Die Kleinste setzt dem Klang die Krone auf. Die Kleinste sticht heraus, spielt sich in den Mittelpunkt. So gehört sich das. Vor allem weil es "seine" Kleine ist. Carsten Schwöbel schnappt sich den Schlüsselbund und geht voran zur schmalen Holztür an der Mainseite, die zur Dachgalerie und zum Glockenturm der Alten Nikolaikirche führt. Im engen Wendel führen 70 ausgetretene rote Sandsteinstufen in die Höhe und raus auf den Dachbalkon mit Blick über den Römerberg, wo sich vor kurzem noch Trauben von Menschen zwischen den Buden gedrängt haben und ihre Stimmen mit der Orgelmusik des nostalgischen Karussells als diffuser Klangteppich nach oben schallten.
Hier hat sich der Frankfurter Rat Anfang des 15. Jahrhunderts aufgestellt und vom Logenplatz aus Turniere oder Passionsspiele verfolgt und denen da unten gezeigt, dass sie da oben das Sagen haben. Heute steht Carsten Schwöbel oben, erzählt Zahlen, Daten, Fakten zu der einstigen Ratskapelle und ihren vier Glocken, zu denen 125 schmale Holzstiegen hoch in den Turm führen. 1956 hat die Glockengießerei Rincker in Sinn bei Wetzlar die vier Glocken als helle Klangkrone fürs Stadtgeläut gegossen. Ersatz fürs alte, im Zweiten Weltkrieg verloren gegangene alte Geläut.
Im Mai 1856 beschloss der Senat der Freien Stadt Frankfurt, zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten ein Geläut zu veranstalten, das später Großes Stadtgeläute genannt wird. Das Läuten aller Glocken ist in Frankfurt zwar seit 1347 belegt.
Die Planung des heutigen Großen Stadtgeläutes stammt aber von 1954. Alle 50 Glocken der Innenstadtkirchen Dom, Alte Nikolai, Paulskirche, Katharinen, Liebfrauen, Peterskirche, Heiliggeist, Kar-meliterklosterkirche, Leonhardskirche und Dreikönigskirche dribbdebach sind klanglich aufeinander abgestimmt.
Die Termine des Großen Stadtgeläutes orientieren sich an den Hochfesten des Kirchenjahres, das am 1. Adventssonntag beginnt: Samstag vor dem 1. Advent von 16.30 bis 17 Uhr Heiliger Abend von 17 bis 17.30 Uhr Samstag vor Ostern (Karsamstag) von 16.30 bis 17 Uhr Samstag vor Pfingsten von 16.30 bis 17 Uhr.
Es sind fast Glöckchen im Vergleich zur zwölf Tonnen schweren Gloriosa vom Dom, die ihr warmes, tiefes "e" über den Römerberg schwingen lässt. Und doch spielt sich das Nikolaigeläut mit seinem hellen Vierklang aus gis, h, cis und dem zweigestrichenen e als Melodiestimme in den Vordergrund. Die Kleine mit den kleinsten Glocken als Frontstimme. "Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster" steht auf der 238 Kilo schweren Dankesglocke. Sie ist die Zweitkleinste im Bunde, zu dem noch die Versöhnungsglocke, die Christus- und die 145 Kilo leichte Gebetsglocke gehören. Carsten Schwöbel muss lächeln. Vielleicht weil das 1,3 Tonnen schwere Quartett nach seinem Geschmack durchaus etwas runder und voller klingen könnte.
Harsche Kritik des Hausherrn. Die Zehntausende, die sich wie jedes Jahr auch heute wieder zum Großen Stadtgeläut auf Römerberg und Paulsplatz drängen oder sich zum Klangspaziergang zwischen den zehn Innenstadtkirchen aufmachen, die mit ihrem Halbstunden-Open-Air-Konzert Weihnachten schlagen.
Einstimmung aufs Fest
Emotionsgeladene 30 Minuten, die nur schwer in Worte zu fassen sind. Für die einen sind sie Sammelpunkt, um Freunden und Bekannten Weihnachten zu wünschen, für die anderen Zeit, um zu sich zu kommen und sich auf das Fest einzustimmen. Und es gehört einfach zu Frankfurt. Bereits aus dem Jahr 1347 ist das erste "Gesamtgeläute" überliefert. Zu Ehren des verstorbenen Kaisers Ludwig des Bayern. Seit 1856 ist es ein - sogar vom Rat beschlossener - Brauch der Stadt, unabhängig von den Gottesdienstzeiten viermal im Jahr 30 Minuten lang alle 50 Glocken der zehn Innenstadtkirchen läuten zu lassen. "Als Bereicherung für die Bürger und als Beitrag zur Förderung des Fremdenverkehrs" wie es in einem der späteren Beschlüsse heißt, mit dem das Stadtgeläut immer mal wieder als Institution bestätigt wurde. Bis zum Zweiten Weltkrieg haben sie vom Klang her alle wild durcheinandergeläutet, die Glocken der Innenstadtkirchen. Während des Kriegs ging dann gar nichts mehr. Die Nazis holten 1942 aus Frankfurt 252 Glocken als Metallreserve aus den Türmen. Einige kamen zurück, nachdem die Alliierten die Schmelze auf der Hamburger Werft zerstört hatten. So bekamen die Frankfurter ihre Gloriosa samt acht weiteren Domglocken wieder. 1944 wurden alle Dotationskirchen zerstört, lediglich die Alte Nikolaikirche, sagt Küster Schwöbel, hat das Bombardement weitgehend unbeschadet überstanden. "Nur der Dachstuhl ist ausgebrannt." Mit den Glocken. 1954 beauftragte die Stadt den Mainzer Glockensachverständigen Paul Smets und den Glockengießer Fritz Rincker beim Wiederaufbau der Kirchen, ein harmonisches Geläute zu planen. Das neunstimmige Domgeläut über zwei Oktaven sollte die Basis sein.
Heute, Schlag 17 Uhr, schallt die Harmonie der 50 Glocken wieder durch die Stadt. Für Küster Carsten Schwöbel auch nach Jahren noch ergreifend. Voll konzentriert sitzt er dann und gibt per Knopfdruck den Einsatz fürs Geläut. "Es ist ein Märchen, dass alles per Computer zentralgesteuert ist." Also Obacht. Bloß nichts verpassen. Bloß keine Katastrophe wie Ende der 1990er, als sich in der Paulskirche die Christusglocke löste und am Boden zerschellte. Aber darüber spricht man nicht. Nur über Genuss. Küster Schwöbel empfiehlt als Standort das Sachsenhäuser Mainufer. "Das ist es auch nicht so voll."

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