Die andere Welt hat ein Zentrum. Das lässt sich nicht über jede andere Welt sagen, die es in Frankfurt gibt. In dieser Welt aber, in die man gleich an der Korffstraße eintaucht, bietet sich ein Mittelpunkt. Sucht man in anderen Stadtteilen etwas ab von der City mitunter vergeblich. Eckenheim ist dafür ein Beispiel. Oder auch Eschersheim. Nirgends ein Punkt, an dem sich der Ortsunkundige orientieren könnte. Anders ganz oben im Norden, wenn man den Kreisverkehr im Kern von Bonames erst hinter sich gelassen hat, an der Steinmetz-Werkstatt vorbei ist und schließlich ein paar hundert Meter weiter über die Korffstraße das Zentrum erreicht. Den Mittelpunkt von Harheim.
Früher ist das der Kirchplatz gewesen. Heute zeichnen Steine den Grundriss des Gotteshauses nach: Auf den Resten einer 1435 errichteten gotisch geprägten Vorgängerkirche entstand am Ende des 17. Jahrhunderts in diesem alten Dorf die St. Jakobuskirche. Gegenüber findet sich eine Dependance des Bürgeramtes, in der Seniorenbeauftragte Sprechstunden anbieten. Und so ließe sich sagen, Harheim, dieses vor mehr als 1222 Jahren erstmals erwähnte Dorf, bietet heute seiner ständig wachsenden Bevölkerung eine beschauliche Existenz. Stimmt aber nicht. Denn vor gut zwei Jahrzehnten hat man den Mittelpunkt des Ortes nicht länger in Ruhe lassen wollen und sich entschieden, den Bau eines Hotels in Backsteinbauweise zuzulassen. Ein mehrgeschossiges Objekt wie es nahezu überall ein mehrgeschossiges Objekt sein könnte. Harheim nutzt es für Hotel und Apotheke, woanders sind Objekte dieser Art Standorte für Ärztehäuser, in denen Mediziner ihre Praxen bündeln.
Knapp 4000 Einwohner zählt der nördliche Stadtteil heute. Tendenz: steigend. Von der Ortsmitte in Bonames aus ist der 1972 nach Frankfurt am Main eingemeindete Stadtteil gut zu erreichen.
Die Eingemeindung brachte der Ortschaft den Bau eines modernen Bürgerhauses, das 1974 errichtet wurde, ebenso wie die Bezirkssportanlage, die nach Querung des Eschbaches zu erreichen ist. Von dort aus startet jedes Jahr der Berkersheimer Volkslauf, eine zehn Kilometer lange Strecke, die für den Main-Cup zählt.
Das ländlich strukturierte Dorf am Stadtrand hat sich mit der Eingemeindung zu einem beliebten Wohnort gemausert, in dem viele Familien nach einem Häuschen suchen.
Die 1200-Jahr-Feier zelebrierten die Harheimer im Jahr 1986 mit einem mehrtägigen Fest. Drei Jahre zuvor blickte man auf den 550. Geburtstag der Kerb zurück.
Und so verbindet sich der Ortskern des 1972 eingemeindeten Stadtteils mit dem Namen des Baulöwen. Man kann schon "Baulöwe" sagen, wenn man über Willi Weiler spricht. Der inzwischen Verblichene ist im Grunde damals Harheim gewesen. Der Hessische Rundfunk hat das Leben des Mannes verfilmt, der in der Fiktion dann Jean Ziegler hieß, ebenfalls als Bauunternehmer wirkte und sich manchen Anfeindungen ausgesetzt sah. Die Serie hieß "die Wilsheimer", lief als sechsteilige Folge im Vorabend-Programm der ARD und fand viel Aufmerksamkeit, weil man nicht lange nachdenken musste, um darauf zu kommen, dass mit den Wilsheimern eigentlich die Harheimer gemeint gewesen sind.
Vielen Bürgern, die heute in Harheim leben, sagt das nichts mehr. Sie zogen in den vergangenen Jahren in eine Ortschaft, die man besser doch nicht Dorf nennen sollte, schließlich ist Harheim das aufstrebende Siedlungsgebiet der wachsenden Großstadt. Dort finden sich die Neubaugebiete, während die Kapazitäten in Bornheim und Preungesheim längst erschöpft sind.
Für sie verbindet sich mit Harheim bezahlbares Wohnen in den eigenen vier Wänden. Das ausgeprägte Vereinsleben gilt ihnen nicht mehr als Standortfaktor.
Früher, in Zeiten des Baulöwen, ist das anders gewesen. Da kam auch der Geschichte des Stadtteils, die die Historikerin Dagmar Wendler 1985 verfasste, eine andere Bedeutung zu. Zumal sie nicht den Eindruck vermittelte, etwas auslassen, die Bestrebungen nach Freiheit im Sog des Paulskirchenparlaments etwa nicht aufarbeiten zu wollen. Ebenso wie die Zäsur 1945. Damals, notierte Dagmar Wendler, und Notizen dieser Art finden sich in heimatlichen Chroniken aus dieser Zeit überaus selten, damals hätten "zehn polnische Fremdarbeiter erhebliche Unruhe im Ort gestiftet". Als sie nach einem Schwein verlangten, aber nicht zu klären gewesen sei, ob sie dafür einen US-amerikanischen Berechtigungsschein gehabt hätten, "entlud sich der Zorn der circa 300 Mann gegen die Polen, die verletzt und vertrieben wurden". Auf der Flucht sei schließlich ein Pole zu Tode gekommen.

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