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Frankfurt für Anfänger: Graue Idylle

Lastwagen, Schlaglöcher und Ladekräne prägen das Ambiente im Osthafen. Von Georg Leppert

Es mag bessere Orte geben für Vegetarier als die Kneipen und Buden am Osthafen. Die heißen in der Regel nach dem Vornamen des Inhabers und bieten fleischige Köstlichkeiten an. Wurst und Schnitzel, Buletten und Gyros. Sicherlich kann man hier und da auch einen Salat bekommen. Aber einen Salat an einer Osthafen-Bude zu essen, das ist wie Leitungswasser im Nobelrestaurant zu trinken: Möglich, aber ganz und gar unüblich. Die Gäste im Schnitzelparadies und den anderen Gaststätten mögen es ohnehin gerne etwas deftiger. In der Regel haben sie mehrere hundert Kilometer mit dem Lastwagen vor oder hinter sich, da ist es mit einer Gemüsesuppe mit Vollkornbrot nicht getan.

Bernd zum Beispiel liebt Fleisch. Und er liebt den Osthafen. Er sei "Frankfurter durch und durch", sagt der Lastwagenfahrer, der regelmäßig Textilien an die tschechische Grenze bringt. Frankfurt sei "eine geile Stadt", aber wenn er die Postkarten von der Skyline sehe, dann schmecke ihm noch nicht einmal mehr das Jägerschnitzel mit Pommes und wenig Soße. Am Osthafen, sagt der 42-Jährige, finde sich "das echte Frankfurt". Und dann nennt er Adjektive, die man mit dem Ruhrgebiet der 70er Jahre verbindet. Ehrlich. Hart. Einfach. Bodenständig.

Osthafen

Das Gebiet des Osthafens reicht von der Honsellbrücke im Ostend bis zur Carl-Benz-Straße in Fechenheim. Westlich der Autobahn A 661 befindet sich der Hafen 1 (Unterhafen) mit dem Nord- und dem Südbecken. Zwischen den beiden Becken verläuft die Schmickstraße.

Über eine Schleusenbrücke gelangen Fußgänger vom Unterhafen nach Offenbach. Im Osten der Autobahn ist der Hafen 2 (Oberhafen) angesiedelt.

Dort sind das Becken 01 und das Becken 02 über die Dieselstraße für den Lastwagenverkehr erschlossen. Die Planungen für den Bau des Osthafens begannen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Kapazität des Westhafens reichte für den Warenverkehr auf dem Wasser nicht mehr aus.

1912 eröffnete der Osthafen. An Waren werden pro Jahr mehr als elf Millionen Tonnen im Osthafen umgeschlagen. Sie befinden sich in 40 000 Containern. Viele Schiffe fahren nach Rotterdam oder kommen von dort. Für den Weg zum Seehafen brauchen sie anderthalb Tage.

Fakt ist: Der Osthafen mit seinen vier Becken - zwei im Unterhafen westlich der A 661, die anderen beiden im Oberhafen östlich der Autobahn - passt nicht zu Frankfurter Klischees. Banken, Versicherungen, Hochhäuser mit Glasfassade - das alles befindet sich zwar nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt und scheint doch ewig weit weg. Über das Kopfsteinpflaster der Intzestraße brettern Lastwagen, die Luft riecht nach Diesel, in den Schlaglöchern sammeln sich Pfützen. Frankfurt-Neulinge sollten den Osthafen an einem grauen Herbst-Tag besuchen. Vogelgezwitscher und Sonnenschein würden das Bild nur verfälschen.

Manche mögen es Industrie-Romantik nennen: In der Schmickstraße arbeiten die Hafenkräne rund um die Uhr. Sie laden Container von Schiffen ab und heben sie anschließend auf die Hafenbahn, die die Fracht zum Bahnhof an der Hanauer Landstraße bringt. Das Brummen ihrer Motoren klingt monoton, nur ab und zu kracht es laut, wenn einer der Container zu Boden gelassen wird.

Bei Führungen über das 30 000 Quadratmeter große Gelände wird Ulrich Lang regelmäßig gefragt, was sich denn in den Behältnissen befinde. So genau kann das selbst der Sprecher des Hafengesellschaft Management nicht sagen: "Da kann alles drin sein: Lebensmittel, Hifi-Geräte, Textilien." Nur radioaktive und explosive Stoffe dürfen in den Containern nicht transportiert werden. 40 000 dieser Behälter kommen Jahr für Jahr am Osthafen an.

Nachts hat die Rückseite der Hanauer ihren Charme

Wer einen Spaziergang durch das Hafengebiet macht, läuft vorbei an Lagerhallen, Schrottplätzen und Speditionsfirmen, die ihr Gelände mit rostigem Stacheldraht gesichert haben. Vor allem nachts hat die Rückseite der Hanauer Landstraße, auf der von der neuen Ausrichtung des Ostends als Kreativstandort noch nichts angekommen ist, ihren eigenen Charme - finden zumindest manche Jugendlichen. Nach Besuchen in den Clubs an der Hanauer Landstraße streifen Mutige durch die dann unheimlich wirkenden Straßen. Gestattet ist das nicht. "Hafengebiet: Unbefugter Aufenthalt gemäß Hafenpolizeiverordnung nicht erlaubt. Zuwiderhandlung bis 500 Euro", steht auf Schildern an den Einfahrten zum Osthafen.

Einst muss es richtig idyllisch gewesen sein am Mainufer im Osten der Stadt. Fotografien beweisen, dass es auf dem heutigen Hafengebiet eine Flussbadeanstalt gab. An diese Zeiten erinnert nur noch der Schwedlersee, ein nicht erschlossenes Hafenbecken, das ein Schwimmverein nutzt. Der Frankfurter Gastronom Gabor Papp betreibt dort in der warmen Jahreszeit eine erfolgreiche Bar und lädt regelmäßig zu Partys ein.

Frankfurt verändert sich - sogar am Osthafen. Seit kurzem ist der Flohmarkt an die Lindleystraße gezogen. Und wenn sich ein Investor findet, wird an der Molenspitze des Unterhafens - ganz nah am neuen Standort der Europäischen Zentralbank - demnächst ein 60 Meter hoher Hotel-Turm gebaut. Spätestens dann wird das Postkarten-Frankfurt, das Trucker Bernd so abstoßend findet, auch am Hafen angekommen sein.

Autor:  GEORG LEPPERT
Datum:  10 | 12 | 2008
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