Die Parade der Schuhe verheißt nichts Gutes. Wenn am Morgen auf dem hell gekachelten Gang vor den Gewahrsamszellen viele davon stehen, war es eine unruhige Nacht. Jedes Paar bedeutet ein Gefangener. In die Zelle mitnehmen dürfen die Festgenommenen die Schuhe nicht. Zu groß ist die Gefahr, dass sie sich mit den Schnürsenkeln etwas antun.
Der Gang mit den 50 Zellen - jede zehn Quadratmeter groß, Ausstattung: Pritsche, Kloschüssel, Waschbecken, zwei Überwachungskameras - ist die hässliche Seite des Polizeipräsidiums im Nordend. Die Türen sind aus Stahl, und überall hängen Schilder. Teils richten sie sich an Bedienste ("Kein Zutritt mit Waffen"), teils an Gefangene ("Handys und Feuerzeuge abgeben"). Mitunter geht es laut und hektisch zu, etwa wenn ein Festgenommener herumschreit oder wie wild gegen eine Tür hämmert. Und der Geruch in den Zellen ist bisweilen gewöhnungsbedürftig.
Die schöne, die top-moderne Seite des Gebäudes in der Adickesallee 70 zeigt sich im vierten Stock. Wer die Befehlsstelle betritt, fühlt sich unweigerlich erinnert an den Film "Apollo 13", in dem einige Dutzend Raumfahrt-Experten in einem großen Raum mit mindestens 500 Computerbildschirmen sitzen und daran arbeiten, Tom Hanks und die anderen Jungs in der kaputten Kapsel zur Erde zurückzugeleiten.
Nun gut, 500 Schirme gibt es im Befehlszentrum nicht. Aber wenn es da drin richtig voll ist, herrscht das gleiche Gewusel wie in der Raumfahrtbehörde. Besetzt ist das Zentrum bei "Großlagen", wie es im Polizeideutsch heißt - etwa bei Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern. Auch während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 war hier ständig Betrieb. Auf großen Bildschirmen sahen die Beamten, was sich in Frankfurt tat, und dirigierten die Polizeikräfte in der Stadt.
Eine Tür weiter klingeln nahezu ununterbrochen die Telefone, schwirren Funksprüche durch den Raum. Für Laien sind sie schwer verständlich. Wagen 34 meldet sich - irgendetwas in Ginnheim, möglicherweise ein Einbruch. Der Raum ist die Koordinationsstelle im Präsidium, Führungs- und Lagedienst genannt. Wer die 110 wählt, landet hier. Polizisten nehmen die Notrufe entgegen und müssen sofort entscheiden: Können sie die Situation am Telefon lösen, verständigen sie einen Streifenwagen? Oder liegt ein Problem vor, von dem der wenige Schreibtische entfernt sitzende Polizeiführer vom Dienst wissen muss?
Im November 2002 bezog die Polizei den Neubau - auf dem Gelände standen bis in die 90er Jahre Gebäude der US-Army. Zuvor hatten die Beamten ihr Präsidium an der Friedrich-Ebert-Anlage. Im Vergleich dazu ist der Neubau keine architektonische Schönheit. Der sechsgeschossige Solitär sollte sich in die Umgebung einfügen - in der Nähe liegen die neu gebauten Wohnungen der Dornbusch-Höfe, das Funkhaus des Hessischen Rundfunks an der Bertramstraße und die Deutsche Nationalbibliothek am Alleenring. Doch der rechteckige Block mit großem Innenhof wirkt vor allem klobig und die anthrazitfarbene Backsteinfassade eher abschreckend.
Öffentliches Museum
Die Arbeitsbedingungen aber "sind hier viel besser als im alten Gebäude", sagt der Erste Polizeihauptkommissar Jürgen Linker - und bestätigt damit die Szene einer "Tatort"-Folge, die vor einigen Jahren ausgestrahlt wurde. Da mussten die Kommissare ausgerechnet im alten Präsidium eine Geiselnahme beenden und fluchten darüber, dass dort schon früher immer der Handy-Empfang so schlecht gewesen sei.
Solche Schwierigkeiten gibt es im Neubau nur im Keller. Dort findet sich eine Sporthalle und ein Fitness-Studio, das insbesondere die Beamten der Spezialeinheiten nutzen. Noch ein Stockwerk tiefer wird geschossen. Jeder Polizist muss regelmäßig an der Waffe trainieren. Teil der Ausbildung ist auch das Schießkino. Für Sekunden leuchtet auf einer Leinwand ein Bild auf. Der Beamte muss entscheiden: Liegt eine bedrohliche Situation vor? Schieße ich, oder senke ich die Waffe?
Öffentlich zugänglich im Gebäude ist nur das Kriminalmuseum, das die Erinnerung an Fälle der Vergangenheit bewahrt. Der Mord an der Prostituierten Rosemarie Nitribitt, die Nestlé-Erpressung, der Hammermörder. Gemeinsam ist den Taten, dass sie sich längst vor dem Bau des neuen Polizeipräsidiums ereigneten.

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