd sei nur, dass die Buslinie 810 ins Main-Taunus-Zentrum eingestellt worden ist. Wer kein Auto hat, muss über Höchst und weitere Tarifzonen fahren. "Meine alte Tante zahlt jetzt für eine einfache Strecke schon vier Euro."
In Zeilsheim selbst ist es dünn geworden mit der Geschäftswelt, trotz Rewe, Aldi und Co. Viele angestammte Läden haben geschlossen, sagt Monika Dörr. Immerhin, der Bäcker Christ in der Straße Neu-Zeilsheim ist geblieben. Und Metzger Schmidt. Und Schreibwaren Möller, der bei den alten Zeilsheimern noch nach dem früheren Inhaber "Zimara" heißt.
Die Identifikation als "Zeilsheimer" funktioniert jedenfalls, sagt Monika Dörr. Obwohl der Ort geteilt ist in "Die von Alt-Zeilsheim", "Die von der Colonie" und "Die Neuen" nördlich der Pfaffenwiese bis zur A 66. In die Wohnblocks, den einzigen von Zeilsheim , sind viele ausländische Familien gezogen, zu denen "die im alten Ort" kaum Kontakt haben. Noch. Denn eigentlich sind die Zeilsheimer gewöhnt "Neue" aufzunehmen: Ende der 30er Jahre ist die Steinrutsch-Siedlung am Welschgraben entstanden, 1950 die Flüchtlingssiedlung Friedenau, Ende der 50er die Siedlung Taunusblick an der A 66 für 4000 Menschen, die die Einwohnerzahl des Dorfs auf 12 000 wachsen ließ.
Und doch: Entlang der Hauptstraße Alt-Zeilsheim, die nahtlos in die West-Höchster-Straße Richtung Sindlingen übergeht, und den abzweigenden Gässchen, drängen sich die früheren Bauernhöfe und Mini-Läden wie eh und je auf engem Raum und lassen Autos kaum ein Durchkommen. Natürliche Geschwindigkeitsbegrenzung - die Dorfstraßen bestimmen Tempo und Takt. Trotzdem sind viele mit dem Auto unterwegs, stellen vor der Baumschule Abt und der Gaststätte Zur Rose jeden freien Quadratzentimeter zu.
Öffentlich geht es nur mit dem Bus voran, weil der neue S-Bahnhof Zeilsheim ja fast in Sindlingen liegt. Auch so ein Unding, das Monika Dörr den Kopf schütteln lässt. Trotzdem lohnt der Weg, führt die Straße doch bis Sindlingen durch die schönste Kastanienallee, die Frankfurt zu bieten hat. Noch ein Relikt der alten Hoechst AG, die in Zeilsheim Gegenwart bleibt.

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