Sindlingen schaut auf Industrie. Gleich von welcher Stichstraße aus man Richtung Main schaut, ist sie allgegenwärtig: die ehemalige Hoechst AG mit ihren Kühltürmen, Produktionsanlagen, Schloten, aus denen weißer Rauch zum Himmel steigt. Der Industriepark ist aber mehr als nur Kulisse. Er hat den südwestlichsten Frankfurter Stadtteil am Main zu Beginn des 20. Jahrhunderts wachsen lassen, dem alten Sindlinger Ortskern im Süden ein neues Sindlingen im Norden dazubeschert und an der Albert-Blank-Straße gar Reihenhäuser für Farbwerker hochgezogen.
"Die Sindlinger waren zum größten Teil Farbwerker", sagt Gotthard Schlereth, Seniorchef von Samen Schmitt in der Farbenstraße. Die neuen aus dem Norden sowieso, aber auch die Jungen der Bauern und Handwerker aus dem alten Ort rund um Huthmacher- und Allesinastraße bis zum Main runter, machten "rüber"in den Industriepark.
Der südwestlichste Stadtteil Frankfurts ist mit 88 Metern über Normalnull am Sindlinger Mainufer auch der tiefst liegende Punkt Frankfurts.
Der Ort, der 763 erstmals urkundlich erwähnt wurde, zählt heute 8880 Einwohner, die Gemarkungsfläche beträgt 515,1 Hektar. Die erste Eingemeindung erfolgte am 1. April 1917 nach Höchst, am 1. April 1928 wurde Sindlingen Frankfurt zugeschlagen.
Die einstige Hoechst AG hat ihre Spuren nicht nur in Straßennamen hinterlassen wie "Hoechster Farbenstraße" oder dem "Feierabendweg" am Main mit Blick auf den Industriepark.
Im Meisterpark ließ der Gründer der Farbenwerke Hoechst, Herbert von Meister, seine schlossähnliche "Villa Meister" im Stil des Neobarock erbauen und rund um das Anwesen mit Orangerie, Ställen, Kutscher- und Gärtnerhaus einen Landschaftspark im italienischen Stil mit Putten und Marmorbänken anlegen.
Heute wird das Anwesen als Reha-Zentrum für ehemalige Drogenkranke genutzt, der Reitstall ist das Domizil der Sindlinger Pferdefreunde. Der alte Ortskern Sindlingens gehört zu den historisch wertvollsten im Frankfurter Westen. Rund 150 Gebäude sind denkmalgeschützt. Darunter der Zehnthof, der heute Altenwohnanlage ist.
Bekannte Orte: St. Dionysiuskirche (1823-25), Huthmacherstraße; Haus Sindlingen, Richard-Weidlich-Platz, Schauplatz der RAF-Prozesse 1974.
Im alten Ort ist das Leben trotzdem beschaulich geblieben. Die Straßen und Gassen rund um die katholische Kirche St. Dionysius sind schmal und gepflastert, schmucke Klinkerhäuschen mit eingewachsenen Gärten stehen zwischen renovierten Fachwerkhöfen mit spitzen Giebeln, Ställe und Scheunen in den Innenhöfen sind zu schicken Wohnungen ausgebaut. Der alte Zehnthof, einst stattliches Hofgut neben der Kirche, ist zur Altenwohnanlage umfunktioniert. Schräg gegenüber baumelt das Schild der Schuhmacherei Nikolaus Moos im Wind, preist die Friseurstube Staengle ihre Dienste an. An Stadt denkt hier niemand. "Es lebt sich recht ruhig und nett im alten Ort", sagt Schlereth. Der Rentner, der morgens noch im Laden hilft, ist in Alt-Sindlingen geboren, hat 1959 das Sämereigeschäft vom Onkel übernommen, das jetzt sein Sohn weiterführt. Nebenan über die Straße ist Sindlingens letzte Metzgerei, schräg gegenüber der türkische Lebensmittelladen und Zeitschriften Alex, am alten Dallesplatz die Adlerapotheke, vis a vis das Hotel Post, unten drin Rewe. Man kennt sich im alten Ort, trifft sich im Turnverein, bei den Fußballern vom 1. FC Viktoria oder im Gesangsverein Germania, wo auch Schlereth mitsingt. Und natürlich am Main, wo die Stadt im Windschatten der Werksbrücke West mit ihren 52 Meter hohen Pylonen Bänke aufgestellt, Spazierwege und einen Spielplatz angelegt hat.
Trotzdem nennt sich Schlereth einen Frankfurter und städtisch - so wie es Sindlingen Nord, jenseits der Bahngleise schon immer eher war. Mit den zweigeschossigen Arbeiter-Reihenhäusern der Ferdinand-Hofmann-Siedlung aus den 20er Jahren, die ein wenig aussehen wie italienische Palazzi. Sie enden im Halbkreis des Richard-Weidlich-Platzes, den die abgesenkte Bahnstraße unter den Gleisen hindurch wie eine Schneise durchschlägt. In den 50er Jahren ist die Ferdinand-Hofmann-Siedlung um fünfstöckige Mehrfamilienriegel gewachsen - die Wohnungsknappheit forderte Tribut. Sie hat auch im alten Ort entlang der Hermann-Brill-Straße Häuserriegel wachsen lassen. Schmutzig-beige stehen sie in Reih und Glied. In den Wohnungen leben zum Großteil Familien, die aus dem Ausland stammen, sagt Schlereth. Das Zusammenleben mit den Alteingesessenen laufe trotzdem gut. Zumal vor Sindlingen, mit dem Flughafen vor der Haustür, ohnehin die große weite Welt beginnt - und der Stadtteil selbst immer internationaler wird. Nicht nur wegen der vielen Flughafenmitarbeiter, die sich in der Neubausiedlung Richtung Westen von Sindlingen-Nord niederlassen. Auch wegen der internationalen Schule, vor die morgens Autos aus Mannheim, Worms und sonst wo her rollen, wie Anlieger sagen. Vor Jahren stand der nagelneue Flachdachkomplex noch allein in freier Flur. Allmählich wachsen Häuser nach, verpassen Sindlingen im Westen einen neuen Rahmen.
Aus der alten Zweiteilung Nord-Süd ist eine Dreiteilung geworden, sagt Schlereth. "Der Bereich um die Internationale Schule ist wie ein eigener Stadtteil." Noch. Früher haben das die Alteingesessenen auch vom Norden gesagt, räumt er ein. Und dass sich "inzwischen alles gut durchmischt hat". Mit dem neuen Westen irgendwann sicher auch.

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