Der Bus rollt über die schmale Nieder-Eschbacher Straße Richtung Osten. Links und rechts nur Wiesen und Felder, so weit das Auge reicht. Wo Frankfurt schon längst aufgehört hat, Stadt zu sein, kommt immer noch Nieder-Erlenbach. Vor der Kurve zur Hauptstraße Alt-Erlenbach kommt ein Traktor entgegen. Zu viel für eine Dorfstraße. Anhalten, ausweichen bis zur nächsten Hofeinfahrt, kurzes Grüßen. Geht doch alles.
Im alten Ortskern surrt eine Kreissäge. Kreischt hochfrequent vom Hof mit Scheune und Stall auf die Straße. Zwischendurch fallen Holzscheite zu Boden. An Stadt denkt hier wirklich niemand mehr. Ein paar Frauen stehen mit Einkaufstaschen vor der Bäckerei Moser. Eine geht winkend weiter, verschwindet bei Schreibwaren Girke ein paar Meter weiter.
Der nördlichste Stadtteil Frankfurts ist, wie die Wetterau, landwirtschaftlich geprägt. Ein Dutzend bäuerlicher Betriebe, etliche Aussiedlerhöfe und vier Gärtnereien sind bis heute die Hauptarbeitgeber.
Rund 4455 Einwohner leben im Stadtteil, der 779 erstmals erwähnt wurde. Die Fläche beträgt 833,6 Hektar. Am 1. August 1972 wurde das Bauerndorf nach Frankfurt eingemeindet. Frankfurter Patrizier erbauten in Nieder-Erlenbach große Anwesen.
Die private Anna-Schmidt-Schule etwa ist im ehemaligen Herrensitz von Glauburg untergebracht. Wenige Schritte weiter liegt das Lersnersche Anwesen, die Charlottenburg.
Sehenswürdigkeiten/Erholung: Evangelische Pfarrkirche, Zur Charlottenburg 1, Mittelalterlicher, barockisierter Saalbau von 1637 mit zum Teil gotisierenden Fensterformen.
Der Westturm stammt von 1715. Der Altar zeigt ein Triptychon mit drei Ölge- mälden. Die Kanzel stammt von 1600. Lersnersches Schloss, Charlottenburg 3, Hofgut von 1768.
Barockes Herrenhaus zwischen klassizistischen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden (Charlottenburg) von 1840, mit englischem Park.
Spazierwege am Erlenbach und im Nieder-Erlenbacher Wald.
Frankfurt für Anfänger
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Wenigstens kann man noch einkaufen, sagt Elke de Brune, Mitarbeiterin des Kinder- und Jugendclubs im evangelischen Gemeindehaus. Auch wenn der kleine Edeka-Laden an der Hauptstraße jetzt ein Kinderladen ist. "Bei Edeka hat man sich immer getroffen." Jetzt ist Rewe, gegenüber der Tennishalle, zur Anlaufstelle der Nieder-Erlenbacher geworden. Und sogar einen Aldi gibt es.
Die Jugendarbeiterin hat selbst jahrelang im Stadtteil gewohnt. Wegen der Natur, dem wildromantischen Erlenbach. "Man kann seine Kinder überall laufen lassen, es gibt keine gefährlichen Straßen und die Kinder kennen sich untereinander alle." Kinder zwischen Null und Zehn haben hier jedenfalls die große Freiheit, sagt auch de Brunes Kollege Walter Staudinger.
Lästig wird's erst, wenn es mit dem Bus in die weiterführenden Schulen nach Frankfurt, Bad Vilbel oder in den Hochtaunuskreis geht, dessen Kreisstadt näher liegt, als die Kernstadt Frankfurt. "Und für Jugendliche, wenn sie abends weg wollen." Mal eben schnell in 'ne Disco, das geht nicht, sagt Elke de Brune. Notgedrungen hängen die Jugendlichen abends am Dorfbrunnen rum, der früher mal ein Taufbecken war. Oder an der Bushaltestelle. Oder, wenn's kalt ist, bei Rewe, der ja immerhin bis zehn aufhat. "Die haben deswegen extra einen Sicherheitsmenschen engagiert."
Die große Freiheit wiegt trotzdem schwerer als die läppische Disko. Marion Watzka wollte jedenfalls nie wegziehen. Auch nicht als junges Mädchen. Vor fast 58 Jahren ist sie hier geboren, liebt den Ort gerade wegen seiner Lage zwischen Frankfurt, Taunus und Wetterau. "Man ist schnell in Bad Homburg, Bad Vilbel und in Frankfurt." Und: Nieder-Erlenbach ist schön, sagt Marion Watzka, die nicht nur mit ihrer Familie in Nieder-Erlenbach wohnt, sondern auch in der Bäckerei Moser in Alt-Erlenbach arbeitet und so gut wie alle kennt. Nun, vielleicht nicht alle der vielen Zugezogenen, die sich in den vergangenen Jahren in schicken Ein- und Zweifamilienhäusern angesiedelt haben.
"Wer will, kriegt im Ort aber schnell Kontakt", sagt Watzka. Über die Kinder in Kita oder Schule, im Sport- oder Gesangsverein, beim Spazierengehen am Erlenbach oder auf den Wegen durch die ebene Wetterauer Flur, vorbei an Aussiedlerhöfen und Gärtnereien. Marion Watzka spaziert am liebsten einfach durch die engen Gässchen des alten Orts. Durch Obere- und Untere Burggasse zur alten Glauburg, in der - top saniert - die Anna-Schmidt-Schule residiert.
Oder weiter zum Lersnerschen Schloss, neben der alten evangelischen Kirche. Das Schloss ist eigentlich ein barockes Herrenhaus mit Wirtschaftsgebäuden, die alle Charlottenburg nennen. Schicke Wohnungen sind in dem Anwesen eingerichtet worden, "deshalb ist es nicht mehr öffentlich zugänglich". Schon schade, aber der schöne englische Park ist ja immerhin geblieben.
Heile Welt für Ypsilanti
Auch Miriam Schuster hat den Umzug von Kalbach auf den Obsthof Schneider vor anderthalb Jahren nicht bereut. "Es ist toll, Stadt und Land gleichzeitig zu haben." Frankfurt als Skyline, sagt die 36 Jahre alte Hofladen-Mitarbeiterin - und das Land vor der Tür. "Sogar Kalbach ist mir inzwischen schon zu städtisch." Mit den Nieder-Erlenbachern sei gut auszukommen. Die Alteingesessenen seien eher bäuerlich-konservativ, aber offen. "Und mit Hund hat man sowieso schnell Anschluss."
Heile Welt. Mit zwei Worten ist für Andrea Ypsilanti alles ausgedrückt: die Sozialstruktur stimmt, das Vereinsleben ebenso, "und zum Einkaufen kriegt man alles im Ort". Hessens SPD-Chefin ist vor zwölf Jahren mit Mann und Sohn in Frankfurts nördlichsten Zipfel gezogen. "Weil man hier die Kinder unbesorgt laufen lassen kann." Und es gibt die tolle Piazetta, sagt sie. "Total heimelig, es geht schnell, ist preiswert und gut." Was will man auch mehr.

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