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Frankfurt für Anfänger: Kraut und Rüben

Stur sollen sie sein, die Oberräder. Der Ortsteil ist ein Stadtdorf mit Ruhe und hohen Ansprüchen. Von Matthias Arning

Stur sollen sie sein, die Oberräder. Leute, die es Zugezogenen schwer machen, Anschluss zu finden. Zumindest wird ihnen das nachgesagt. Die Inhaberin der Bäckerei an der Offenbacher Landstraße stadtauswärts nickt vielsagend. Vor vier Jahren hat sie den Laden übernommen, nach Oberrad ziehen wollte sie nicht. "Es dauert, bis die Einheimischen nicht mehr nur vorbeilaufen."

Beate Menges, selbst gebürtige Oberräderin, kennt die nachgesagten Charakteristika. Nachempfinden kann sie sie nicht. "Geht ja schlecht als Einheimische." Oberräder unter sich seien jedenfalls ziemlich redselig. "Schnell mal einkaufen gehen, kann ich nie, weil man laufend jemanden trifft und stehen bleibt." In der Offenbacher Landstraße beidseits des Buchrainplatzes versteht sich. Dem Dalles Oberrads. Herz und Drehkreuz, das nüchtern betrachtet nicht mehr als ein wenig attraktiver Verkehrskreisel für Straßenbahnen und Autos ist.

Oberrad

Das Gärtnerdorf an der Grenze zu Offenbach hat 12 385 Einwohner und ist 273,9 Hektar groß. Am 1. Juli 1900 wurde der Ort nach Frankfurt eingemeindet.

Ab dem 16. Jahrhundert verlegen sich die Viehbauern auf Getreide-, Wein-, Obst- und schließlich auf den Gemüseanbau. Im 18. und 19. Jahrhundert wird Oberrad zum Ausflugs-ziel und Sommersitz wohlhabender Frankfurter.

Berühmtestes Paar: Johann Wolfgang von Goethe, der sich mit Marianne von Willemer 1814 und 1815 an der Gerbermühle traf. Im Zweiten Weltkrieg wurde Oberrad durch britische Bombenangriffe 1943/1944 zu 90 Prozent zerstört.

1951 begann der Wiederaufbau in größerem Umfang. Sehenswürdigkeiten/Naherholung: Herz-Jesu-Kirche, Waldspielplatz Scheerwald, Waldfriedhof mit neoklassizistischer Friedhofskapelle, Gerbermühle.

Aber dort gibt es die meisten Geschäfte: Rewe, Toto-Lotto, der Blumenladen, die Traditionsgaststätte "Zum Hirsch", der in diesem Jahr 300-Jähriges feiert. Vor einem Jahr haben Ingrid Bart und Jürgen Liller das Lokal von der alten Wirtin Helga Röhrl übernommen. "Wenn man es schafft, sich in einer Gruppe oder einem Verein zu etablieren, wird man gut aufgenommen." Gesangverein, Sportverein, Skiclub - als neuer "Traditionswirt" hat es der Rodgauer Liller leichter gehabt als Zugezogene. Ein einfaches Pflaster sei Oberrad dennoch nicht: "Die Oberräder stellen hohe Ansprüche und gleichzeitig soll alles bleiben wie früher." Auch die Preise.

Typisch Dorf eben. Auch Beate Menges sagt das. Und ein Dorf sei Oberrad nach wie vor. Trotz der 70er-Jahre Wohnhochhäuser, die sich als schäbige Betonwandkulisse gegen Ende der Offenbacher Landstraße und ihrer langen Parallele, der Wiener Straße, Richtung Offenbach ziehen. Trotz der vielen Zuzügler, unter anderem Ex-Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien. Viele Alteingesessene sind weggestorben, sagt Menges, ihre Kinder weggezogen. Und doch gibt es noch genügend Oberräder, die "immer mehr wissen als man selbst". Und die in Gruppen glucken: Die Jungen bei der Wilden Hilde, die Älteren im Hirsch oder in der Wild-Stubb'. Für Beate Menges, die im Wechsel im Blumenladen an der Offenbacher und bei Bäcker Kling an der Grenze zu Sachsenhausen arbeitet, macht das den Charme des Dorfes aus. Ein Charme, der optisch allerdings kaum ins Auge sticht. Die Offenbacher Landstraße ist zerfurcht von den Gleisen der Linien 15 und 16, ist links und rechts zugeparkt und die Häuser geben mindestens so ein reichhaltiges Kraut und Rüben ab, wie es die Gemüsefelder dorfabwärts Richtung Main und dorfaufwärts Richtung Stadtwald tun.

Gärtnerdorf. Grüne-Soßen-Kräuter-Felder. Mit sieben Mini-Gewächshäusern aus grünem Glas - für jedes der sieben Grüne-Soßen-Kräutlein eines - hat die Stadt dem Oberräder Gartenbau ein Denkmal gesetzt. Die Gemüsefelder sind geblieben, auch wenn es nur noch ein Dutzend Gärtner sind, die die 130 Hektar Land bewirtschaften - oben am Wald, in der Gärtnersiedlung "Im Teller" von Ernst May und unten in den Mainwiesen mit Blick auf die Skyline.

Felder, Gärten, Wald - das prägt Oberrad nach wie vor, sagt Beate Menges. Und vom Wald her lässt sich auch eine ganze andere Geschichte des Stadtteils erzählen, den man dafür am besten über den Steilhang des Buchrainwegs hinter sich lässt. Hoch bis zum Waldrand und links in den Burgenlandweg bis zum Waldfriedhof: Das lärmige Oberrad rund um den Buchrainplatz ist ausgeblendet, man tritt durchs Friedhofstor und taucht ein in den alten Baumbestand des Stadtwalds. Üppige Rhododendren umschmeicheln die Baumriesen, die sich kahl und blattlos in den Himmel recken. Efeu kriecht an ihren Stämmen hoch, zwischen Laubhaufen tauchen fast unscheinbar Gräber auf. Viele mit Natursteinen, als wollten sie das Urwüchsige des Waldes nicht stören.

Nicht nur Oberräder kommen hier zur Ruhe - in doppeltem Wortsinn. Gestresste Städter genießen den Ort, der nicht nur in die Stille, sondern auch in die Vergangenheit führt. Ein hohes Sandsteinkreuz erinnert am Rand einer Waldwiese an die Opfer der Weltkriege, schlichte Steinplatten an die Gefallenen. Geschlossene Reihen - auch im Tod. Wenige Meter weiter schimmern weiße Marmorsteine durchs Grün: Wie abgerundete Dominosteine stehen sie in Reih' und Glied. 800 Niederländer, die im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter und Deportierte nach Deutschland verschleppt worden waren, haben auf dem Waldfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden. Ein Eichhörnchen huscht über die Wiese und saust am Stamm einer alten Buche hoch - nicht der schlechteste Ort.

Autor:  ANITA STRECKER
Datum:  2 | 12 | 2008
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