Stadtteil Altstadt? Für Peter Biberfield gibt es das nicht. Zumindest nicht vom Lebensgefühl her. "Die Straßeneinheiten und Plätze sind eher kleine Gemeinden." Gemeinde Römerberg, Nachbargemeinde Paulsplatz, Gemeinde Liebfrauenberg, Gemeinde Domplatz, Gemeinde Braubach-Battonn-Berliner und so weiter. Man kennt sich zwar unter Geschäftsleuten und langjährigen Anwohnern, kennt auch alle Lebens- und Liebesgeschichten, wie Biberfields Frau Natascha bemerkt, "aber die Identifikation als Stadtteil wie etwa in Bornheim oder im Nordend gibt es nicht".
Schon wegen der vielen Touristen, die täglich Liebfrauenberg, Paulsplatz, Römer, Dom abklappern, vorm Justitiabrunnen mit Ostzeile im Hintergrund Fotos schießen und weiterziehen.
Kommen und Gehen und Leute schauen. "Der Römerberg ist ein Schmelztiegel wie New York", sagt Biberfield. Und genau deshalb lebt er hier. Mitten auf dem Römerberg. Setzte vor Jahren alle Hebel in Bewegung, um genau in diese Ostzeile zu kommen. Genau in dieses Eckhaus: Großer Engel, Römerberg 28. Seit 1994 betreibt der frühere Commerzbank-Filialleiter hier eine Wechselstube, hat vor fünf Jahren mit Frau Natascha noch ein Café eingerichtet und ist Knotenpunkt der kleinen Welt Römerberg: "Weil hier jeder her muss." Touristen, Geschäftsleute, die Münzgeld brauchen.
Und weil es just an diesem Platz schon immer so war. Früher, als das Haus Großer Engel noch in seinem Urzustand da stand, erbaut 1562. Als es noch keinen zweiten Anlauf in historischem Gewand gab, und der Römerberg noch Markt- und Messeplatz war, auf dem Händler aus ganz Europa Waren tauschten.
Ein einziger Etikettenschwindel
"1568 hat im Haus der erste Wechsler der Stadt sein Geschäft betrieben", sagt Biberfield. Er hat den Faden der Geschichte gewissermaßen aufgenommen - so wie es die Ostzeile tut. Auch wenn es "Mickeymouse-Häuser in historisierendem Stil" sind. Biberfield liebt sie trotzdem. "Weil sie Geborgenheit vermitteln und den Römerberg zur geschlossenen Einheit machen."
Dass das technische Rathaus weiteren Häusern nach historischem Vorbild weichen soll, findet er gut. Mit Kritik wie Kitsch und Kulisse hat er keine Probleme. Vielleicht weil die ganze Altstadt ein Etikettenschwindel ist: Was ist schon alt im Quartier, das Anfang der 50er rund um Römer, Dom, Paulskirche, Karmeliterkloster und Städtische Bühnen neu erfunden und ab 1952 auf der Trümmerlandschaft wuchs? Biberfield hat die Fotos von 1950 noch vor Augen. Als zwischen Römer und Dom nur Autos parkten, bis die 50er-Jahre-Häuser hochgezogen wurden, um Wohnungsnot und Riesenbrache zu beenden. Am 22. März 1944 - dem Jahrestag von Goethes Tod - legten Brandbomber die Altstadt in Schutt und Asche. Die alten, dicht an dicht gebauten Häuser gingen in Flammen auf, von den verwinkelten Gässchen blieb nur eine vage Ahnung zwischen Mauerresten.
Wiederaufbau im alten Gassensystem oder radikaler Neubeginn? In der Stadt tobt ab 1950 Streit. Zwei Jahre später fällt die Entscheidung für einen neuen Anfang. Lediglich einige Baudenkmäler wie Staufenmauer, Steinernes Haus, Saalhof, Leinwandhaus, Karmeliterkloster oder das letzte Fachwerkhaus am Fahrtor sollen restauriert werden. Ansonsten nimmt das neue Frankfurt Gestalt an: mit neuer Nord-Süd-Achse Kurt-Schumacher-Straße, neuer Ost-West-Tangente Berliner Straße, an der der achtgeschossige Bundesrechnungshof in die Höhe wächst. Mit neuer Mainfront und neuen Wohnhausriegeln an Tönges-, Hasen-, Fahrgasse oder Trierischem Hof.
"Durch die großen Straßenzüge hat man kein Gefühl von Altstadt oder Stadtteil", sagen die beiden Mitarbeiterinnen des Schoko-Ladens Süß & Bitter in der Domstraße. "Alles ist so zerfasert." Auch der "riesige Römerberg", der fast nur Souvernirläden biete, tauge kaum für Altstadtflair. "Darunter stellt man sich was Geschlossenes, Heimeliges vor."
Geschlossen ist ihr Stadtteil tatsächlich nicht, sagt Andrea Braunberger-Myers, Pfarrerin der der St. Paulsgemeinde in der Alten Nikolaikirche auf dem Römerberg. "Wenn man unsere GemeindeGrenzen betrachtet, gehört sogar das Bankenviertel dazu." Entsprechend vielfältig setzt sich ihre Gemeinde zusammen: alte Leute, die in den 50er-Jahre Häusern rundrum wohnen, Touristen, Pendler, die zur Mittagspause in die Kirche kommen oder an der Altstadtführung teilnehmen, die ihr Mann Jeffrey Myers donnerstags mittags ab Treffpunkt Alte Nikolaikirche organisiert. Vielfältig ja - "trotzdem gibt es enge nachbarschaftliche Beziehung und fast dörfliche Strukturen", sagt die Pfarrerin. Und was ihr immer auffällt: "Die Leute leben gern hier. Nur das Einkaufen ist beschwerlich."
Das nächste Stadtteilporträt: Eckenheim am Donnerstag

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