Jürgen Wauch spricht von Liebe. Über Jahrzehnte ist sie ihm ans Herz gewachsen, hat ihn gefordert, ihm aber auch viele Freiräume gelassen. Nach 26 Jahren nun war die Trennung dennoch unvermeidlich. Allerdings ohne Zerwürfnis. Ganz im Gegenteil. Es ist ein Abschied im Guten, und einer auf Raten. Fast jeden Tag ist er heute noch bei ihr. Es fällt dem 66-Jährigen schwer sie loszulassen, die Klinik an der Nibelungenallee, besser bekannt als Bürgerhospital.
"Diese Liebe", sagt der ehemalige Klinikdirektor, der Ende Juni dieses Jahres in den Ruhestand ging, "hat viel mit der Senckenbergischen Stiftung zu tun." Um das zu erklären, muss Wauch weit ausholen. Am 18. August 1763 gründet Johann Christian Senckenberg die nach ihm benannte Stiftung mit dem Ziel, die medizinisch-naturwissenschaftliche Forschung und das städtische Gesundheitswesen zu fördern. Senckenberg setzte vier Ärzte als "Collegium medicum" ein, das über die medizinische Weiterentwicklung der Stiftung entscheiden sollte. Um den Einfluss der Ratsherren zu begrenzen, stellte der Arzt dem "Collegium medicum" so genannte "Coexecutoren" zur Seite.
Der Frankfurter Arzt Johann Christian Senckenberg (1707-1772) erweitert am 10.Dezember 1765 seine Stiftung um ein Hospital für bedürftige Bürger. Am 21. März 1779 feiert die Klinik am Eschenheimer Tor Eröffnung.
Nach mehreren Erweiterungen auf dem Stiftungsgelände zieht das Hospital am 18. August 1907 an die Nibelungenallee. 305 Betten stehen in dem Haus heute zur Verfügung, die im Jahr 2008 von rund 14.000 vollstationären Patienten belegt waren.
Die Fachbereiche sind Chirurgie, Innere Medizin, Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Neonatologie, Augenheilkunde, Suchterkrankungen, Anästhesie und Radiologie.
Zum Jahreswechsel fusioniert das Bürgerhospital mit dem Clementine-Kinderhospital der Dr. Christ'schen Stiftung. Die Identität beider Häuser soll gewahrt bleiben. Bereits jetzt ist die Frauenklinik mit jährlich mehr als 2000 Geburten ein Aushängeschild des Krankenhauses.
Im Sinne Senckenbergs ist die Klinik Akademisches Lehrkrankenhaus der Johann Wolfgang Goethe-Universität.
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Noch heute verwalten vier Ärzte und vier namhafte Wirtschaftsfachleute die Stiftung. "Das hat mir immer enorme Entscheidungsspielräume gegeben", erinnert sich Wauch. Kurze Wege, schnelle Entscheidungen. "Ganz anders als in städtischen Kliniken."
Dem Geiste Senckenbergs fühlte sich Wauch immer verpflichtet, auch wenn der reine Krankenhausbetrieb inzwischen aus der Stiftung ausgegliedert ist und von einem Verein verantwortet wird. Senckenbergs Idee aber, die Medizin voranzubringen und eine stationäre Versorgung für die Frankfurter Bürger zu schaffen, steht auch in der aktuellen Satzung des Vereins. Hervorragende Mediziner in den Fachbereichen und eine gute Pflege sind für Wauch die Eckpfeiler des Erfolgs.
Johann Matthäus Auernhammer war der erste, der dank Senckenbergs Engagement in den Genuss einer medizinischen Behandlung im Bürgerhospital kam. Am 19. Februar 1779 wandte sich der 74-Jährige an das Bürgerhospital, weil ihn Schmerzen in der Brust und Kurzatmigkeit plagten. Das neu errichtete Krankenhaus an der Stiftstraße, unweit des Eschenheimer Turms, feierte seine offizielle Eröffnung zwar erst fünf Wochen später, die Ärzte behielten Auernhammer dennoch gleich da.
Absturz des Stifters
Weder die Aufnahme des ersten Patienten noch die Eröffnungsfeier durfte der Stifter Senckenberg noch miterleben. Am 15. November 1772, anderthalb Jahre nach der Grundsteinlegung, war er von dem Gerüst gestürzt, das damals das Uhrtürmchen auf dem Dach des neu errichteten Krankenhauses umgab. Noch am selben Abend verstarb er. Zwar hatte Senckenberg die Sektion seines Leichnams noch zu Lebzeiten untersagt, das Gesetz schrieb aber eine Untersuchung bei "gewaltvollen" Todesursachen zwingend vor. Zwei Tage nach Senckenbergs Tod war sein Leichnam der erste, der in der neu errichteten Anatomie des Bürgerhospitals geöffnet wurde.
Eine Rekonstruktion des Uhrtürmchens thront auch über dem Neubau der Klinik, der 1907 an der Nibelungenallee eröffnet wurde. Johann Christian Senckenberg machte den Umzug ins Nordend in seiner letzten Ruhestätte mit: Sein Grab schließt sich an das prächtige Portal des Stiftshauses an. Innerhalb des Hauses lebt der Stifter weiter. Über der Tür zum Sitzungszimmer der Verwaltung etwa, in dem auch der Stiftungsrat tagt, findet sich seine Vision vom "nützlichen Hospital", in dem sich Patienten gerne aufhalten.
Im Säuglingsbereich, der im angrenzenden Neubau untergebracht ist, setzte man dieses Anliegen Senckenbergs 2008 um. Warme Gelb- und Rottöne bestimmen das Bild, die Zimmer haben mit Fernseher, Stereoanlage und Internetanschluss eher Hotelniveau. Dasselbe gilt für den kleinen Speisesaal, in dem sich gerade ein junger Vater am Salatbuffet bedient. "Haben wir ein Zimmer frei?", fragt Jürgen Wauch eine Schwester. "Alles belegt", antwortet die.
Die Geburtshilfe ist im Bürgerhospital traditionell eine wichtige Säule in der medizinischen Versorgung. Mit knapp 2400 Geburten rechnet Wauch in diesem Jahr. In der Stimme des ehemaligen Direktors klingt Stolz mit, auch wenn er von den anderen Bereichen der Klinik spricht. Dazu mischt sich ab und zu auch etwas Wehmut. Im ersten Halbjahr 2009 soll für ihn endgültig Schluss sein. Die Liebe zum Bürgerhospital aber dürfte andauern.

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