War der sauer. Weiß DW Dreysse noch ziemlich genau. Ernst May tobte, zeigte sich völlig entsetzt - damals, als der Stadtbaumeister gut vier Jahrzehnte nach dem Bau der Siedlung Praunheim wieder an diesen Ort seines Wirkens kam. Zusammen mit Studenten, die er mittlerweile als Honorarprofessor an der Technischen Hochschule Darmstadt ausbildete.
"Ein Hüne", erinnert sich Dreysse bei einem Spaziergang durch die Siedlung an den Mann, der sich, in den 20er Jahren mit so viel Kompetenzen wie kein anderer in der Frankfurter Stadtregierung ausgestattet, daran machte, das Schlimmste der Zwischenkriegszeit in den Griff zu kriegen: die akute Wohnungsnot. In zehn Jahren sollten nach den Vorgaben des Oberbürgermeisters Ludwig Landmann 10 000 Wohnungen entstehen. Es wurden, in beträchtlich kürzerer Zeit,12 000. Dreysse, der damalige Architektur-Student, der heute selbst als Professor wirkt und an der Spitze des Städtebaubeirats steht, Dreysse sagt das voller Hochachtung für den Mann, der so aufgebracht wirkte, als er in den 60er Jahren seinen Studenten Praunheim zeigte.
Der Stadtteil im Nordwesten Frankfurts grenzt an Niederursel, Heddernheim, Ginnheim, Hausen, Westhausen und Rödelheim. Knapp 16.000 Einwohner zählt der vor allem bei jungen Familien hoch im Kurs stehende Stadtteil.
Die Häuser aus der May-Siedlung kommen allerdings recht selten auf den Markt und kosten von gut 200.000 Euro an aufwärts.
Besiedelt wurde das Gebiet Praunheims bereits vor 6000 Jahren. Im Ebelfeld machten Archäologen zahlreiche Funde, die sich bis zu dieser Zeit rückdatieren lassen.
Orientiert hat sich Stadtbaumeister Ernst May für seine Wohnungsbau-projekte in der Römerstadt wie in Praunheim am Verlauf der Nidda, die an den Siedlungen aus den 20er Jahren vorbeifließt. Ein Altarm des Flusses kommt Praunheim ganz nahe.
Über die Grenzen des Stadtteils hinaus bekannt sind heute neben den Siedlungen aus der Zwischenkriegszeit die Praunheimer Werkstätten, in denen Behinderte arbeiten. May-Siedlungen - Architekturführer durch acht Siedlungen des Neuen Frankfurt 1926 bis 1930, DW Dreysse, Verlage der Buchhandlung Walther König, Köln 2001, 19,80 Euro
Die alte Reichsstadt wird lebendig: Welche Ereignisse waren einst Stadtgespräch am Main? Zeitzeugenberichte und Hintergrundwissen rund um das historische Frankfurt im Frankfurt-Blog.
So auf jeden Fall hatte May sich die weitere Entwicklung seiner Siedlung nicht vorgestellt. Angemeckert habe er die Besitzer der Häuser, bei denen er klingelte, um sich über all die Vorbauten zu beschweren, die mit seinen Ideen nicht mehr viel zu tun hatten. Eine Art des in Frankfurt bis heute verehrten Baumeisters, die "wir Studenten unmöglich fanden", die typisch gewesen sei für den autoritären Habitus des Mannes, der nach dem Ersten Weltkrieg in einer Zeit der schweren Krise Architekturgeschichte geschrieben hatte.
Und Sozialgeschichte dazu. Schließlich ging es May darum, für Arbeiter und kleine Angestellte eine Bleibe zu schaffen. So entstanden die Häuser, die man heute als Reihenhäuser charakterisieren würde, die May selbst Zeilenbauten nannte. Häuser für kleine Familien an den Straßen Damaschkeanger, Am Ebelfeld - und dann weiter, über die Praunheimer Hohl hinaus, an Olbrich- und Pützerstraße zur Heerstraße hin.
Drei Bauabschnitte ab 1926
Eine Siedlung, in drei Bauabschnitten zwischen 1926 und 1929 entstanden. Zunächst mit dreigeschossigen Reihenhäusern mit Einliegerwohnung und Dachgarten. Von diesen Gärten, erzählt Dreysse, sei kaum einer übrig, weil man sie zu Räumen für Ausgebombte des folgenden Krieges überbaute. Vom "Mistweg" aus betrachtet, einem Zugang zu den Häusern von hinten, über die nicht gerade klein dimensionierten Gärten, weist Dreysse auf Veränderungen an den Häusern hin: Über den Putz der Fassade klebten manche Eigentümer Folien aus Kunststoff. Auch von den Haustüren findet sich, anders als in der May-Siedlung Römerstadt oder auch an den Häusern am Höhenblick in Ginnheim, kaum mehr ein Original, meist hat man sie durch modernere Türen ersetzt, die nicht selten von als Windfang gedachten Konstruktionen aus Glasbausteinen eingefasst sind.
Ernst May, berichtet Dreysse, sei in den 60ern hergekommen, um seinen Studenten seine Ideen näherzubringen, um zu erklären, wie sich die Häuser der Siedlung an der von der Nidda geprägten Topografie orientierten. Zur Straße sollten die Häuser hoch sein, um am Damaschkeanger ein Bild entstehen zu lassen: Eine Straße, die sich allmählich verbreitert und auf ein Bürgerhaus zulaufen sollte. Doch aus diesem von May gewollten Projekt, das privates Wohnen mit gemeinschaftlichem Wirken zusammenbringen wollte, wurde nichts. Weil es an Geld mangelte. Deshalb fielen die Bauten über die Ludwig-Landmann-Straße hinweg, im dann dritten Bauabschnitt, ein Stockwerk flacher aus.
"Die haben gespielt", sagt Dreysse. Und alle machten mit: May habe die Baumeister der Moderne nach Frankfurt gebracht und von ihnen verlangt, zunächst in der Häuserzeile Am Hofgut zu wohnen. Denn dort probten sie die Revolution, den Bau mit Fertigteilen, 1,50 Meter hoch, aus Beton in einer Messehalle gegossen und nach Praunheim gebracht. Für Wohnungen mit Zentralheizung, fließendem Wasser, Bädern und der Frankfurter Küche. Nicht selbstverständlich damals.
In dieser Zeit des Aufbruchs, in der Stadtplaner im Oktober 1929 im "Neuen Adler", einer Gaststätte mit Blick auf den Nidda-Altarm, zum Internationale Kongress für Neues Bauen zusammenkamen. Wenn Architekt Dreysse davon nicht zu berichten wüsste, fänden sich keine Hinweise auf diese Zusammenkunft führender Baumeister der Moderne, die sich Gedanken über "die Wohnung für das Existenzminimum" machten. Vielleicht nehmen sich deshalb die Stadtplaner um Albert Speer bei der stadtentwicklungspolitischen Planung für Frankfurt 2030 Praunheim als Modell vor.

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