Der Morgen rauscht. Gleichmäig, unentwegt. Das kommt von der Autobahn A 66 in sicherer Entfernung. Und von der Main-Weser-Trasse, dieses Rauschen an einem frühen Morgen, keine acht Uhr. Ein Rauschen, das sich schon bald verliert, wenn sich dort, wo sich die Hundehalter auf dem Weg in Richtung Niddaauen machen, mehr Publikum tummelt. Um den Blick zu genießen, diesen Blick von einem Pfad aus, den man Niddablick genannt hat, ein Blick, von dem man an einem frühen Morgen sagen kann, was dieser Tag eigentlich sonst noch bringen soll.
Da kann man verstehen, dass sich die Nachbarn aus dem Höhenblick ärgern, wenn einer auf seinem Grundstück zum Niddablick hin sein Haus höher bauen will. Schließlich kommen nach der Siedlung, die Frankfurts großer Baumeister Ernst May Mitte der 20er Jahre entstehen ließ, zur Nidda hin nur noch Kleingärten. Und freies Feld, dessen Weite sich allein an der Dauer des Auslaufs für den Hund ermessen lässt.
1910 wurde Ginnheim nach Frankfurt eingemeindet. Schon ein Jahr später erreichte die erste Straßenbahn von Bockenheim aus den nördlichen Stadtteil, der an Dornbusch und Eschersheim im Nordosten, an Hausen, Praunheim und Heddernheim im Nordwesten grenzt. Durch den Siedlungsbau in den 20er Jahren und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg ist Ginnheim schnell gewachsen und zählt heute 15 000 Einwohner. Neben der Siedlung Höhenblick, die Ernst May Mitte der 20er errichten ließ, entstand 1926/27 an der Hügelstraße - erbaut von der Gemeinnützigen Kriegerheimstätte - eine weitere Siedlung. Anfang der 50er Jahre wurde für Angehörige der US-Streitkräfte zwischen Raimund- und Hügelstraße die Steuben- Siedlung errichtet.
Die alte Reichsstadt wird lebendig: Welche Ereignisse waren einst Stadtgespräch am Main? Zeitzeugenberichte und Hintergrundwissen rund um das historische Frankfurt im Frankfurt-Blog.
Im Grunde gibt es drei Möglichkeiten, sich die Ginnheimer Welt zu erschließen. Als Kind, als Alter und als Jogger.
Dem Kind fällt zu Ginnheim alsbald Höllberg ein. Das ist der weiträumige Spielplatz unten im Tal, der so heißt, weil das gesamte Quartier diesen Namen trägt. Der Spielplatz ist nicht irgendein Spielplatz in dieser Stadt, es ist vielmehr eine vor Hunden abgeschirmte Fläche für kleine Kinder, mittlere Kinder und große Kinder. Das führt dazu, dass es nur wenige andere Spielplätze wie den Höllberg geben dürfte, den ganze Kindergeburtstagsgesellschaften ansteuern, um im Freien zu feiern.
Das machen dann auch Nachbarn aus den angrenzenden Stadtteilen Dornbusch und Eschersheim. Der Ginnheimer selbst, der auf dem Höllberg lebt, bedarf der Freifläche gar nicht, weil er oft einen Garten sein eigen nennt. Einen alten Garten, in dem nicht selten auch ein altes Haus steht. Zur Altheimstraße wie zum Kirchberg hin findet sich eines der Quartiere, die um die Wende zum letzten Jahrhundert entstanden sind. Im Zusammenhang mit der aus Großbritannien auf den Kontinent herüberschwappenden "Arts and Crafts"-Bewegung: einer dem Jugendstil verpflichteten Orientierung an dem Ideal, städtisch, aber grün zu wohnen - in der Gartenstadt, die in der Wiesenau bei Niederursel, in Eschersheim jenseits der Hügelstraße und mit nämlichen Haustypen auch am Kirchberg entstand.
Ein beliebter Standort für junge Familien wie für Alte. Bei denen steht Ginnheim hoch im Kurs, weil der Stadtteil mit der U-Bahn ausgezeichnet angebunden ist und sich also der Verzicht auf das Auto in Zeit höherer Betagtheit als unproblematsich erweist. Der alte Ginnheimer an sich aber zeigt wenig Neigung in Richtung Innenstadt, sondern sucht den Weg durch die Niddaauen, durch das Gelände der früheren Bundesgartenschau und an den Fluss, den man zur Römerstadt queren kann.
Neben den Hundehaltern verstehen vor allem die Jogger Ginnheim als eine Art innerstädtisches Paradies. Weil alle Wege des Läufers Ginnheim kreuzen. Vom Eschersheimer Freibad kommend führt die Route die Nidda entlang und dann in Richtung Wäldche über den Fluss. Das Wäldche ist, zumal im Sommer, beliebtes Ziel des kurz entschlossenen Ausflugs. Für das Wäldche hat der Jogger keine Zeit, der an den Sportanlagen der Tennisspieler von Blau-Gelb vorbei sich alsbald in den Kleingärten zurecht findet, um dann unter der A 66 den weiteren Weg zum Grüneburgpark zu finden. Eine beliebte Strecke, zu der nach der großen Runde im Park des Westends die Rückkehr nach Ginnheim folgt.
So etwas braucht ein bisschen Zeit und geht an einem Morgen wie diesem eben nicht. Ein Morgen, an dem es rauscht. Wie eigentlich jeden Morgen, bevor der Höhenblick erwacht und am Niddablick noch kein Schrebergärtner anzutreffen ist. Stadtbaumeister Ernst May, die Frankfurt prägende Gestalt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wusste dann doch nur zu gut, warum er sich ausgerechnet in der Siedlung an der Ludwig-Tieck-Straße sein eigenes Domizil erbaute.

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