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Frankfurt für Anfänger: Mitten im Leben

Arthur Schopenhauers Grab auf dem Hauptfriedhof ist ein Ort der Besinnung. Der Philosoph hatte ja auch Einsamkeit als Glück propagiert. Von Anita Srecker

Simpel, kalt, klar: So hätte es der harte Philosoph gemocht.
Simpel, kalt, klar: So hätte es der harte Philosoph gemocht.
Foto: FR/Kraus

Der Mensch muss zur Ruhe kommen. Autos brausen über den Alleenring und die Eckenheimer Landstraße, Passanten hasten über die Kreuzung, Hupkonzert vor der Tankstelle, weil irgend ein Idiot irgendeinem anderen die Vorfahrt genommen hat.

Der Mensch muss zur Ruhe kommen. Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat das schon vor gut 150 Jahren angemahnt. "Es ist eine große Torheit, um ,nach außen' zu gewinnen, ,nach innen' zu verlieren, das heißt für Glanz, Prunk, Titel und Ehre, seine Ruhe, Muße und Unabhängigkeit ganz oder großenteils hinzugeben." Er ging noch weiter. "Ein Hauptstudium der Jugend sollte sein, die Einsamkeit ertragen lernen, weil sie eine Quelle des Glücks und der Gemütsruhe ist."

Arthur Schopenhauer

Als Spross einer angesehenen Danziger Kaufmannsdynastie wurde Arthur Schopenhauer am 22. Februar 1788 in Danzig geboren. Seine Mutter Johanna wurde später als Schriftstellerin bekannt. 1793 siedelt die Familie nach Hamburg um, weil sich die Preußen Danzig einverleiben.

Nach einer Kaufmannslehre beginnt er 1809 in Göttingen Medizin zu studieren, wechselte dann zu Philosophie, erwarb den Doktortitel der Philosophie. Goethe wird auf den jungen Schopenhauer aufmerksam, es kommt zu häufigen Begegnungen aus der gegenseitig Wertschätzung erwächst.

1815 veröffentlichte Schopenhauer wie Goethe eine eigene Farbenlehre. Sein Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" folgte in erster Fassung Anfang 1819.

Zur Ruhe kommen lernen, im rasenden Frankfurt. Schopenhauer bietet tatsächlich den Fluchtweg. Fluchtweg Hauptfriedhof, altes Portal. Im Gewann A, Grab 24 hat der Philosoph seine letzte Ruhe gefunden. 1833 zog er von Berlin nach Frankfurt. "Gesundes Klima. Schöne Gegend. Annehmlichkeiten großer Städte. Besseres Lesezimmer. Das Naturhistorische Museum. Besseres Schauspiel, Oper und Concerte. Mehr Engländer. Bessere Kaffeehäuser. Kein schlechtes Wetter...."

Wirklichkeit ist, was man subjektiv wahrnimmt. Auch das - knapp zusammengefasst - hat der werte Schopenhauer vertreten und ausgeführt in seinem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung". Also Frankfurt. Erst hat er in Untermiete gewohnt, sich 1843 dann mit seinem Pudel im Haus Schöne Aussicht 16 einquartiert und ein Jahr vor seinem Tod ins Haus nebenan. Vor der Haustür fand er Ruhe, spazierte er stundenlang mit Pudel "Atman" am Main entlang, vertieft in Gedanken und ins gestenreiche Zwiegespräch, das mit er mit seinem Vierbeiner führte. Tatsächlich das einzige Lebewesen, das ständig in seiner Nähe sein durfte. Und das nach seinem Hundetod sofort durch einen neuen Pudel "Atman" ersetzt wurde. Ein hübsches Bild. Zumal, wenn man weiß, dass Atman Sanskrit ist und zu Deutsch "Lebenshauch" heißt.

Die Welt ist ein Jammertal

Er hat's ja ohnehin mit dem Buddhismus gehabt. Eine Religion, die Schopenhauer weit näher war als die christliche. Durch Askese, die Verneinung des eigenen Willens werde man Erlösung finden, den Weg ins Nirvana. Die Welt hat er als Jammertal bezeichnet. Weil alle ihrem Willen, ihrer Lust und ihrem Verlangen nur hinterherhechelten, nie endgültig befriedigt werden könnten. So gesehen sei der Mensch zu keiner Glückseligkeit fähig.

Seine Mutter Johanna soll von dem ständigen Missmut ihres Sohnes genervt gewesen sein und die pessimistische Weltsicht hat sicherlich zu seinem Ruf beigetragen, ein unverbesserlicher Menschenfeind zu sein. Immerhin hat er sich sogar selbst als solchen bezeichnet. Gnädige Interpreten indes melden Zweifel an, sprechen - wohl in postmortaler Milde - eher von Einzelgänger.

Am Ort seiner letzten Ruhe, nahe der Friedhofsmauer, hat das alles nichts geholfen. Eine niedrige Koniferenhecke, als schützendes Viereck gepflanzt, schirmt den schlichten grauen Stein mit der Namensinschrift Schopenhauers zwar von seiner Umgebung ab. Aber von der Eckenheimer Straße tönt lauter Verkehrslärm herüber. Mitten im Leben. Und allein ist der Misanthrop auch nicht geblieben: Arthur Hübscher, jahrzehntelanger Leiter der Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft, hat sich im Heckenviereck direkt neben Schopenhauer beerdigen lassen. Auch eine Wahrheit.

Autor:  ANITA STRECKER
Datum:  4 | 2 | 2009
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