Frankfurt baut. Das neue Frankfurt. Wieder ein neues Frankfurt. Ein knappes Jahrhundert nach dem Neuen Frankfurt, für das bis heute Stadtbaumeister Ernst May steht. Hier, heißt es auf der schlichten Tafel auf der Ecke Altenhöferallee zur Marie-Curie-Straße hin, "hier entstehen in den nächsten Jahren: über 6000 Wohnungen und Häuser für rund 15.000 Menschen".
Klingt nach Gründerzeit, diese allmähliche Entwicklung eines neuen Stücks Frankfurt im Norden der Stadt. Auf dem Hang, der sich von der Lurgiallee aus, dem Straßenzug an der Grenze zum Mertonviertel, Richtung Taunus zieht. Ein Hang, an dem sich augenblicklich das gesamte Panorama dieses neuen Stücks Frankfurt auf einen Blick entfaltet. Acht Jahre, dann soll dort zwischen Niederursel und dem alten Kalbach alles gebaut sein. 2017, davon gehen zumindest die Planer aus, ist die Gründerzeit zu Ende.
Im Norden der Stadt entsteht gegenwärtig ein neues Quartier, in dem bis 2017 für etwa 15.000 Menschen insgesamt 6000 Wohnungen und Häuser gebaut sein sollen. Der Riedberg gehört zu Kalbach, einem 1972 mit anderen nördlichen Stadtteilen zu Frankfurt eingemeindeten Ort.
Wohnen und Arbeiten sollen auf dem Riedberg zusammenfinden: In den Häusern in insgesamt sieben Quartieren errichtet, sollen Wissenschaftler und Angestellte der benachbarten Universität künftig ein Zuhause finden.
Einen weiteren Campus will die Goethe-Universität schaffen, um auf dem Riedberg die Naturwissenschaftler komplett unterzubringen. Gegenwärtig baut man das Institut der Biowissenschaftler, das in diesem Jahr fertig sein soll.
Gründerzeit, findet Uwe Paulsen, Gründerzeit sei vielleicht doch ein bisschen zu groß gegriffen. Paulsen, ein Römer-Politiker im Namen der Grünen, denkt gleich an frühere Phasen des Aufbaus in dieser Stadt, konkret an die beiden Jahrzehnte vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert, als die Gründer ihrer Vorliebe für mindestens drei Meter dreißig hohe Decken in den innenstadtnahen Quartieren nachgingen.
Ein Atem später Moderne
Am Riedberg baut man flacher. Aber massiver. In strikt geometrischen Formen. Keine typischen Reihenhäuser, sondern sich nicht selten aus der Figur des Kubus schälende Gebäude etwa entlang der Riedbergallee. Moderne Häuser. Paulsen mag so etwas eigentlich. Und doch hält es ihn im Nordend.
Dabei lässt sich der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses nur zu gern von diesem Riedberg in den Bann ziehen. Weil das gesamte 256 Hektar große Areal, dem man heute immer noch die Vergangenheit als Acker ansehen kann, mittlerweile doch schon den Atem der späten Moderne verbreitet. Neulich erst setzte Paulsen eine Sitzung seines Ausschusses im FIZ an.
Und diese Einrichtung, die zusammen mit den universitären Instituten für Biochemie, Chemie, Pharmazie, Physik und Geowissenschaften sowie dem Max-Planck-Institut für Biophysik im ersten Bauabschnitt des Riedbergs entstanden ist, diese Einrichtung hat es Paulsen angetan: Mit diesem Zentrum für biotechnologische Unternehmen und dem neuen Uni-Standort erhalte der Riedberg erst "seine große Bedeutung für diese Stadt".
Die Planungen für den Riedberg gehen in die 90er Jahre zurück. Stadt und Land entdeckten damals gemeinsame Interessen. Nach dem sich nach dem Abzug des US-amerikanischen Militärs vom IG-Farben-Areal allmählich die Einsicht durchsetzte, das dortige IG-Farben-Gebäude als Mutterhaus der neuen Goethe-Universität zu nutzen und dort einen neuen Campus für die Geisteswissenschaftler zu schaffen, erschien es der Landesregierung nur konsequent, die Naturwissenschaftler perspektivisch vollständig auf dem Riedberg anzusiedeln.
8000 Studenten sollen dort später einmal ihrer Ausbildung nachgehen. Gegenwärtig sind es 3000. Ein Expansionskurs, der sich mit Überlegungen der Stadt verbinden ließ: Die flächenarme Kommune brauchte dringend Flächen, um neue Wohnquartiere ausweisen zu können.
So entsteht ein Quartier, das einen zauberhaften Ausblick bietet. Immer wieder wirft Uwe Paulsen bei diesem morgendlichen Rundgang an den betont schlicht errichteten Instituten und nicht selten zu Pastelltönen neigenden Wohngebäuden vorbei einen Blick zurück. Zur Stadt hin.
Abschied von der Finanzmetropole
Eine Stadt im Wandel. Früher, weiß Paulsen, habe man sich in Frankfurt schon stark darauf kapriziert, das Finanzzentrum der Republik zu sein. Nur gut, findet der Grünen-Politiker, dass ein Umdenken lange vor der aktuellen Krise eingesetzt habe, Frankfurt sich jetzt bemühe, Pharmaforschung und Biotechnologie zu einem stabilen Standbein zu machen. "Auf verschiedene Branchen zu setzen", das gehöre "zur neuen Strategie". Und das spreche sich allmählich rum.
Nur Außenstehende täten sich noch schwer damit, diesen Wandel zu erfassen. Deswegen müsse die Stadt noch mehr tun. Vielleicht, denkt der Vorsitzende des Ausschusses nach, vielleicht wäre es sinnvoll, Unternehmen würden sich an der bislang stadteigenen Wirtschaftsförderung beteiligen. Nach dem Vorbild der USA. Müsse kein Fehler sein, setzt der 55-Jährige hinzu.
Paulsen ist Lehrer. "Jeder Kollege", sagt er, würde sich über einen solchen Schulort wie an diesem Hang freuen: Wenn das neue Gymnasium, das erste Gymnasium in Frankfurt seit der früheren Gründerzeit übrigens, in den nächsten Jahren am Riedberg entstehen wird und der direkte Weg zur Wissenschaft so kurz ist, wie er an diesem Morgen bei diesem Rundgang an diesem neuen Ort erscheint, welcher Pädagoge sollte darüber nicht verzückt sein, findet Paulsen. Wenn er das alles recht betrachte, hält er es "im Prinzip schon für richtig", den Riedberg als "ein Viertel der Gründerzeit" zu bezeichnen. Einer neuen Zeit. Im neuen Frankfurt.

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